Bahn fahren und alles verlieren.

Letzte Woche hat mich meine Mutter in Berlin besucht. Das macht sie schon seit Jahren und seit meine Tochter auf der Welt ist immer öfter. Oma ist, wie bei vielen Familien der Notnagel, wenn es mal eng wird, und ich habe das Glück, dass sie aus Braunschweig mit dem ICE schnell mal vorbeikommen kann. Mit fast 80 flitzt sie jedes Mal ins Reisebüro und holt sich dort ihr Bahnticket. Natürlich besitzt sie eine Bahncard denn sie ist ein treuer Stammkunde.

Und jetzt ist es passiert. Meine Mutter hat ihre Handtasche am Platz liegen gelassen. Sie weiß nicht, wie das geschehen konnte. Sie macht sich seit dem Vorwürfe. Das ist ihr noch nie passiert, so was darf ihr nicht passieren und ich versuche sie zu beruhigen und erkläre das man in 80 Jahren auch etwas verlieren darf. Aber das tröstet sie nicht hinweg über den Verlust oder wie sie es nennt ihre Dummheit. Was ich damit sagen will, für meine Mutter ist es ein Desaster und keine Lappalie, nicht nur aus finanzieller Sicht.

Als ich in die Bahnhofshalle am Ostbahnhof komme um sie abzuholen steht sie zitternd am Servicepoint und wartet geduldig, bis sie an der Reihe ist. Ich sehe sofort, da stimmt was nicht. Sie schaut mich nur verzweifelt an und versucht ihrem Mitarbeiter zu erklären, was passiert ist. Alles ist weg. Geld, Schlüssel, Fahrkarte, Bahncard, Ausweis, Brille, EC-Karte, sie hat Tränen in den Augen.

Und was macht ihr Mitarbeiter? Arbeit nach Routine. Er drückt ihr emotionslos ein Formular in die Hand. Sie solle es ausfüllen und dann wird sie benachrichtigt, wenn etwas gefunden wird. Ihm ist offensichtlich völlig egal, wie es ihr geht. Er kapiert auch nicht, dass sie ohne Brille das Formular gar nicht ausfüllen kann, dass sie im Moment gar nicht in der Lage ist, klar zu denken, geschweige denn ihm zu sagen, in welchem Wagen sie gesessen hat oder welche Zugnummer der ICE hatte. Alles, was sie im Moment weiß, der Zug kam aus Braunschweig.

Endstation Berlin Ostbahnhof

Ich frage, ob man den Zug nicht erreichen könne, um nachzufragen, ob die Tasche vielleicht gefunden wurde. Er schaut mich verständnislos an. Und sagt völlig entgeistert, den Zug könne man nicht erreichen. HALLO! Im Zeitalter der Kommunikation kann ich einen ICE nicht erreichen? Was ist, wenn ich ihm sage, dass eine Bombe an Bord ist? Schickt er dann vielleicht eine Brieftaube los? Er erklärt mir, dass im Normalfall der Zug jetzt verschlossen ins Depot fährt und dort darauf wartet, in 2-3 Tagen vom Reinigungspersonal gesäubert zu werden. Was dann gefunden wird wandert in der Regel zur Fundstelle im Bahnhof Zoo und da können wir nächste Woche nachfragen. Ich muss jetzt aufpassen. In mir fängt es so langsam an zu brodeln, aber ich weiß, immer nett lächeln bringt mich hier weiter als die Konfontation.

Zweiter Versuch. Ich erkläre freundlich, aber bestimmt, dass das für mich kein Normalfall ist, kein liegen gelassener Regenschirm oder ein paar Handschuhe. Außerdem fährt meine Mutter in 3 Tagen wieder nach Hause!  Für ihn ist der Fall längst erledigt, er will uns jetzt loswerden: „Was glauben sie, wie vielen Leuten es so geht wie ihnen.“ Ach ja, schön. Und was hat er daraus gelernt? Nix. Ihm ist das völlig egal, sein Blick wandert leicht genervt auf seine Uhr. Routine, Normalfall, in der Regel, das sind Stichworte die mich gleich explodieren lassen.

„Wo fährt der Zug den jetzt hin?“ „Ins Depot nach Rummelsburg.“ „Okay, wo ist das? Ich fahre da jetzt hin.“ „Was wollen sie denn da?“ „Na schauen, ob die Tasche im Zug ist!“ „Da kommen sie doch gar nicht rein, das ist Betriebsgelände.“ „Aber da gibt es doch sicher einen Pförtner, der mit mir zusammen zum Zug gehen kann.“ „Da ist jetzt niemand.“ Patt. Der ist schlagfertig, aber ich gebe nicht auf. „Kann ich die Telefonnummer vom Betriebsgelände haben.“ Er wird jetzt langsam unsicher. Bespricht sich mit seiner Kollegin, ob er die Nummer herausgeben darf und ich frage mich, warum nicht. Haben sie Angst, dass die Leute pausenlos in Rummelsburg anrufen? Ich möchte nur, dass sich jemand endlich verantwortlich fühlt und uns hilft. Er ist offensichtlich nicht gewohnt, das jemand nicht locker lässt. Sich nicht mit dem Formular von dannen trollt und ihm seine Ruhe lässt.

Wir gehen nicht und er bietet endlich an doch dort anzurufen, so in einer Stunde etwa. Wir können ja so lange warten. Aber es gibt noch ein Problem, er hat jetzt auch bald Schichtwechsel lässt er uns wissen und dann müsste er das an den Kollegen übergeben, Bla, bla, bla, …

Jetzt reicht es. Ich drücke ihm meine Karte in die Hand und bitte darum, dass er mich anruft, sobald er jemanden erreicht hat. Wir gehen, denn ich werde Teufel tun und mit meiner aufgelösten Mutter am Bahnhof warten bis irgendwann mal irgendwo angerufen wird.

Man glaubt es kaum, eine Stunde später klingelt mein Telefon, eine freundliche Mitarbeiterin der Bahn teilt mir mit, dass jemand durch den Zug gegangen ist. Die Tasche wurde nicht gefunden. Leider.

Komisch, wo der Zug doch schon am Bahnhof verschlossen wurde. Aber gut, ich war nicht vor Ort und möchte niemandem etwas unterstellen.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Ich war seit dem bei der Fundstelle und habe mit der Reinigungsfirma telefoniert. Alles bisher ohne Erfolg. Am Freitag erwarten sie noch eine Lieferung aus Rummelsburg. Vielleicht ist die Tasche dann dabei.

Ich frage mich, was mit meiner Mutter auf einer anderen Fahrt, in eine andere Stadt passiert wäre. Ohne Geld, ohne Ausweis, ohne Fahrkarte. Hätte ihr jemand geholfen? Wäre sie dann in der Bahnhofsmission gelandet? Wahrscheinlich hätte ich ihr von Berlin aus irgendwie ein Hotelzimmer buchen oder Geld überweisen können. Aber schön ist der Gedanke nicht.

Meine Mutter wird sich eine neue Bahncard besorgen. Ja, sie können ganz beruhigt sein, sie haben keinen Kunden verloren, sie wird weiterhin mit der Bahn fahren, denn für sie ist es die beste Möglichkeit nach Berlin zu kommen und der Bus keine Alternative.

Aber ich bin nicht beruhigt. Es wäre mir wohler, wenn ich wüsste, dass sie in Zukunft im Notfall nicht alleine wäre. Wenn ich wüsste, da ist jemand, der kurz fragt, ob alles Okay ist, der ihr weiter hilft, statt seiner Routine zu folgen.  Ich würde meine Mutter gerne mit gutem Gewissen weiterhin Bahn fahren lassen, denn sie wird nicht jünger! Geht das?

Ich freue mich auf ihre Antwort.

Britta Smyrak

 

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4 Kommentare

  • Silke sagt:

    Liebe Britta,
    mir ist leider im letzten Jahr etwas ähnliches passiert. Ich war mit beiden Kindern und reichlich Gepäck im IC. Und habe die Tasche mit meinem Laptop stehen lassen in der Hektik des Aussteigens. Habe es zwar sofort bemerkt, doch der Zug war weg. Nein, es war nicht möglich, den Zug zu kontakten. Niemand konnte rasch zu dem Wagen gehen (ich wusste die Nr noch).
    Da wäre erst möglich, wenn der Zug in Stuttgart die Fahrt beende (ich stieg in Bremen aus). Geholfen hat mir niemand. Den Antrag habe ich auch gestellt, das Nachfragen hat nichts genützt. Die Tasche mit Gerät war (und ist weg). Das hätte nicht sein müssen. Hoffentlich wird die Tasche Deiner Mutter gefunden!
    Alles Liebe, Silke

    • Britta Smyrak sagt:

      Hallo Silke,
      danke für deine Antwort. Am meisten geärgert hat mich diese Ignoranz und die Aussage, man kann den Zug nicht erreichen. Ich sage ja nicht, wir hätten die Tasche dann gefunden, aber ich hätte zumindest das Gefühl gehabt wir sind dem guten Mann nicht völlig egal. Liebe Grüße Britta

  • Toller Bericht. Ich war einerseits total begeistert, weil so gut geschrieben. Andererseits aber auch entsetzt ueber das was da passiert ist (gewundert hat es mich dann aber doch nicht wirklich). Dass der Zug nicht erreicht werden kann war der Brueller.
    Ich verstehe nicht wie Leute sowas mitgehen lassen. Nimm doch wenigstens nur Bargeld und ass den Rest gefunden werden. Koennte ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren.
    Hach, ich werd richtig emotional bei dieser Geschichte.

    • Britta Smyrak sagt:

      Hallo Thingsmysonssay (schöner Name)

      danke für die Anteilnahme und das Lob. Ich habe innerlich gekocht und der Artikel war mein Ventil. Leider ist die Tasche samt Inhalt bis heute weg. Ich finde auch, wenn es denn sein muss, dann nehmt das Geld und lasst den Rest zurück. Da Ausweis und Schlüssel in der Tasche waren hat meine Mutter sogar die Schlösser zu ihrer Wohnung ausgewechselt. Für die Ersatzbahncard wollte die Bahn dann 15 Euro Gebühr … mir fällt dazu nichts mehr ein.

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