Schweizer Brauchtum erleben: Wie Familien auf Reisen Kultur und Handwerk kennenlernen

In der Schweiz lässt sich Kultur nicht nur hinter Glas betrachten. Die Berge, die Schokolade, die Uhren – das ist die bekannte Seite des Landes. Wer mit Kindern durch die Schweiz reist, findet aber vor allem eines: ein dichtes Netz aus Handwerksbetrieben, Käsereien und Familienbetrieben, in denen Traditionen seit Generationen einfach weitergegeben werden. Kultur wird hier nicht betrachtet, sondern gerochen, angefasst. Kinder sehen dort, wie Käse gepresst wird, wie ein Holzschnitzer sein Werkzeug führt, wie aus Kakaobohnen tatsächlich eine Tafel Schokolade wird. Das bleibt hängen. Mehr als jede Postkarte, so viel steht fest.

Handwerkkunst hautnah

Der kunsthandwerkliche Teil der Schweiz konzentriert sich auf wenige Regionen – Berner Oberland, Wallis, Innerschweiz, Jura. In Brienz wird seit dem frühen 19. Jahrhundert geschnitzt, und die 1884 gegründete Schule für Holzbildhauerei Brienz bildet bis heute aus. Spannender als die Schule selbst sind die Werkstätten drumherum: Man kann den Handwerkern durchs Fenster zusehen, wie aus Ahorn- oder Lindenholz Figuren, Kuckucksuhren oder Reliefs entstehen. Kinder ab etwa sechs Jahren dürfen meist zuschauen, viele Betriebe bieten auch kurze Mitmachaktionen an.

Ganz anderes Kapitel: die Uhrmacherei im Jurabogen, seit 2020 auf der UNESCO-Liste der lebendigen Traditionen. Die Museen in La Chaux-de-Fonds und Le Locle machen die feine Mechanik mit interaktiven Stationen auch für Kinder greifbar. Wer dort nach einem Andenken sucht, findet auch das passende Mitbringsel aus der Schweiz und einen schönen Einstieg in die Auswahl authentischer Produkte, vom handgeschnitzten Holz bis zu Textilien aus regionaler Produktion.

Ebenfalls spannend für die Familie, wenn auch weniger bekannt, ist die Textiltradition der Ostschweiz. In St. Gallen wurde die Stickerei im 19. Jahrhundert zu einem der wichtigsten Wirtschaftszweige der Region, und das Textilmuseum St. Gallen erzählt diese Geschichte mit Originalmaschinen und alten Musterbüchern. Für ältere Kinder funktioniert der Bezug zur Mode von heute als Einstieg gut – viele internationale Modehäuser beziehen bis heute ihren Schmuck aus dieser Gegend.

Käse und Schokolade: kulinarisches Handwerk

Die kulinarische Seite der Schweiz lässt sich vom Handwerk kaum trennen. In vielen Alpregionen wird der Käse noch heute nach alten Verfahren hergestellt, oft direkt auf der Alp im Sommer. Kaum ein Land kennt so viele geschützte Ursprungsbezeichnungen.

Eine Schaukäserei sollte man mit Kindern unbedingt besuchen – in der Nähe von Gruyères in Pringy oder im Emmental in Affoltern zum Beispiel. Dort verfolgt man den Weg der Milch von der Anlieferung über den Kupferkessel bis zum fertigen Laib. Die meisten Führungen finden morgens statt, denn dann wird tatsächlich produziert, nicht nur erklärt.

Schokolade ist das zweite große Feld, auf dem sich Handwerk und Industrie in der Schweiz erstaunlich eng begegnen. Laut Chocosuisse liegt der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch bei rund 10,5 Kilogramm – einer der höchsten Werte weltweit. Manufakturen wie Cailler in Broc oder Läderach bieten Werksbesichtigungen an, bei denen Kinder jeden Schritt vom Bohnenverarbeiten bis zur fertigen Praline mitverfolgen können. Kleinere Chocolatiers in Zürich, Bern oder Genf bieten Kurse an, in denen man selbst Pralinen füllt und Tafeln gestaltet, meist 60 bis 120 Minuten lang, ab etwa fünf Jahren

Auch das Bäckerhandwerk hat regionale Spezialitäten hervorgebracht: Zopf am Sonntagmorgen, Basler Läckerli, Tirggel aus Zürich, Bündner Nusstorte. Man findet sie auf Wochenmärkten oder in Bäckereien mit langer Tradition, und auf den Verpackungen stehen zunehmend Angaben zu Getreidesorten, Mühlen oder Herkunftsregionen, wenn man genau hinschaut.

Regionale Feste und lebendige Bräuche

Wer die Kultur eines Landes verstehen will, sollte zu seinen Festen gehen. Die Schweiz hat davon erstaunlich viele, und einige sind bestens für Kinder geeignet. Der Sechseläuten in Zürich findet am dritten Aprilmontag statt, sein Höhepunkt ist die Verbrennung des Böggs, des bösen Wintermaskottchens. Dazu Zunftumzüge mit viel Pomp, Musik und schönen Pferden. In der Innerschweiz ist die Fasnacht mit dem Luzerner Urknall am Schmutzigen Donnerstag laut, bunt und für Familien mit älteren Kindern zu empfehlen – vorausgesetzt, man kommt mit dem Lärm klar. Im Sommer sind die Alpaufzüge zu Pfingsten ein anderes Kaliber: geschmückte Kühe mit Blumen und großen Glocken ziehen ins Gebirge, und ganze Straßenzüge säumen sich mit Familien, etwa im Appenzellerland, im Diemtigtal oder im Val d’Anniviers. Im Herbst folgt die Désalpe, der Abtrieb zurück ins Tal, meist verbunden mit Märkten und Volksfesten. Die Termine hängen vom Wetter ab und variieren jährlich; die regionalen Tourismusverbände veröffentlichen sie meist einige Wochen vorher.

Weniger bekannt, aber eindrücklicher als vieles andere: das Silvesterchlausen im Appenzell Ausserrhoden am 31. Dezember und am 13. Januar. Gruppen von Männern, teils in aufwendigen Kostümen, ziehen singend durch die Dörfer. Für Familien, die abseits der offiziellen Ferienzeiten reisen, ist das ein guter Grund für einen Winteraufenthalt in der Ostschweiz

Handwerk und Brauchtum mit nach Hause nehmen

Am Ende jeder Reise stellt sich die Souvenirfrage. Sinnvoll sind Produkte, deren Herkunft sich nachvollziehen lässt und die sich im Alltag auch wirklich nutzen lassen. Bei Lebensmitteln helfen die AOP-Kennzeichnung und das Herkunftszeichen Suisse Garantie bei der Orientierung, bei Textilien und Handwerksprodukten geben Marken wie Swisstex oder das Label Empreinte Suisse Auskunft über Produktionsstandards.

Für Kinder eignen sich oft kleine Gegenstände, die einen konkreten Bezug zum Erlebten haben. Eine Kuhglocke aus einer Giesserei, die man besucht hat, bekommt gleich eine andere Bedeutung als eine anonym gekaufte. Ein Holzspielzeug aus Brienz oder ein selber gepresstes Käseschild aus einer Schaukäserei verbindet Erinnerung mit Gegenstand. Auch Bücher über regionale Sagen oder Kochbücher mit Schweizer Rezepten sind eine Möglichkeit, den Aufenthalt zu Hause fortzusetzen.

Ein praktischer Hinweis zum Schluss: Weiche Käse und frische Schokolade überstehen lange Autofahrten im Sommer nicht besonders gut. Viele Manufakturen versenden aber, teils auch ins europäische Ausland. Für die Einreise nach Deutschland gelten bei Käse, Wurst und anderen tierischen Produkten aus der Schweiz die üblichen Zollfreimengen – wer mehr mitnehmen will, sollte sich vorab beim Zoll informieren.

Fotos ©pexels.com

Foto Silvesterchlausen ©Archiv Appenzellerland Tourismus AG

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