Gefangen im ewigen Eis. Gletscherspalte am Tuxer Gletscher

Gletscherspalte am Tuxer Gletscher

Eingefroren ist er. Sechs Meter ist er groß, die Sagengestalt des Gletschers von Hintertux. Wer ihn sehen will, der sollte sich hineinwagen in das Innere, in eine begehbare Gletscherspalte am Tuxer Gletscher. Bergführer Roman Erler, der Entdecker des sogenannten „Natureisplastes“ am Tuxer Gletscher führt mich hinein ins ewige Eis. Er erzählt mir dabei nicht nur die Sage vom Tuxer Riesen, sondern auch von der Gletscherforschung und von einem See im ewigen Eis, denn ich möchte alles ganz genau wissen.

Roman, wer oder was ist der Tuxer Riese?

Der Tuxer Riese ist die Gestalt aus einer alten Sage, die sich die Menschen im Tuxer Tal seit jeher erzählen. Doch wenn man heute, tausend Jahre nachdem er angeblich in den Gletscher gestützt war, vom Tuxer Riesen spricht, so meinen die meisten wohl die gewaltigen Eismassen des Gletschers. Andere glauben an eine Schneefigur, die jedes Jahr im Mai, im Bereich des Sechser-Sesselliftes „Lärmstange“ entsteht. Sie glauben die Umrisse und Gestalt eines Riesen zu erkennen. Im Natureispalast hat hingegen der Lanerbacher Bildhauer Leonard Tipotsch einen sechs Meter großen Holzriesen im ewigen Eis versenkt. Im Laufe unserer geführten Tour treffen wir immer wieder auf seine schaurig großen Gliedmaßen oder sein Gesicht, die aus dem Eis ragen.

Eine begehbare Gletscherspalte am Tuxer Gletscher, das klingt doch gefährlich?

Gletscherspalte ist nicht der richtige Ausdruck, denn der Eispalast ist nicht nach oben offen. Es ist vielmehr ein System von Hohlräumen, die künstlich miteinander verbunden sind. Gletscherspalte klingt nach Gefahr, dass man hineinstürzt und das ist ja bei uns nicht der Fall. Beim normalen Führungsweg haben wir 500 Meter Gehlänge über vier Stockwerke, die mit Leitern und Treppen miteinander verbunden sind und einen See in 35 Meter unter der Oberfläche. Das ist weltweit einmalig. Hinzu kommen noch die 200 Meter Neuentdeckungen mit dem spektakulären Eispalast. Es handelt sich vielmehr um eine Gletscherhöhle- eine Höhle im Eis.

Du bist ja der Entdecker des Eispalastes, wie kam es dazu?

Den Eispalast habe ich 2007 durch Zufall entdeckt, als ich als Bergführer mit einer Insentivegruppe den Gletscher bestieg. Ich sah seitlich im Gletscher eine Auswehung, eine runde, hohle Geländeform, 20 Meter tief. Da war ein Spalt mit 10 cm. Normalerweise uninteressant, für mich war es aber interessant, weil dieser Teil des Gletschers seit 1968 nie einen Spalt oder Riss aufgewiesen hat. Und dann musste ich einfach nachschauen und bin da hochgestiegen und wie ich da hineinschaue, sehe ich einen riesigen, schwarzen Hohlraum. Damals habe ich natürlich noch nicht daran gedacht, da Leute hineinzuführen. Normalerweise ist das umgekehrt, wenn irgendwo im Gletscher ein Spalt ist versucht man die Leute da rauszuholen (lacht!). Mir war sofort klar, dass das hier eine andere Dynamik ist, als bei einer Gletscherspalte.

Welche Besonderheit hat geologisch gesehen, der Eispalast?

Der ganze Gletscher ist mit Gletscherspalten überzogen, ausgenommen der Teil wo darunter der Eispalast ist. Also unter der Piste Nummer 5, das ist der steilste Teil des Gletschers, und trotzdem rutscht er nicht ab. Dieser Teil des Gletschers rutscht, im Gegensatz zu anderen Teilen des Hintertuxer Gletschers nicht, dabei öffnen sich im Eiskörper selbst Hohlräume. Auch im Vergleich mit anderen Gletschern hat er eine andere Dynamik. Er ist mit dem Felsen verbunden und hat Null Bewegung. Das können wir seit fünf Jahren messen. Das Besondere ist für die Wissenschaft, die Unbeweglichkeit dieser Eismassen und die Erkenntnisse und Forschungsmöglichkeiten, die sich daraus ergeben. Außerdem ist er unten wasserdicht. Normalerweise ist ein Gletscher permeabel. Erst durch die Erkenntnis, die uns die Messungen im 2008 gebauten Forschungsschacht geliefert hat, dass sich der Gletscher hier nicht bewegt, sozusagen klebt, konnten wir es wagen Leute in die Gletscherspalte am Tuxer Gletscher hineinzuführen.

Was können die Besucher im Natureispalast erleben und lernen?

Im Gegensatz zu künstlichen Eishöhlen, wie z.B. am Dachsteingletscher, ist hier die Natur im Spiel. Die Natur ist der beste Baumeister. Wegen der ständig konstanten Temperatur von Null Grad, kommt es zu plastischen Eisvorhängen, regelrechte, bis zu 10 Meter hohe Eissäulen können durch den Druck verfaltet werden. Das Eis verformt sich durch Druck plastisch. Das sind einzigartige Naturphänomene, die es nur hier zu sehen gibt. Hinzu kommt noch der Forschungsschacht der österreichischen Akademie der Wissenschaften, der tiefste weltweit, der teilweise auch aus natürlichen Hohlräumen besteht. Er ist 70 Meter tief, liegt gleichzeitig 20 Meter unter der Eisoberfläche und ermöglicht so außergewöhnliche wissenschaftliche Untersuchungen.

Durch die besondere Dynamik ergibt sich auch dass wir einen See unter dem Eis haben. Es gibt keinen Platz auf der Welt, wo man in 35 Meter Tiefe mit einem Boot auf einem Gletschersee fahren kann, tauchen, Eisschwimmen, oder sogar Stand-Up-Paddeling machen kann. An der tiefsten Stelle ist der See 32 Meter tief. Die Taucher können nicht so tief tauchen, da die Luft in den Geräten abfriert und die Höhe und der Druck zu gefährlich sind.

Welche Schlüsse kann die Wissenschaft in Zukunft daraus ziehen?

Es gibt keinen Platz auf der Welt wo man so tief zwischen Fels und Eis hineinkommt. Deshalb haben wir Bedingungen für Forschungen, die wir sonst nicht haben. Es gibt hier verschiedene Forschungsprojekte: mikrobiologische Untersuchungen mit Prof. Birgit Sattler von der Universität Innsbruck und wir haben ein Permafrostforschungsprojekt von der Universität Salzburg. Außerdem kann die Plastizität von Eis berechnet werden und noch etwas kommt dazu, wenn sich das Eis, wie unter dem Eispalast nicht bewegt, wenn es nicht fließt, dann muss es sehr alt sein. Da sind wir an einem laufenden Projekt mit der Akademie der Wissenschaften und der Universität Heidelberg beteiligt- auf der Suche nach dem ältesten Eis. Alles wichtige Beiträge auch zur Klimaforschung. Die Ergebnisse sind noch nicht publiziert, sondern aktuell in Gang. Da geht es um die Grenze vom Leben. Wo ist Leben noch möglich, wie hat es angefangen, unter welchen Bedingungen können Keime überleben?

Gibt es noch Neues im Eispalast zu entdecken?

Ja, die Suche nach neuen, spektakuläre Hohlräumen geht weiter. Soeben haben wir eine riesige Eiskathedrale entdeckt. Kleingruppen können wir da schon hineinführen. Es ist unglaublich schön welche Kunstwerke die Natur schaffen kann.

Danke Roman für das kurze Interview. Der Natureispalast mit einer Bootsfahrt am Gletschersee ist nur mit einer Führung begehbar, aber auch für größere Kinder mit guten Bergschuhen oder mich Skischuhen machbar.

VIP Tour inkl. Bootsfahrt (Dauer ca. 60 min) Ganzjährig buchbar.
täglich 10:30, 11:30, 12:30, 13:30, 14:30 Uhr
. Eintritt: Erwachsene € 21,00 / Kinder bis 11 Jahre € 13,00
Natursport Tirol, Roman Erler, A-6293 Tux Lanersbach 367, Tel.0043/ 4352 878510 oder über den Tourismusverband Tux Finkenberg Tel.0043/ 5287 8506.

Text und Fotos Sonja Vodicka

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