Wandern in Füssen: Drei Tage, drei Wetter, ein Steinschlag

Es gibt Wanderungen, bei denen man vor allem eins tut: gehen. Und es gibt Wanderungen, bei denen sich Landschaft und Geschichte zu etwas zusammenfügen, das man so schnell nicht vergisst. Drei Tage lang war ich wandern in Füssen zwischen Hohenschwangau, dem Tegelberg und der Kenzenhütte, bei Regen, bei Sonne, mit Bergwacht-Guides und einer Naturpark-Rangerin der Ammergauer Alpen.

Wer beim Wandern in Füssen sanfte Voralpenhügel erwartet, wird überrascht: Zwischen Königsschlössern und Naturpark warten hier echte Berge. Hier sind alle drei Touren, ganz unterschiedlich, aber alle typisch für diese Region: königliche Kulisse, alpines Gelände und ein ÖPNV, der einen erstaunlich weit bringt.

Füssen ist übrigens Portalort der Wandertrilogie Allgäu, eines rund 870 Kilometer langen Weitwanderwegenetzes, das die gesamte landschaftliche Vielfalt der Region erschließt. Die hier beschriebenen Etappen liegen auf der sogenannten Himmelsstürmer Route durch die Gebirgslandschaft.

Wanderung 1: Von Hohenschwangau über Bleckenau zum Alpenhotel Ammerwald

13,2 km · 638 Hm Aufstieg · 355 Hm Abstieg · ca. 4:15 h reine Gehzeit

Der Tag beginnt unspektakulär: ich benötige acht Minuten zu Fuß zum Bahnhof Füssen und fahre dann mit der Linie 73 nach Hohenschwangau.

wandern in füssen

Es fängt an zu regnen, nicht nur ein bisschen. Zum Glück habe ich die Regenhose an und außerdem einen Schirm dabei. Neuschwanstein zeigt sich an diesem Tag auch nicht als das strahlende Postkartenmotiv, das jeder kennt. Fast düster steht es vor tief hängenden Wolken.

Einen Vorteil hat der Regen allerdings: Die Marienbrücke, von der aus der berühmte Blick auf das Schloss fällt, ist heute nicht überfüllt. Ohne Wartezeit kann ich einen Blick auf das Schloss werfen.

Der Weg folgt dem sogenannten Wasserleitungsweg (auch Brunnenstubenweg genannt) ins Jugendtal. In mäßiger Steigung geht es hinauf zur Bleckenau.

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Auf dem Weg sehe ich viele Alpensalamander. Bei Regenwetter kommen die hübschen Amphibien raus und suchen sich ihre Partner. Ein Alpensalamanderweibchen ist in der Regel zwei bis vier Jahre trächtig. Das ist eine der längsten Tragzeiten im gesamten Tierreich.

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Diese Jagdhütte ist mehr als nur ein Wegpunkt: König Maximilian II., der Vater des späteren Königs Ludwig II. (der später Neuschwanstein erbauen sollte), errichtete sie für seine Frau Marie, weil die Umgebung sie an ein Schweizer Chalet aus ihrer Heimat erinnerte. Offiziell heißt sie bis heute schlicht “Schweizerhaus”. Jeder hochrangige Besuch in Hohenschwangau, ob deutscher Kaiser oder holländisches Königshaus, musste hierher wandern. Nicht weil es Pflicht war, sondern weil man hier, abseits des großen Hofstaats, wirklich mal privat sein konnte.

Tipp: Wer noch tiefer in die Geschichte der “wandernden Wittelsbacher” eintauchen möchte, kann sich von April bis September an jedem zweiten Freitag einer geführten König-Ludwig-Wanderung anschließen, die genau zu solchen Orten führt und viele historische Hintergründe liefert.

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Von der Bleckenau führt der Weg über Almwiesen weiter zur nahen Jägerhütte auf 1.422 Metern. Die Hütte wird nicht mehr bewirtschaftet. Schade.

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Der Regen hört auf, ich kann den Schirm endlich zusammenklappen.

Über den Schützensteig geht es in zahlreichen Serpentinen durch dichten Wald bergab zum Alpenhotel Ammerwald auf österreichischer Seite. Eine Grenzüberquerung, die niemand bemerkt. Bei Regen kann es hier rutschig sein.

Eine Einkehr unterwegs gibt es an diesem Tag nicht. Bei diesem Wetter ist man froh, wenn man drinnen ankommt und sich aufwärmen kann.

Praktisch wichtig: Die Rückfahrt vom Ammerwald nach Füssen führt am Plansee entlang über Reutte. Der Linienbus 319 (Ringlinie zwischen Oberau und Reutte), der diese Strecke bedient, fährt von Mai bis September nur samstags, sonntags und feiertags, dafür aber stündlich zwischen 8 und 19 Uhr. Von Reutte aus geht es dann mit der Linie 100 weiter nach Füssen. Unter der Woche fällt diese Option weg: Dann braucht es ein Auto oder eine andere Rückroute. Wer die Tour nachwandern will, sollte das bei der Planung im Hinterkopf behalten und vorab die aktuellen Fahrpläne bei allgäumobil oder der RVO checken, da sich Zeiten von Jahr zu Jahr ändern können.

Wanderung 2: Am Tegelberg wandern, von der Bergstation zur Kenzenhütte

10,2 km · 556 Hm Aufstieg · 968 Hm Abstieg · ca. 5:30 h reine Gehzeit

Ein neuer Tag, ein neues Wetter: Diesmal spielt es mit. Wieder geht es per Linienbus 73, diesmal bis zur Talstation der Tegelbergbahn. Wir nutzen die Zeit vor der Auffahrt ab 9 Uhr für ein paar Neuschwanstein-Fotos in der Sonne.

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Die Tegelbergbahn bringt uns in knapp zehn Minuten auf den Berg, hinauf zum Tegelberghaus. Während der Fahrt hat man einen tollen Blick auf das Schloss und die Seen.

Das Haus wurde im 19. Jahrhundert von König Maximilian II. als Jagdhaus erbaut. Heute wird ein zünftiges Weißwurstfrühstück serviert, mit Blick über das Alpenvorland, der einem fast die Gabel aus der Hand fallen lässt. Wer hier übernachten möchte, findet frisch renovierte Hüttenzimmer.

Frisch gestärkt starten wir unsere Wanderung und gehen vorbei am “Ort der Besinnung”, einer kleinen Kapelle, einem Kreuz, einem stillen Aussichtsplatz auf die umliegenden Gipfel.

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Von hier führt die eigentliche Wanderung über den Gabelschrofensattel hinunter zur Kenzenhütte. Unterwegs gibt es immer wieder traumhafte Bergkulisse zu bewundern.

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Vom Tegelberghaus geht es zunächst am Hang entlang zum Branderfleck, über Feuchtwiesen mit Wollgras, dann in mehreren Serpentinen weiter, vorbei an den Hängen der Ahornspitze, um das Straußbergköpfl herum, bis zum Niederstraußbergsattel.

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Der eigentliche Kraftakt folgt danach: In engen Serpentinen geht es rund 250 Höhenmeter am Stück hinauf zum Gabelschrofensattel auf fast 2.000 Metern.

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Mehrere Tourenportale stufen diesen Abschnitt offiziell als “schwer” ein, und ich würde das durchaus bestätigen: konstant steil, konditionell fordernd, mit ein paar kurzen Blockkletterpassagen kurz vor dem Sattel, bei denen man sich schon mit den Händen abstützen muss. Oben angekommen belohnen wir uns mit einer Pause in der Sonne und genießen mal wieder die Aussicht.

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Vom Sattel aus geht es dann über den Kenzensattel steil in Serpentinen hinab zur Kenzenhütte.

Im Gelände stehen immer wieder Schilder mit der Aufschrift “Alpine Gefahr”. Ganz ehrlich, daran bin ich einfach vorbeigegangen, ohne mir etwas zu denken. Aber sie sind kein Dekor. Beim Abstieg hören wir es poltern, plötzlich den Ruf “Stein!”, und einen Moment später rollt tatsächlich ein fußballgroßer Felsbrocken den Hang herunter.

Was danach passiert, ist im Rückblick der eigentlich lehrreiche Teil der Geschichte: Statt uns sofort flach auf den Boden zu werfen, den Rucksack über den Kopf zu ziehen und uns bergwärts zu drücken, tun wir das, was fast jeder instinktiv tun würde: Wir schauen hoch, um zu sehen, wo der Stein herkommt. Absolut menschlich. Und absolut falsch. Genau in diesem Moment ist man am verletzlichsten, weil man dem Geröll die eigene ungeschützte Vorderseite zuwendet, statt sich klein zu machen und den Kopf zu schützen.

Wir kommen mit dem Schrecken davon, halten kurz inne und überlegen, ob es Gämsen waren, die das Geröll vielleicht losgetreten haben, oder ein anderer Wanderer weiter oben. Wir warten einen Moment ab und entscheiden uns dann, weiter zu wandern und die Passage unterhalb der Felswand schnell zu queren.

Kurz vor der Kenzenhütte erreichen wir einen Bach. Eine willkommene Gelegenheit, die Füße in das kalte Wasser zu halten.

Pünktlich zum Abendessen erreichen wir die Kenzenhütte. Ich bin hungrig, durstig, müde und freue mich nach dem Essen auf meinen Hüttenschlafsack.

Wir übernachten in der Kenzenhütte in Drei- und Vierbettzimmern. Um 22 Uhr ist Hüttenruhe. Nach einem Tag mit fast 1.000 Höhenmetern Abstieg schläft man hier erstaunlich gut.

Ein praktischer Hinweis für alle, die es nachmachen wollen: Auf der Kenzenhütte braucht man zwingend einen eigenen Hüttenschlafsack. Ohne kommt man in den Matratzenlagern nicht unter.

Auch die Kenzenhütte ist natürlich keine gewöhnliche Berghütte. Sie war einer von insgesamt 21 Rückzugsorten, die König Ludwig II. in ganz Bayern nutzte: einfache, holzverkleidete Häuser, fernab von Prunk, mit gerade einmal Schlafzimmer, Esszimmer und etwas Platz für Bedienstete. Hier ließ er sich den nahen Wasserfall mit bengalischem Feuer illuminieren. Wochenlang blieb er an solchen Orten, einfach weil er hier, anders als bei Hofe, nicht ständig beobachtet wurde.

Wanderung 3: Von der Kenzenhütte über Bäckenalmsattel zum Parkplatz Sägertal

7,4 km · 255 Hm Aufstieg · 570 Hm Abstieg · ca. 3:00 h reine Gehzeit

Frühstück in der Hütte ist von 7 bis 9 Uhr. Der dritte Tag zeigt sich wieder launisch: Es nieselt, tief hängender Nebel liegt über dem Sägertal, fast mystisch tauchen die Bäume auf.

Der Weg führt vom Sägertalbach hinauf über die Fläche der ehemaligen Bäckenalm hinauf zum Bäckenalmsattel. Wir betreten nun den Naturpark Ammergauer Alpen und treffen Rangerin Theresa Filbig. Sie begleitet uns für den Rest der Wanderung.

Theresa kennt den Naturpark Ammergauer Alpen wie ihre eigene Westentasche und erzählt unterwegs von der heimischen Tierwelt: von den Raufußhühnern etwa, einer Gattung, deren Name auf die dichten Hornfedern an den Zehen zurückgeht, eine Art natürlicher Schneeschuh, mit dem die Vögel auch im tiefsten Winter nicht einsinken. Dazu gehört der Auerhahn, das größte heimische Raufußhuhn, und der kleinere Birkhahn, der in regelrechten Balzarenen um die Gunst der Hennen kämpft.

Am eindrücklichsten aber ist für mich die Geschichte des Alpenschneehuhns: eine vom Aussterben bedrohte Art, die oberhalb der Baumgrenze lebt und im Klimawandel gleich doppelt verliert. Der Lebensraum schrumpft nach oben, und der Federwechsel vom weißen Winterkleid zum braunen Gefieder hält mit den milderen Temperaturen nicht mehr Schritt. Wenn der Schnee schmilzt, sind die Tiere noch weiß und gut sichtbar für Beutegreifer. Im Gebiet der Rangerin gab es vor wenigen Jahren noch sechs balzende Hähne, mittlerweile ist nur noch einer übrig. Theresa bleibt stehen, schaut kurz ins Tal hinunter, bevor sie weiterspricht: “Das Alpenschneehuhn ist wahrscheinlich nicht zu retten.”

Zwischendurch bleiben wir stehen, betrachten Hufmodelle der Gämse, des Rehs und des Rotwilds. Sie zeigt uns ein Geweih. Jedes Jahr bildet es sich neu aus. Wir fassen Hirschhaare an und schauen in eine Box mit Kotfunden. Oft ist das der einzige Hinweis auf ein Tier. Auch botanisch bleibt Theresa nichts schuldig: Woran erkennt man die Tanne? Sie zeigt auf einen Nadelbaum: “Fichte sticht, Tanne nicht.” Außerdem gilt: Der echte Tannenzapfen steht aufrecht mit der Spitze nach oben auf den Ästen. Zudem fallen Tannenzapfen nicht als Ganzes zu Boden. Bei Reife zerfallen sie direkt am Baum, weshalb man auf dem Waldboden fast ausschließlich Zapfen der Fichte findet.

Theresa erzählt, dass Ranger-Arbeit weit weniger romantisch ist, als man denkt: viel Kartierung, Social-Media-Monitoring gegen das Geotaggen sensibler Rückzugsgebiete, damit die Leute dort nicht hingeführt werden, Besucherlenkung, Büroarbeit. Nach einer kurzen Pause, in der sie nur auf den Weg vor uns schaut, sagt sie den Satz, der mir von diesem Tag am längsten im Kopf bleibt: “Ich kann das Alpenschneehuhn nicht retten, aber ich kann wenigstens wissen, was gerade verloren geht, und dafür Bewusstsein schaffen.”

Die Wanderung endet am Parkplatz Sägertal. Von dort bringt uns ein Autoshuttle weiter zu Schloss Linderhof, wo ein kurzer Spaziergang durch den weitläufigen Schlosspark den Tag ausklingen lässt.

An Wochenenden und Feiertagen zwischen Mai und September verbindet der Ringbus 319 (zwischen Reutte und Oberau) den Parkplatz Sägertal direkt mit Schloss Linderhof, nur eine Station dazwischen.

Zwischenfazit

Drei Wanderungen, drei völlig unterschiedliche Tage: zwei davon im Regen mit Nebel, eine bei bestem Wetter mit Postkartenaussichten. Genau das macht Wandern in Füssen so besonders: Es ist nicht nur die Kulisse für ein Märchenschloss, sondern echtes, anspruchsvolles Wandergebiet, gut erreichbar mit Bus und Bahn, solange man bei den Rückfahrten an die Saison und Wochentage denkt.

Es bleibt die Erkenntnis: Auch gut organisierte, geführte Touren mit erfahrenen Guides sind kein Garant für hundertprozentige Sicherheit im alpinen Gelände. Wer hier unterwegs ist, sollte Warnschilder ernst nehmen und im Ernstfall wissen, dass die richtige Reaktion oft der eigenen ersten Regung widerspricht.

Auch am Ende dieses dritten Tages steht man am Schloss Linderhof wieder vor der Geschichte von König Ludwig II., dem Märchenkönig, dessen Leben alles andere als märchenhaft war und der genau in dieser Bergwelt seine Zuflucht suchte. Mehr dazu im nächsten Artikel.

Lust auf mehr Berg- und Hüttenwanderungen? Weitere Wandergeschichten findest du hier: Wandern mit Hund im Alpbachtal, Hüttenwanderung auf die Sarotla-Hütte im Brandnertal, Der Vinschger Höhenweg und Trekkingtour in den Dolomiten.

Text und Fotos: Britta Smyrak

Salamander, Ort der Besinnung, Aufstieg Gabelschrofensattel ©Nadine Anné
Vor der Jägerhütte ©Bettina

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