Roadtrip Portugal – wo sich die beste Street Art versteckt.

Roadtrip Portugal Street Art in Figueira da foz

Portugal ist bekannt für seine Strände und die blau weiß gekachelten Häuser. Aber wusstest du, dass Portugal eine der spannendsten und lebhaftesten Street Art-Szenen der Welt hat? Und das nicht etwa in Lissabon oder Porto, sondern in Aveiro, Viseu, Figueira da Foz und Covilhā. Vier Orte im „Centro de Portugal“, dem Zentrum des Landes von denen ich noch nie zuvor gehört habe.

Roadtrip Portugal – überraschende Street Art an unbekannten Orten

Auf meiner kleinen Rundreise durch Portugal war ich drei Tage unterwegs. Gestartet bin ich in Aveiro, einer Stadt an der Atlantikküste, ungefähr 60 km südlich von Porto. Wegen der drei Kanäle, die durch den Ort fließen wird Aveiro auch das Venedig Portugals genannt.

Die Boote auf den Kanälen erinnern auch ein bisschen an die schwarzen Gondeln der italienischen Lagunenstadt. Das besondere hier, der Bug der Boote ist beidseitig bunt bemalt und die humorvollen, gerne auch deftigen Motive erzählen immer die gute und die schlechte Seite einer kleinen Geschichte.

Roadtrip Portugal Boote in Aveiro
Kanal in Aveiro das Venedig Portugals

Die alten Jugendstilhäuser in der Altstadt von Aveiro sind teilweise hübsch herausgeputzt und natürlich dürfen die typischen blauen Kacheln nicht fehlen.

Kirche in Aveiro
Roadtrip Portugal blau-weiß gekacheltes Haus in Aveiro

Street Art in Aveiro

In Aveiro findet man die Werke von drei bekannten Street Art Künstlern. Empty Belly ist einer von ihnen. Er lässt seine Bilder aus weißen Punkten entstehen und hat ein riesiges Ultraschallbild auf eine Mauer gepunktet. Nie im Leben hätte ich diese Geduld!

Roadtrip Portugal Street Art von Empty Belly in Aveiro

In der Nähe vom Bahnhof befindet sich ein typisches Werk des Portugiesen VIHLS. Dieser Street Artist war mir schon bei meiner Street-Art-Tour in Stavanger aufgefallen. Seine Technik, Portraits aus den Fassaden und Mauern zu meisseln finde ich faszinierend.

Roadtrip Portugal Street Art von VIHLS in Aveiro

Nicht weit von VIHLS entfernt ist das Werk von Antonio Conceiçāo, ein Künstler, den ich bisher nicht kannte.

Estarreja, eine spannende Stadt in Portugal

Nach dem Besuch in Aveiro geht es auf meinem Roadtrip durch Portugal ein Stück weiter in den Norden nach Estarreja. Diese kleine Stadt war im letzten Jahrhundert ein wichtiger Standort für die chemische Industrie. Das hatte zur Folge, dass es oft nicht besonders gut roch und Estarreja ein denkbar schlechtes Image hatte.

In den letzten Jahren wurde sehr viel für Nachhaltigkeit und Naturschutz getan. Es entstand der Eco Parque Empresarial, ein umweltgerechtes Gewerbegebiet und 2003 mit BIORIA sogar ein Naturschutzgebiet am Rande der Lagunenlandschaft.

Einer der ersten Künstler, der von Stadtverwaltung eingeladen wurde, um das Stadtbild zu bereichern und den Imagewandel einzuläuten, war Bordalo II. Das Resultat dieser Zusammenarbeit heißt „Guarda–Rios“ und wird mittlerweile zu den zehn sehenswertesten Wandbildern der Welt gezählt. das Motiv stellt einen riesigen Eisvogel dar, denn Estarreja ist wieder ein beliebtes Birdwatching–Ziel geworden.

Street Art Estarreja Bordalo II. „Guarda–Rios“

Das Urban Art Festival ESTAU

Bald darauf wurde das Urban Art Festival ESTAU ins Leben gerufen. 2016 fand es zum ersten Mal unter der Leitung der Kuratorin Lara Seixo Rodrigues statt und die Street Art eroberte seitdem den öffentlichen Raum auf Straßen und Plätzen.

Bei meinem Stadtrundgang sticht mir die riesige Hauswand, gestaltet vom australischen Street Artist Fintan Magee besonders ins Auge. Es trägt den Titel „Head in the clouds“.

„If you are a kid in Estarreja, you have to leave“ so die Botschaft des australischen Künstlers Magee. Die Einwohner fanden diese Aussage anfangs nicht sehr schmeichelhaft, mussten aber zugeben, dass der Künstler durchaus recht hat, denn speziell für junge Leute bot Estarreja bisher nicht viel. Ich sage bewusst bisher, denn mit dem Festival und der Street Art kommt regelmäßig die internationale Street-Art-Szene in die Stadt und das ist doch schon ein Anfang.

"Head in the clouds" Street Art Fintan Magee Estarreja

Nicht weit von dieser Wand entfernt befindet sich ein Mural von Bosoletti, ein Street Artist aus Argentinien. „Abandono“ heißt das Bild einer liegenden Frau und je länger ich es anschaue, desto weniger weiß ich, ob sie schläft oder vielleicht tot ist. Hat das Mädchen sein Zuhause verlassen, oder wurde es verlassen? Ist der Titel eine Anspielung auf die leer stehenden Gebäude ringsum? Hat sie ihre Heimat verlassen oder erinnert es an die ertrunkenen Imigranten im Mittelmeer?

Bosoletti Street Artist aus Argentinien „Abandono“ in Estarreja

Street Art hat oft Bezug zu aktuellen Themen und setzt nicht selten den Finger auf die Wunde. Die Werke lösen Debatten aus und alleine durch ihre Größe können die Botschaften oft kaum ignoriert werden. Wie kaum eine andere Kunst regt Street Art zum Nachdenken an. Jeder kann eine Meinung dazu haben, kann sich darüber aufregen oder sich freuen.

Bosoletti hat noch ein zweites Werk in Estarreja hinterlassen. Er hat die Fassade eines verfallenen Hauses bemalt und wenn man durch den Briefkastenschlitz schaut, dann entdeckt man das gleiche Motiv ein zweites Mal im Hof.


Ich liebe die Spurensuche, das entziffern der mal mehr mal weniger versteckten Botschaften in den Bildern. Selten ist Street Art einfach nur dekorativ. Sie taucht überraschend in meinem Alltag auf und verändert meinen Blick auf auf die Architektur, die Stadt in der ich lebe, macht mich aufmerksam die Welt.

Add Fuel aus Lissabon darf in Estarreja natürlich nicht fehlen. Seine Interpretationen der traditionellen portugiesischen Kacheln ist sein Wiedererkennungsmerkmal. Selbst auf Djerba habe ich ihn sofort in dem kleinen Ort Erriadh, der sich mit Djerbahood auch ganz der Street Art gewidmet hat, wiedererkannt.

Add Fuel Street Artist aus Lissabon in Estarreja

Was mir noch in Estarreja gefallen hat? Das riesge Mural „Wave“ vom Street Artist Millo aus Italien. Es prankt an der Hauswand eines Supermarkts.

Roadtrip Portugal "Wave" Street Artist Millo Estarreja

Gefreut habe ich mich über ein Mural von Nespoon aus Polen. Eigentlich arbeitet sie mit kleinen Keramikkacheln, die sie im urbanen Raum an Hauswände klebt. Zuerst gesehen habe ich sie in Praga, einem Stadtteil in Warschau. Hier in Estarreja bringt sie ihr Spitzenmotiv auf die große Bühne.

Etwas außerhalb vom Zentrum gibt es noch zwei Street Art Werke, die ich großartig finde. Das eine stammt von Mohamed l’Ghacham aus Marokko. Das Wandbild basiert auf einem Foto von Dr. Egas Moniz, der in Estarreja geboren wurde und ein engagierter Psychiater und Neurochirurg war, der sich außerdem sehr für Kunst begeisterte.

Roadtrip portugal Street Artist Mohamed l'Ghacham in Estarreja

Gleich gegenüber steht ein Transformatorhaus, das, wie unschwer zu erkennen, von Add Fuel bemalt wurde. Wenn die Street Art weltbekannter Künstler in portugiesischen Kleinstädten auftaucht ist der Überraschungseffekt oft umso größer!

Wo alles begann. Mein Roadtrip Portugal nach Figueira da Foz.

Die Stadt Figueira da Foz liegt am Meer und war einst der meistbesuchte Strandort im ganzen Land. In den engen Straßen stehen noch die hübschen Häuser der Jahrhundertwende und teilen sie sich den Platz an der Strandpromenade mit den neuen Hochhäusern. Bereits 2013 und 2014 entstanden hier im Rahmen von Festivals viele wirklich großartige Street Art Werke. Ganz frisch fertiggestellte ist die Arbeit von Halfstudio an einer Unterführung.

Geht man ein Stück weiter kommt man zu einer Rampe die Add Fuel für sich entdeckt hat.

Überquert man hier die Straße Richtung Meer gelangt man auf einen Platz der für festliche Anlässe genutzt wird und ein beliebter Hangout für die Kids ist. Die Attraktion auf diesem Platz ist eine halbrunde Mauer. Hier hat der portugiesische Künstler Pantónio seine typischen Tierfiguren an die Wand gebracht. Die Dynamik seiner Striche wird durch die Rundung der Mauer noch verstärkt. Folgt man mit den Augen der Bewegung seiner Linien und der Verwandlung seiner Figuren von Fischen zu Menschen, Armen und Seilen, kann einem fast schwindelig werden. Einfach GROSSARTIG! Mein Lieblingsspot in Figueira da Foz!

Roadtrip Portugal Street Art in Figueira da foz

Schon von Weitem sieht man das nächste Kunstwerk, ein buntes Gebäude, das wie ein Monolith in den blauen Himmel ragt. Saddo heißt der Künstler, der seiner Fantasie freien Lauf lies.

In Figueira da Foz gibt es noch viel mehr zu entdecken aber ich muss meinen Roadtrip durch Portugal fortsetzen. Eine Karte mit allen Street Art Arbeiten findest du hier.

Viseu macht Werbung für Wein

Was passiert, wenn man Street Art einschränkt, ein Thema vorgibt? Es geht schief! Viseu ist eine hübsche Stadt im Landesinneren und mit den engen Gassen und kopfsteingepflasterten Straßen definitiv einen Besuch wert. Der Ort gilt als Weinhauptstadt und die Künstler sollten das Thema Wein und ein positives Lebensgefühl in ihre Werke aufnehmen. Aber leider braucht die Kunst ihre Freiheit, sonst verkommt sie zur Werbung und genau das passiert in meinen Augen bei einigen Motiven in Viseu.

Nicht jedem Künstler gelingt der Spagat zwischen eigenem Statement und Auftragsarbeit, die Motive werden gefällig und langweilig, Der Gipfelt ist für mich das Motiv „In vino veritas“, das eine Weinflasche zeigt.

Entstanden sind die Murals zwischen 2015 und 2017 im Rahmen des Festivals „Tons da Primavera“ und natürlich gibt es auch tolle Werke. Zum Beispiel das Motiv der Künstlerin Mariana, a Miserável, hier werden die Trauben zu Männerköpfen, die genüßlich von einer Frau verzehrt werden.

Der Street Artist Basik nutzt das Thema Wein auf intelligente Art für ein Bibelzitat.

Spannender wird es wieder am Stadtrand der Stadt zum Besipiel mit der Wand von Kruella D’Enfer. Seit 2017 ist der Großteil der Bilder sogar in den Dörfern rings um Viseu entstanden.

Covilhã. Bunte Wände statt bunte Wolle.

Covilhã ist das Manchester von Portugal und meine letzte Station auf der Portugal Rundreise. Innerhalb weniger Jahre brach die Textilindustrie zusammen und hinterließ leere Fabriken, Lagerräume und eine hohe Arbeitslosigkeit. In dieser trostlosen Situation kamen Lara Seixo Rodrigues und ihr Bruder auf die Idee genau hier das Street Art Festival WOOL zu starten, ein Erfolg auf ganzer Linie.

Die Kraft und Überraschung der spannenden Werke zwischen den alten Mauern, verlassenen Gebäuden und Fabriken gibt diesem Ort eine neue Dynamik. Eines der stärksten Motive ist für mich das Werk „Die blauen Schäfer“ des Arm Collective, bestehend aus RAM und MAR. Es bildet den gelungenen Kontrast zur gekachelten Kirche und der Platzt vibriert geradezu vor Spannung.

Roadtrip Portugal Besuch in Covilha

Die Motive in Covilhã erzählen oft Geschichten wie zum Beispiel das Motiv von Kram. Der Legende nach gab es eine Schlange, die die Bewohner eines Dorfes der Gegend quälte und immer mehr Tiere und Menschen auffraß. Als sie eines Tages Licht in einem der Häuser sah, schlängelte sie sich hinein, um die Bewohner zu fressen. Doch das Licht kam von einem großen Feuer im Kamin und die böse Schlange, gefangen im Haus, verbrannte.

Und natürlich handeln sie auch von der Vergangenheit der einstigen Textilhauptstadt, wie zum Beispiel das Haus von Doa Oa. Sie hat Pflanzenmotive gewählt, aber nicht irgendwelche Pflanzen, sondern die, aus denen die Farbstoffe zum Färben gewonnen wurden.

Man kann gar nicht anders, als in Covilhã von einem Meisterwerk zum anderen zu stolpern. Da ist wieder Bosoletti, dieses Mal mit seinen Tänzerinnen. Ein Negativbild, das den vielleicht schlimmsten Moment in der jüngeren Geschichte der Stadt zeigt, den Zusammenbruch der Wirtschaft. Den Frauen wird buchstäblich der Boden unter den Füßen weggerissen und im freien Fall greifen sie nach den Händen der anderen und versuchen sich zu halten.

Es gibt auch ein Wiedersehen mit dem Recycling-Künstler Bordalo II, der dieses Mal eine Eule gebaut hat.

Covilhã ist definitiv ein weiteres Highlight auf meiner Portugal Rundreise. Während des WOOL Festivals finden auch Workshops statt und Lara hat es geschafft vor allem Senioren für die Street Art in Portugal zu begeistern! Eine tolle Idee, wie ich finde.

Mitten in der Altstadt betreiben die beiden einen kleinen Shop und hier findet man ganz sicher das perfekte Portugal-Souvenir.

Mein Portugal Geheimtipp: New Hand Lab

Covilhã strahlt wieder Lebensfreude aus und das Festival hilft dabei, kleine Läden, Restaurants und junge Bewohner in die alten Gassen der Stadt zu holen. Angesteckt von diesem kreativen Virus ist noch ein ganz anderes Projekt entstanden, das New Hand Lab. Diese Fabrik wurde, wie viele andere, innerhalb kürzester Zeit aufgegeben und versank in einen Dornröschenschlaf, bis der Besitzer auf die Idee kam, den Ort wiederzubeleben und zu einem kreativen Labor zu machen.

Zwischen alten Stoffballen und Kisten voller Wollfäden können nun Designer und Künstler arbeiten und ihre Projekte realisieren. Zum Labor gehören ein Ausstellungsraum, Ateliers und ein Shop mit wirklich schönen Dingen. Alles aus Wolle versteht sich. Abends finden Veranstaltungen statt, am besten du checkst die Website und gehst einfach mal vorbei.

Restauranttipps für diesen kleinen Portugal Roadtrip

  • Restauranttipp Aveiro: In Aveiro habe ich in dem sehr guten Restaurant O Bairro gegessen. Typisch für diese Region in Portugal sind Reisgerichte und ich habe einen Reistopf mit Fisch und Gambas probiert. Sehr lecker!
  • Restauranttipp Covilhā: In Covilha habe ich das sehr gute Restaurant im Casa das Muralhas getestet. Was der Küchenchef hier in seiner kleinen Küche auf die Teller der Gäste zaubert, hat Gourmetniveau. Die Erdbeersuppe war sehr fein und auch alle anderen Gänge haben mehr als überzeugt. Sehr zu empfehlen ist auch der hervorragende Wein. Hut ab!
  • RestauranttippViseu: In Viseu kann ich das Restaurant Muralha Da Se empfehlen. Serviert werden traditionelle portugiesische Gerichte und den Wein sollte man auch kosten, schließlich ist man in einer bekannten Weingegend.

Keine Portugal Rundreise ohne gute Hoteltipps!

Die wichtigsten Reisetipps für den Urlaub in Portugal sind für mich immer die Hotels. Auf dieser Rundreise habe ich zwei wirklich schöne Unterkünfte entdeckt:

  • Hoteltipp Aveiro: In Aveiro kann ich das Hotel Moliceiro mit Blick auf den Kanal empfehlen. Neben den Standardzimmern bietet das Hotel Themenzimmer an, die den Gast je nach Geschmack nach Asien oder in den Orient katapultieren. Eine schöne Idee.
  • Hoteltipp Covilhā: Mein absolutes Lieblingshotel ist das Casa das Muralhas. 9 geschmackvoll eingerichtete Zimmer warten auf Gäste, eins hübscher als das andere. Mein Favorit ist das Doppelzimmer mit Balkon im zweiten Stock und Blick über die Stadt.

Karte mit den Reisetipps für den Portugal Roadtrip:

Text und Fotos Britta Smyrak

Zu dieser Reise wurde ich eingeladen. Danke an Centro de Portugal und TAP für Unterstützung dieser Rundreise durch Portugal.

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