Unterwegs in Praga, Warschaus unbekannte Seite

Unterwegs in Praga, Warschaus unbekannte Seite. Viele sagen, hier zeigt die Stadt ihr ursprüngliches Gesicht, abseits von den modernen Wolkenkratzern und dem geschäftigen Treiben des Zentrums. Andere behaupten, hier fängt Asien an.

Praga, die andere Seite von Warschau

Ganz offensichtlich ist das 1916 eingemeindete Praga anders. Der Grund dafür liegt im Zweiten Weltkrieg. Nach dem Warschauer Aufstand wurde der Westteil von Warschau von den Deutschen dem Erdboden gleich, gleichzeitig eroberten die Russen den Ostteil Praga. Die Weichsel war die Grenze zwischen Ost und West. Nach dem Krieg wurde Warschau-West nach sozialistischem Vorbild mit perfekt rekonstruierter Altstadt wieder aufgebaut. In Praga hingegen blieb alles, wie es war, schlimmer noch, der Stadtteil rutschte ab zu der am meisten heruntergekommenen und gefährlichsten Gegend von Warschau.

Und heute? Es gibt wieder Brücken über die Weichsel, die Straßenbahn fährt rüber und ich fahre mit dem Auto durch den Tunnel. Auf den ersten Blick sieht Praga immer noch aus, wie das hässliche Entlein. Die Häuser sind grauer, die Straßen leerer. Aber wer genauer hinschaut, der merkt, es tut sich was und vielleicht hat Praga das Zeug zum hübschen Schwan zu werden. Vieles deutet darauf hin.

Unterwegs in Praga, meine 7 Tipps:

  • Streetart: Brandmauern und verfallene Hauswände in Praga bieten, wie fast überall auf der Welt den perfekten Nährboden für Streetart und große Murals. Warschau hat dieses Potenzial erkannt und versucht gezielt, den Stadtteil attraktiver zu machen, indem internationale Streetart Künstler eingeladen werden. Mit kommt es ein bisschen zu gewollt vor, irgendwie nicht echt, wenn Streetart dazu benutzt wird, Touristen anzulocken. Aber ich muss zugeben, ich bin zu kurz in der Stadt, um beurteilen zu können, ob Warschau eine eigene Streetartszene hat. Es ist nur so ein Gefühl, denn bis auf dieses Murals sehe ich kaum andere Graffities, aber vielleicht liege ich mit meinem Urteil auch völlig falsch. Wer sich da besser auskennt, der möge mir bitte einen Kommentar schreiben. Cool sieht es natürlich aus! In einem Hauseingang entdecke ich einen Schablonen Graffiti. Emilia, meine polnische Begleitung liest den Text, schmunzelt und übersetzt es für mich „Google weiß alles, die Polen wissen es besser!“ Ist das so will ich wissen? Sie nickt zustimmend und erklärt, wenn zwei Polen zusammenkommen, wird gerne gefachsimpelt. Jeder hat einen Vorschlag, weiß, wie es noch besser gehen könnte. Polen gegen Google 1:0, die Vorstellung gefällt mir.
  • Bazar Różyckiego: Gleich gegenüber vom Mural „Goose“ (Weiße Gans) liegt der Bazar Różyckiego. Es ist der älteste Markt in Warschau und wurde vor über 100 Jahren vom Apotheker Julian Różycki auf dem eigenen Grundstück gegründet. So wie es heute scheint, sind die besten Zeiten für den Bazar allerdings vorbei. Mitte der 1990er-Jahre zog der damals neue „Jarmark“ am nahen Nationalstadion die meisten Kunden ab. Mittlerweile ist dieser wieder geschlossen, aber die Kunden kamen nicht zurück und so wirkt der fast verlassene Markt mit den wenigen Ständen etwas skurril. Hübsch zum Fotografieren ist er allemal.
  • Hinterhöfe und Altäre: Es ist kaum zu glauben, aber bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts wurde von nächtlichen Spaziergängen in Praga unbedingt abgeraten – Straßengangs regierten das Viertel. Heute steigen die Immobilienpreise auch auf dieser Seite der Weichsel und vereinzelt werden die Häuser renoviert, die Fassaden hübsch gemacht. Trotzdem findest du noch immer Hinterhöfe mit liebevoll geschmückten Marienaltären. Gerade diese Gegensätze, das Unfertige, diese Brüche, verleihen dem Stadtteil einen gewissen Reiz, wie ich finde.

  • Neonmuseum: Neu und ganz modern in Praga ist das Gelände der Soho Factory. Hier versteckt sich das Neonmuseum, mein persönliches Highlight. Seit 2005 sammeln David und seine Frau Neonschriften und elektro-grafisches Design aus der Zeit des Kalten Krieges. Ziel der Sammlung ist die Dokumentation und der Erhalt der letzten Überreste der „großen Neonisierungskampagne“ im ehemaligen Ostblock. Wusstest du, dass Neonreklamen als Propagandamittel eingesetzt wurden? Die Leuchtschriften sollten die sozialistische Konsumwelt attraktiver machen! Neonwerbung wurde staatlich gefördert und so erstrahlten von Ostberlin bis Moskau die sozialistischen Städte bei Nacht in Neonlicht. Die Bevölkerung fand die Lichtreklame zwar ganz hübsch, lies sich aber so leicht nicht über den Mangel hinwegtäuschen und die Propaganda lief ins Leere. An diese Geschichte erinnert das Museum und hat darüber hinaus die erfolgreiche „Action Renovation!“ Kampagne ins Leben gerufen, um die letzten wichtigen Leuchtreklamen in ihrer ursprünglichen städtischen Umgebung zu schützen. Entworfen wurden die künstlerischen Schriftzüge oft von den damals bekannten polnischen Plakatmalern. Jeder Buchstabe war ein Unikat und es entstanden ganz eigene Schriften. Das Neon Museum ist ein privates Museum und finanziert sich durch die Besucher und Unterstützer. Es hat an 7 Tagen in der Woche geöffnet und ich empfehle eine Führung, denn dann erfährst du viele schöne Geschichten zu den Schriftzügen. Unbedingt hingehen. es lohnt sich!
  • Wodkamuseum: Was dem Schotten der Whiskey ist dem Polen der Wodka! Willkommen im neu eröffneten Wodkamuseum auf dem Gelände der ehemaligen Wodkafabrik Koneser. Hier wurden die früher sehr bekannten Wodkamarken Luksusowa und Wyborowa abgefüllt. In einer multimedialen Ausstellung über zwei Stockwerke erfährst du alles rund um die Geschichte des polnischen Nationalgetränks und am Ende der Führung wartet noch eine Wodka-Verkostung auf dich, wenn du möchtest. „Na zdrowie“

  • Restauranttip WuWu Bar: Auf dem gleichen Gelände wie das neue Wodkamuseum befindet sich auch die relativ neue WuWu Bar. Ich habe hier Mittag gegessen und kann es sehr empfehlen. Küchenchefin ist Adrianna Marczewska, den Polen bekannt aus der Fernseh-Kochshow: TopChef. Abends geht hier bestimmt die Post ab.

  • Hoteltipp Arthotel Stalowa 52: Beim Schlendern durch die Straßen von Praga fiel mir dieses Schild ins Auge. Es gehört zu dem sehr hübschen Boutique Arthotel Stalowa 52. Ich selbst habe hier nicht übernachtet, aber einen kurzen Blick in die Lobby und den Frühstücksraum geworfen. Ich kann mir gut vorstellen, dass es die perfekte Adresse ist, um Praga noch genauer zu erkunden.

Unterwegs in Praga:

Jetzt bist du an der Reihe. Trau Dich nach Praga und lauf ein bisschen durch die Straßen. Meine Tipps findest du zum besseren Überblick auf dieser Karte. Viel Spaß beim Entdecken.

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Text und Fotos Britta Smyrak

Zu dieser Reise wurde ich vom Polnischen Fremdenverkehrsamt eingeladen.

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2 Kommentare

  • Wolfgang sagt:

    Na, warst Du wieder im Osten unterwegs? Bericht macht neugierig auf Warschau (und mit Street Art kann man(n) und frau mich eh immer locken…).
    Sehr schön! 😉

    LG, Wolfgang

    • Hallo Wolfgang, wie geht es Dir? Du warst neulich in Hmaburg oder? Ja, mich zieht es vermehrt in den Osten. Da sind für mich noch viele weiße Flecken auf der Landkarte…(z.B. Tatarstan : )) Wo geht Deine nächste Reise hin? Liebe Grüße Britta

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