Mole Antonelliana. Das Ausrufezeichen von Turin

Schon von weitem sieht man ihn. Dieser verrückte, elegante Turm der die Skyline Turins überragt wie ein Ausrufezeichen. Für mich ist er der Eiffelturm von Turin. Das Filmmuseum Turin in der Mole Antonelliana, 167 Meter hoch, mit einer spitzen Turmspitze die sich in den Himmel schraubt.

Filmmuseum Turin

Ich hatte ihn schon vom Taxi aus gesehen. Da muss ich rein.

Der erste Moment in Dunkelheit

Ich komme aus dem grellen Sonnenlicht und stehe in der großen Halle der Mole Antonelliana. Es dauert einen Moment bis ich begreife, was ich sehe.

Filmmuseum Turin

Der Raum ist dunkel und riesig. Oben wölbt sich eine prachtvolle Kassettendecke – warmgolden, fast kirchlich. An den Wänden ringsum wickeln sich die Ausstellungsebenen übereinander. In der Mitte des Raums hängt ein Zylinder aus hunderten dünnen Schnüren, fast wie ein Vorhang der sich rundet. Darauf werden Filmgesichter projiziert, große schwarzweiße Porträts die im Raum zu schweben scheinen.

Und durch die Mitte dieses Schnürvorhangs fährt der gläserne Fahrstuhl lautlos nach oben. Direkt durch ein rechteckiges Loch in der Kuppeldecke und verschwindet.

Ich will da rein. Sofort. Aber zuerst das Museum.

Ein Gebäude das fast eine Synagoge geworden wäre

1848 erließ König Carlo Alberto das Emanzipationsedikt und gab den Juden Piemonts zum ersten Mal in der Geschichte uneingeschränkte Bürgerrechte. Nach Jahrhunderten im Ghetto waren sie endlich frei, endlich gleichberechtigt.

Und was macht eine Gemeinschaft die gerade ihre Freiheit gewonnen hat? Sie baut. Laut. Sichtbar. Unübersehbar.

Die jüdische Gemeinde Turins beauftragte 1863 den Architekten Alessandro Antonelli mit dem Bau einer Synagoge. Kein bescheidenes Gotteshaus sondern ein Triumphschrei in Stein. Ein Ausrufezeichen ihrer neu gewonnenen Würde.

Was dann folgte klingt wie ein Filmdrehbuch. Antonelli baute und hörte nicht mehr auf. Die ursprünglich geplanten 47 Meter wurden zu 167. Die veranschlagten 280.000 Lire wuchsen auf 692.000. Und das Gebäude war immer noch nicht fertig. 1877 zog die Gemeinde die Reißleine. Sie hatten kein Geld mehr. Für 150.000 Lire, also weit weniger als bereits ausgegeben, verkauften sie die Mole an die Stadt Turin.

1889 wurde sie fertiggestellt. Antonelli erlebte es nicht mehr – er starb ein Jahr vorher, neunzigjährig. Sein Sohn vollendete die Turmspitze.

Heute ist sie das Wahrzeichen Turins, auf der italienischen 2-Cent-Münze abgebildet und Heimat des Nationalen Filmmuseums. Ein Gebäude das für Freiheit gebaut wurde und heute Filmgeschichte beherbergt. Das klingt nach einem sehr guten Drehbuch.

Das Ausstellungsdesign stammt vom Schweizer Bühnenbildner François Confino, der die Spiralrampe des Gebäudes als zentrales Ausstellungselement konzipiert hat.

Nietzsche, der eine Zeit lang in Turin lebte, bezeichnete die Mole als „vielleicht das genialste Werk der Architektur das je geschaffen wurde”. Ich denke für die damalige Zeit hat er recht.

Die Cinema Machine: Filmgeschichte zum Anfassen

Der Rundgang beginnt unten mit der Archäologie des Kinos: alte Geräte, die Vorläufer des Films. Dann kommt die Cinema Machine: Filmproduktion in allen Facetten. Requisiten, Originalkostüme, Skizzen, Drehbücher. Screens mit Filmausschnitten überall. Man kommt kaum weiter weil man immer wieder stehenbleibt.

Filmmuseum Turin

Und dann stehe ich plötzlich davor.

Eine Glasscheibe, unter ihr ein Sarg. Nicht irgendein Sarg. Der Sarg von Bela Lugosi, dem Dracula der Filmgeschichte. Er verfügte in seinem Dracula-Kostüm begraben zu werden. An der Wand daneben flackern Filmausschnitte, das Filmplakat von Dracula. Ich schaue kurz nach links und rechts.

Filmmuseum Turin

Dann trete ich auf das Glas. Meine Gänsehaut ist echt.

Weiter: Ein Roboter auf seinem Drehstuhl dreht sich langsam zu mir. Lautlos. Wie in einer Filmszene. Er schaut mich an, ich zucke zusammen.

Masken aus Star Wars. Darth Vader hinter Glas. Filmplakate aus allen Jahrzehnten. Fotos von Filmstars. Ein ganzer Raum der Filmgeschichte erzählt: laut, dunkel, multisensoriell.

Auf der Spiralrampe: Orson Welles

Filmmuseum Turin

Die Spiralrampe windet sich in vier Runden nach oben. Hier sind die Sonderausstellungen. Aktuell bis Oktober 2026 ist eine ganze Ausstellung Orson Welles gewidmet: „My Name Is Orson Welles”, konzipiert von der Cinémathèque française, über 400 Werke, einige davon noch nie öffentlich gezeigt.

Filmmuseum Turin

Projektionen auf einer großen Leinwand. Filmausschnitte, Ton der einen einhüllt. Natürlich kenne ich Orson Wells, hatte aber nie wirklich hingeschaut.

Jetzt schaue ich.

Welles war Regisseur, Schauspieler, Autor und Provokateur. Mit 23 Jahren löste er mit einem Hörspiel über marsianische Invasoren eine Panik in den USA aus. Mit 26 drehte er Citizen Kane. Heute gilt dieser als bedeutendster Film der Filmgeschichte. Dann in Eigenregie Macbeth, Othello, Der dritte Mann.

George Lucas wollte Welles als Stimme für Darth Vader. Welles lehnte ab. Seine Stimme sei zu bekannt. Die Rolle ging an James Earl Jones.

Ich stehe da und denke: Citizen Kane muss ich sehen. Sobald ich nach Hause komme. Das nehme ich mir fest vor.

Das ist das Beste an diesem Museum. Es macht Lust. Auf Filme die man kennt, auf Filme die man nie gesehen hat, auf Filmgeschichte die nie langweilig wird.

Die Temple Hall und der Fahrstuhl

Unten in der Temple Hall, dem Herzstück der Mole, kann man sich auf Chaiselongues legen und Filmvorführungen auf zwei großen Screens schauen. Elf Kapellen rund um den Raum erzählen die großen Themen der Filmgeschichte. Und es gibt CineVR, Italiens erstes permanentes Kino das komplett der Virtual Reality gewidmet ist. Inklusive im Museumseintritt.

Dann endlich mein großer Moment: der Fahrstuhl.

Ich steige ein. Die Kabine ist aus Glas, schmal, man steht aufrecht. Lautlos, fast schwerelos, schwebe ich nach oben. Der Schnürvorhang mit den projizierten Filmgesichtern zieht an mir vorbei. Dann die Kuppeldecke und ich fahre hindurch, durch das rechteckige Loch, nach oben.

Oben angekommen liegt Turin unter mir.

Aussicht vom Turm Filmmuseum Turin

An manchen Tagen kann man bis zu den Alpen sehen. Heute nicht, aber die Stadt selbst, das Schachbrettmuster der Straßen, die Kuppeln und Türme der Altstadt, der Po in der Ferne. Das reicht vollkommen.

Ausblick Filmmuseum Turin

Das Filmmuseum Turin. Mein Fazit

Ich bin hineingegangen ohne große Erwartungen und herausgekommen mit dem festen Vorsatz Orson Welles nachzuholen, mit Gänsehaut von Bela Lugosis Sarg und dem Wunsch beim nächsten Turin-Besuch mindestens einen halben Tag hier zu verbringen statt nur zwei Stunden.

Das Filmmuseum Turin ist kein Museum in dem man brav durch Säle geht und Schilder liest. Es ist ein Erlebnis. Dunkel, visuell überwältigend, persönlich – und dieser Fahrstuhl.

Unbedingt mit dem Fahrstuhl fahren.

Praktische Infos Filmmuseum Turin

Adresse: Via Montebello 20, Turin
Öffnungszeiten: Mo, Mi, Do, Fr, So 9–19 Uhr. Di geschlossen.
Tickets und aktuelle Preise: museocinema.it
Sonderausstellung: „My Name Is Orson Welles” 1. April bis 5. Oktober 2026
Tipp: Mindestens 2–3 Stunden einplanen. Den Fahrstuhl bei schlechtem Wetter vorher prüfen. Er kann geschlossen sein.

Zwei weitere Turin-Highlights die sich lohnen.

Das Ägyptische Museum

Nur wenige Minuten vom Filmmuseum entfernt liegt das Ägyptische Museum. Es ist mehr als ein Tipp, es ist ein Muss.

Das Museo Egizio ist das älteste Ägyptische Museum Italiens, gegründet 1824, und gilt als eine der bedeutendsten Sammlungen altägyptischer Kunst außerhalb von Kairo. 32.500 Artefakte, davon 6.500 ausgestellt. Champollion, der Mann der die Hieroglyphen entziffert hatte, reiste eigens nach Turin um die Sammlung zu sehen und nannte die Sitzstatue Ramses II. den „Apollo von Belvedere” Turins. Allein für diese Statue lohnt sich der Umweg.

Aber da ist noch mehr: die vollständige Grabausstattung des Architekten Cha und seiner Frau Merit aus der 18. Dynastie, unberührt, vollständig, als wäre sie gestern vergraben worden. Der erotische Turiner Papyrus. Statuen der Göttin Sachmet von denen einem kalt den Rücken runterläuft.

Wie kam das alles nach Turin? Der piemontesische Konsul Bernardino Drovetti sammelte im frühen 19. Jahrhundert über 5.000 Stücke in Ägypten. König Karl Felix kaufte die Sammlung 1824. Was folgte war einer der aufregendsten Kunsttransporte der Geschichte: per Schiff von Alexandria nach Genua, dann auf Karren über die Alpen nach Turin.

Adresse: Via Accademia delle Scienze 6, Turin

Die Kapelle des Heiligen Grabtuchs

Wer noch ein drittes Highlight einplanen möchte: Die Kapelle des Heiligen Grabtuchs, direkt zwischen Dom und Königsschloss. Sie ist ein Meisterwerk des Architekten Guarino Guarini aus dem 17. Jahrhundert. Ursprünglich komplett in Schwarz geplant, ein düsteres, dramatisches Gesamtkunstwerk. Die weißen Marmorgräber kamen erst später dazu. Die Kapelle brannte 1997 fast vollständig ab, für Turin war es wie Notre Dame für Paris. Nach jahrelangen Restaurierungsarbeiten ist sie heute wieder zugänglich, mit dem Ticket für das Königsschloss. Schau auf jeden Fall nach oben! Die Kuppel mit ihrer optischen Täuschung, sie wirkt nach oben unendlich tief, ist allein schon den Besuch wert.den Besuch wert.

Das berühmte Heilige Grabtuch selbst wird hier allerdings nicht gezeigt. Es wird im linken Seitenschiff des Doms aufbewahrt, ein 4,42 Meter langes Leinentuch das ein Ganzkörperbild der Vorder- und Rückseite eines Menschen zeigt und angeblich den Körper Jesu nach der Kreuzabnahme aufgenommen haben soll. Seit 1578 ist es in Turin, hierher gebracht von Herzog Emanuele Filiberto von Savoyen. Das Alter ist bis heute nicht eindeutig erforscht. Gezeigt wird es nur zu besonderen Ausstellungen, zuletzt 2015, deren Zeitpunkt allein der Papst bestimmt. Täglich kann man im Dom wenigstens das abgedunkelte Schaufenster sehen hinter dem es liegt.

Noch mehr Artikel über Turin:

In Docks Dora, dem Kreativviertel im Norden der Stadt, hat sich eine ganz andere Welt etabliert. Hier geht es zum Artikel.

Wer das elegante Turin mit historischen Cafés, Schokolade und dem Königsschloss entdecken möchte, findet hier die besten Turin Tipps auf Timeless Travels.

Und wer den Superga noch nicht kennt – eine Basilika im Nebel, Königsgräber und mehr Geheimnisse als man denkt – der findet hier alles über Turin Superga.

Dieser Artikel entstand im Rahmen einer Pressereise nach Turin, unterstützt von ENIT S.p.A. und Turismo Torino e Provincia.

Text und Fotos: Britta Smyrak.Titelfoto: ©Turismo Torino e Provincia

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