Stadt. Land. Fluss. Flusskreuzfahrt mit Fahrrad von Stralsund nach Berlin

Eine Flusskreuzfahrt mit Fahrrad, die in Berlin endet. Das finde ich reizvoll. Die Wettervorhersage ist leider schlecht. Jeden Tag Regen, aber ich weiß, dass es an der Küste schnell wechseln kann und packe die Regenjacke ein.

Mit dem Zug von Berlin nach Stralsund ist es nicht weit. Vom Bahnhof zum Hafen könnte man laufen. Mit ein paar Mitreisenden zusammen nehmen wir das Taxi.

Im Hafen von Stralsund. Vor mir liegt die MS Thurgau Chopin. Schlank, weiß, blau, mit Messingdetails, die in der Nachmittagssonne glänzen. Ein Klassiker.

Die nächsten Tage werde ich beobachten, wie immer jemand das Messing poliert.

Meine Kabine liegt im Oberdeck. Bodentiefe Panoramafenster, die sich öffnen lassen, ein französischer Balkon. 12 Quadratmeter, die sich anfühlen wie mehr, weil draußen das Wasser ist und der Blick zum Horizont.

Ich mache nicht nur eine Flusskreuzfahrt, sondern habe außerdem ein Velopaket gebucht, eine Flusskreuzfahrt mit Fahrrad also. Jeden Tag werde ich eine Fahrradtour auf einem E-Bike machen. Distanz mal 18, mal 36 km, und alles dazwischen. Die Landschaft wird in den nächsten acht Tagen an mir vorbeiziehen. Oder ich an ihr. Je nachdem, ob ich auf dem Schiff sitze oder auf dem Rad.

15 Uhr Einschiffung. Die Crew steht Spalier, bis der letzte Gast an Bord ist. Willkommens-Apéro mit Tim Starke, Geschäftsführer von Thurgau Travel Deutschland. Vier-Gänge-Abendmenü und dann die erste Nacht im Hafen von Stralsund.

Ein leises Brummen vom Motor. Möwen. Wellen. Die Nächte auf einem Flussschiff sind anders als im Hotel. Das Schiff atmet, das Wasser gluckert gegen den Rumpf. Ich liege wach, höre zu und schlafe dann doch ein.

Aufwachen auf dem Wasser

Morgens um 8 Uhr klingelt der Wecker. Frühstück im Restaurant gibt es von 7 bis 9 Uhr, für Frühaufsteher im Salon schon ab 6:30. Dazu gehöre ich nicht.

Ich öffne die Balkontür, die Sonne scheint. Vergiss die Wetter-App, denke ich.

Sonne und eine Wettervorhersage, die nie stimmt

9 Uhr. Werner, unser Veloreiseleiter aus der Schweiz, teilt die Räder ein. Je nach Körpergröße und Gewicht bekommt jeder sein Rad. Wer möchte, kann auch ein herkömmliches Rad ohne elektrische Unterstützung buchen.

Wir starten zum Rathausplatz in Stralsund, schauen uns um. Die Altstadt ist UNESCO-Welterbe, das gotische Rathaus steht seit dem 13. Jahrhundert, die Backsteinfassaden der Kirche sind mächtig.

Dann geht es hinaus ins Kranichland: 24 Kilometer Rundtour vorbei an Seen, am Knieper- und Moorteich, nach Groß Kedingshagen zum Schloss und zurück entlang des Strelasunds zum Schiff.

Wer noch Zeit hat, bevor das Schiff ablegt, sollte unbedingt einen Abstecher ins Ozeaneum machen, eine der besten Sehenswürdigkeiten der Stadt.

Wir fahren durch eine Landschaft, die wirkt, als hätte sie jemand für ein Gemälde arrangiert. Weiße Wolken über grünen Feldern. Mohnblumen am Wegesrand. Schöner geht nicht.

Wir sind eine kleine Gruppe mit Guide, 13 Radler, die eine Hälfte aus der Schweiz, die andere aus Deutschland. Uschi, 76 Jahre alt, ein leuchtendes Türkis, fährt mir fast davon. Ich komme mit Sabine ins Gespräch. Sie fährt ein Rad ohne Elektrounterstützung, ich radele im Tourmodus.

Ich merke, dass nicht nur Uschi mir davonradelt. Das Klischee vom gemütlichen Rentner stimmt nicht mehr. Hat vielleicht auch nie gestimmt.

Die Strecke ist ruhig, kaum Autoverkehr. Man kann nebeneinander fahren und reden. Schnell wird aus einer Gruppe von Fremden eine Gruppe von Bekannten. Zurück an Bord legt das Schiff ab und nimmt Kurs auf Hiddensee.

Nach dem Mittagessen gehe ich in meine Kabine und gönne mir eine Pause. Der Motor vibriert leicht, meine Nachttischlampe klappert. Ich drehe am Lampenschirm, schon herrscht Ruhe.

Hiddensee oder: Die Frau der Fliegen

Das Schiff legt in Vitte an, dem kleinen Anleger von Hiddensee. Die autofreie Insel erreicht man nur per Schiff. 17 Kilometer lang, 125 Meter schmal an der engsten Stelle. Einige Gäste haben einen Ausflug in der Kremser-Kutsche über die Insel auf dem Programm. Wir machen eine Radtour, ca. 11 km, hinauf zum Leuchtturm Dornbusch, 28 Meter hoch, gebaut 1888. Von dort sieht man bis nach Rügen und Dänemark.

Aber bevor wir ihn erreichen, kämpfen wir uns durch Schwärme kleinster Fliegen. Ich habe dummerweise meine Sonnenbrille auf dem Schiff vergessen. Typischer Anfängerfehler, der mir nicht noch einmal passiert. Ich fahre fast blind hinter meinem Vordermann her und höre, wie die kleinen Viecher gegen meine Regenjacke prasseln. Augen zu und durch.

Auf dem Rückweg fahren wir am Strand entlang, ohne Fliegen. Gewitterwolken ziehen auf. Es blitzt, wir treten in die Pedalen und erreichen gerade noch rechtzeitig das Schiff.

Ich habe Hunger und freue mich auf die vier Gänge.

Was ich mir nicht gekauft habe: eine Radlerhose. Das war an der falschen Stelle gespart, denn irgendwann drückt der Sattel doch.

Hinter Binz beginnt das Abenteuer

Das Schiff legt früh ab und erreicht gegen Mittag Lauterbach auf Rügen. Für die Nicht-Radfahrenden steht ein Busausflug auf dem Programm. Viktoriasicht, Skywalk, Kreidefelsen. Das klingt gut, und die Kreidefelsen sind tatsächlich spektakulär. Aber man sitzt viel im Bus. Das sollte man vorher wissen.

Wir radeln zum Bahnhof Putbus und nehmen dort den Rasenden Roland. Eine Schmalspurbahn, die seit 1895 über die Insel fährt, 30 km/h Höchstgeschwindigkeit, was langsam klingt, bis man die Kurven sieht. Wer geräuchert werden möchte, fährt im offenen Wagen. Die Bahn tutet rauchend über die Insel. Ein Erlebnis.

In Binz steigen wir aus und fahren kurz zum Strand. Von dort geht es 33 km zurück nach Lauterbach. Am Schmachter See herrscht eine ganz andere Stimmung als am Strand.

Es geht durch das Waldgebiet des Tempelbergs, dann steil hinauf, die letzten Meter auf Kopfsteinpflaster, zum Jagdschloss Granitz. Ich liebe mein E-Bike schon jetzt. Eintritt 9 Euro. In der Eingangshalle hängen Geweihe.

Der Turm ragt 38 Meter hoch, 154 gusseiserne Stufen führen hinauf zur Aussichtsplattform auf 144 Meter über dem Meeresspiegel.

Das Treppenhaus ist eine freitragende Wendeltreppe, immer an der Wand entlang im Kreis, die Stufen durchbrochen gearbeitet, man sieht durch sie nach unten in den Abgrund. Nichts für Menschen, die nicht schwindelfrei sind. Der Aufstieg lohnt sich. Bei klarem Wetter reicht der Blick bis nach Usedom.

Die stille Seite von Rügen

Weiter geht es vorbei am Selliner See, hinunter zum Hafen Sellin. Kaffee, Strandkörbe am Wasser, heute Abend spielt jemand Gitarre, Lieder voller Sehnsucht. Sellin wäre ein guter Ort, um länger zu bleiben. Die Seen von Rügen gefallen mir. Es ist stiller als am Meer.

Die Strecke führt weiter durch Lancken-Granitz, mit einem kurzen Stop an einem Hünengrab. Rügen zählt über 600 solcher Bodendenkmale. Wer mehr davon sehen möchte: der Themenweg “Heilige Stätten” zieht sich als Radweg von Nord nach Süd durch die ganze Insel.

Wir erreichen Klein Stresow, ein hübsches Feriendorf, und fahren weiter durch Groß Stresow, vorbei am imposanten Badehaus Goor, das heute auch als Hotel dient. Ein letzter Fotostop.

Dann zurück nach Lauterbach, wo das Schiff auf uns wartet. Wer hier länger bleiben möchte: In Lauterbach lässt sich auch wunderbar in einem schwimmenden Pfahlhaus bei im-jaich übernachten – ein schöner Tipp für einen späteren Kurzurlaub.

Usedom heute ohne mich

In der Nacht legt das Schiff ab und am nächsten Morgen wache ich in Wolgast auf, dem Tor zur Insel Usedom. Heute schwänze ich die Tour. Das ist auch erlaubt. Ich liege erst in meiner Kabine mit dem Buch in der Hand.

Esse am Nachmittag ein Stück Kuchen und gönne mir einen Apérol Spritz auf dem Sonnendeck.

Das Schiff liegt ruhig. Das ist das Schöne an dieser Reiseform: Ich kann jeden Tag neu entscheiden. Rad oder Schiff. Ausflug oder Sonnendeck. Niemand fragt warum.

Dann reizt mich doch das Blaue Wunder, die Peenebrücke Wolgast über dem Peenestrom, und ich mache einen kurzen Spaziergang, um mir das Ungetüm aus der Nähe anzusehen.

Die anderen radeln von Wolgast durch endlose Kiefernwälder nach Karlshagen und Zinnowitz und zurück. Geplant waren 28,8 km mit Zeit zum Baden an der Ostsee. Als sie zurückkommen, erfahre ich, dass ein Teil der Gruppe verkürzt hat und länger am Strand geblieben ist.

Es ist wie beim Skifahren. Der dritte Tag ist eine Zäsur. Ich freue mich über meine Gruppe.

Wer die Insel ein anderes Mal lieber zu Fuß erkunden möchte, dem sei Wandern mit Hund auf Usedom ans Herz gelegt – dort geht es zu Stränden, ans Achterwasser und durch die Bäderarchitektur von Heringsdorf.

Stettin, ein magischer Abend

Gegen 21 Uhr erreichen wir Stettin. Es ist noch zu früh, um ins Bett zu gehen. Wir spazieren los und folgen dem Roten Pfad. Diese 7 Kilometer lange Touristenroute führt zu 42 Stationen. Auf dem Gehweg rot markiert, findest du ohne Stadtplan die wichtigen Sehenswürdigkeiten der Stadt. Großartige Idee, wie ich finde.

Wir landen so vor der Philharmonie Stettin. Ein Gebäude wie aus einer anderen Welt. Leuchtend weiß, die Fassade wie in Falten gelegt, erinnert es mich an ein Kunstwerk von Christo.

2015 wurde der Bau mit dem Mies-van-der-Rohe-Preis der EU für zeitgenössische Architektur ausgezeichnet.

Wir haben Glück, das Foyer ist geöffnet, wir gehen hinein und trinken einen Tee, tauchen ein in ein rot-violettes Farbenmeer. Absolute Empfehlung für einen magischen Abend.

Am nächsten Morgen dann die Tour durch Stettin. Breite Boulevards und runde Plätze, das grüne Rathaus und dahinter der Garten. Wir radeln 25 km durchs Grüne Stettin.

Der Ranger und die gelben Seerosen

Am Nachmittag verlässt das Schiff Stettin. Mit an Bord: ein Ranger. Wir fahren durchs Stettiner Haff, weit, brackig, fast wie Meer, und biegen in die Oder ein. Die Ufer rücken näher, das Wasser wird ruhiger. Wir erreichen den Nationalpark Unteres Odertal.

Jetzt erzählt uns der Ranger Jonathan Rauhut von diesem Landstrich. Mit einer Leidenschaft, die man selten hört, spricht er über den Seeadler, der größer ist als der amerikanische Weißkopfseeadler und über das Schiff fliegt. Außerdem sehen wir die äußerst seltene Weißbartmöwe, für die manche Menschen hunderte Kilometer reisen, um sie zu sehen. Wir sind offensichtlich vom Glück geküsst. Er spricht über das Hochwasser, das den Auwald formt, über den schmalen Grat zwischen Schutz und Nutzung.

Rauhut hat sich jahrelang für den deutsch-polnischen Naturschutz im sogenannten Zwischenoderland eingesetzt und gemeinsam mit einer Allianz aus Verbänden und Fachleuten beider Länder eine geplante, naturschutzfachlich hochproblematische Eindeichung verhindert. 2019 wurde er dafür mit dem Wolfgang-Staab-Naturschutzpreis ausgezeichnet, verliehen von der Schweisfurth Stiftung. Der Nationalpark Unteres Odertal ist einer der letzten großen Flussauenlandschaften Mitteleuropas, und Menschen wie er sind der Grund, warum es ihn noch gibt.

Ich bedanke mich persönlich bei ihm und freue mich, dass ich ihn kennenlernen durfte. Ein beeindruckender Mensch.

Flussreise und meine Gedanken fließen

In Mescherin legen wir an und steigen wieder auf die Räder: 30 km entlang der Deichwege des Nationalparks Unteres Odertal nach Schwedt. Junge Füchse springen erschrocken ins Gebüsch, sie hatten nicht mit uns gerechnet. Kraniche staken durch die Wiesen. Ein Klapperstorch steht am Wegesrand, als hätte er gewartet.

Dicke Wolken hängen über uns, und dann kommt doch der Regenguss. Meine Regenhose liegt zuhause im Schrank, da liegt sie gut. Ich werde trotz Regenjacke nass bis auf die Unterhose und freue mich auf die heiße Dusche.

Beim Abendessen schaue ich aus dem Fenster und sehe zum ersten Mal die gelben Seerosen. An der Ostsee gab es das nicht. Salzwasser ist nichts für Seerosen. Jetzt sind wir wirklich auf dem Fluss.

Wind. Von vorne, von der Seite. Wir kämpfen uns vorwärts

Tag sechs. Die Velostrecke führt heute entlang des Oderdeiches nach Hohensaaten, 36 Kilometer. Der Wind kommt von vorn, von der Seite. Wir fahren in leichter Schräglage, als würden wir uns gegen etwas stemmen, das nicht nachgibt. Ich wäre an diesem Tag gerne in die Gegenrichtung gefahren. Werner sagt nichts. Er fährt einfach vor. Wir folgen.

Irgendwann überholen wir das Schiff. Es fährt gemütlich den Fluss entlang, wir radeln auf dem Deich, sind schneller. Ein Wettrennen wie Kinder. Wir erreichen eine Brücke vor dem Schiff und winken dem Kapitän zu, als das Schiff unter uns hindurchgleitet. In Hohensaaten gehen wir wieder an Bord.

Ein Fahrstuhl für ein Schiff. Schiffshebewerk Niederfinow

Wir erreichen Niederfinow und erleben das moderne Schiffshebewerk nicht von einer Aussichtsplattform, sondern von innen. Das Schiff gleitet in den Trog, die Anlage hebt uns 36 Meter hinauf auf den Oder-Havel-Kanal, das Wasser steht still und wir mit ihm.

Ein technisches Bauwerk. Direkt daneben das historische Schiffshebewerk, immer noch in Betrieb seit 1934. Sonntags nimmt man die neue Anlage.

Weiter geht es auf dem Kanal bis nach Lehnitz, wo wir die Nacht liegen werden.

Nach Hause kommen auf dem Wasser. Berlin Tegel

Am Morgen Ankunft in Berlin am Tegeler Hafen, Greenwichpromenade. Unsere letzte Fahrradtour führt um den Tegeler See, 17 Kilometer.

Luxuriöse Häuser mit eigenem Bootsanleger, danach Wald, kleine Buchten, Aussichtspunkte direkt am Wasser. Brücken und eine kleine Fähre. Tegel hat überraschend viel zu bieten.

Der letzte Abend an Bord. Der Abschied ist nah, und die Gespräche lassen das Erlebte wieder lebendig werden.

680 Kilometer Wasserstraße und 224 Kilometer Radstrecke liegen hinter uns. Stralsund, Hiddensee, Rügen, Lauterbach, Wolgast, Usedom, Stettin, Mescherin, Schwedt, Niederfinow, Berlin. Acht Tage, sechs davon unterwegs, an denen ich jeden Morgen aufgewacht bin und gespannt war, was der Tag bringen würde. Das Messing stets geputzt und Werner, der immer wusste, wo es lang geht.

Ausschiffung am Morgen

Ein letztes Mal klingelt der Wecker, ich gehe zum Frühstück, wir tauschen Telefonnummern, liegen uns in den Armen, Verabschiedung unter Freunden. Die Tour hat uns zusammengeschweißt, und wir werden uns vermissen. Das Wetter war teils rau, aber hat das nicht zum Norden gepasst? Radeln bei Sonne ist einfach – die Herausforderungen haben uns erst richtig verbunden. Wie es war, war es genau richtig.

Ich glaube, das war nicht meine letzte Flusskreuzfahrt mit Fahrrad. Und wer weiß, vielleicht treffe ich den ein oder anderen wieder an Bord. Ich würde mich riesig freuen.

Danke an die Crew, an Werner, an Kapitän Radek Pokorny, an den Koch Mirko Pezerra und den Cruise Director Patrick Schröder.

Die Flusskreuzfahrt mit Fahrrad von Stralsund nach Berlin wird von Thurgau Travel auf der MS Thurgau Chopin angeboten. Nächste Termine: 19.–26. September und 3.–10. Oktober 2026. Ab 1.830 € pro Person, Velopaket zusätzlich. Weitere Infos: thurgautravel.de

Fotos und Text: Britta Smyrak

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