Docks Dora Turin. Nicht schön aber spannend.

In den 90ern habe ich in einer Agentur für Fiat gearbeitet und war ab und zu in Turin. Turin war damals die Fiat-Stadt. Fiat ist heute Stellantis, die Produktion in Turin dramatisch zurückgegangen. Was wird aus einer Stadt wenn ihre Industrie wegbricht?

Docks Dora ist ein Teil der Antwort

Ich habe von einem Restaurant gehört das ins Docks Dora gezogen ist, in eine alte Lagerhalle. Ein Spitzenkoch der London den Rücken gekehrt hat. Das klingt nach einem Grund in den Norden von Turin zu fahren.

Das Taxi kommt, ich bin spät dran. Auf dem Weg komme ich am Porta Palazzo vorbei, dem angeblich größten Freiluftmarkt Europas. Jeden Morgen, täglich außer sonntags. An der alten Markthalle aus dem Jahr 1916 leuchtet ein Neonschriftzug in 39 Sprachen: „Amare le differenze” – Die Unterschiede lieben. Ein Werk des Künstlers Michelangelo Pistoletto. Abends soll es besonders schön sein. Gegenüber die neue Halle mit Terrasse und Blick auf den Markt. Das wäre ein eigener Ausflug.

Docks Dora Turin

Docks Dora liegt im Arbeiterviertel Barriera di Milano. Nur vier Kilometer von der barocken Altstadt entfernt, gefühlt in einer anderen Welt. Ein großer Komplex aus Lagerhallen, 1912 als Zoll- und Warenlager gebaut. Die Züge der Linie Turin-Mailand fuhren damals direkt in die Hallen. Hier wurde Wein gelagert, Wermut produziert, Getreide verladen.

Docks Dora Turin

In den 1970ern wurde das Gelände stillgelegt. Massenstreiks bei Fiat, Automatisierung, wirtschaftlicher Abschwung. Die alten Zoll- und Lagerfunktionen wurden durch modernere Logistik überflüssig, die Bahnverbindungen verloren an Bedeutung. In den 1990ern zog die Clubszene ein.

Docks Dora Turin

Der Bau selbst hat eine bemerkenswerte Geschichte. Das Beton-Glasdach stammt von Giovanni Antonio Porcheddu, dem Mann den König Vittorio Emanuele III 1911 den „König des Eisenbetons” nannte. Porcheddu war der erste Bauunternehmer Italiens der sich auf Stahlbeton spezialisierte. Er hat auch das Fiat Lingotto gebaut, jene Fabrik im Süden Turins mit einer Teststrecke auf dem Dach und einem Hubschrauberlandeplatz für Gianni Agnelli, der aus seinem Haus herüberflog. Ein bisschen verrückt durfte man damals sein. Heute ist dort ein Dachgarten den man besichtigen kann. Meine Zeit hat dafür leider nicht gereicht. Nächstes Mal.

Docks Dora Turin

Die Docks Dora sind eines der seltenen erhaltenen Beispiele von Porcheddus Werk, bei dem die tragende Stahlbetonstruktur klar sichtbar ist. Am Eingang hängen Schilder mit rund 80 Mietern. Designstudios. Architekturbüros. Vintage-Möbelläden. Fotostudios. Tonstudios. Modeateliers. Das originale DD-Logo für Docks Dora ist noch an den Fenstergittern zu sehen. Alte Bahnwaggons stehen auf dem Gelände. An einer Mauer ein Kunstprojekt mit großformatigen Fotos auf Leinwand.

Unsere Stadtführerin hatte Barriera di Milano vorher als nicht besonders empfehlenswert bezeichnet. Die Bevölkerung sei bunter, das Viertel nicht so schön wie die Altstadt. Ich verstehe was sie meint. Aber im Unfertigen liegt der Reiz. Hier passiert etwas. Hier entsteht etwas.

Skandinavische Möbel in einer Turiner Lagerhalle

Am Wochenende liegt das Gelände ruhiger, wer unter der Woche kommt erlebt sicher mehr. Das Restaurant AL ist gut ausgeschildert. Ich folge dem Schild. Der Name hat eine doppelte Bedeutung: AL steht für Alfonso, Albertos Vornamen und für das italienische „al ristorante”, ins Restaurant gehen.

Docks Dora Turin

Direkt neben dem Eingang zum Restaurant sehe ich durch eine Scheibe ein großes Showroom mit skandinavischen Möbeln. Die Verlockung ist zu groß, ich gehe kurz hinein.

Chiara und Paolo betreiben hier Støv, einen Vintage-Möbelladen der sich auf skandinavisches Design spezialisiert hat. In einer Turiner Industriehalle aus dem frühen 20. Jahrhundert. Der Kontrast könnte größer kaum sein. Und funktioniert perfekt.

Docks Dora Turin

Sie war in der Bildung. Was er davor gemacht hat, hat er mir nicht erzählt. Irgendwann entschieden sie sich ihrem gemeinsamen Ding zu folgen, einer Leidenschaft für skandinavisches Design, für gute Materialien, für Stücke die eine Geschichte haben. Sie bringen alte Möbel aus Dänemark und Schweden hierher und restaurieren sie in ihrem Labor selbst bevor sie sie weiterverkaufen. Manche Stücke behalten das Originalgewebe, andere bekommen neue Stoffe.

Die beiden sind gut gelaunt und unglaublich nett. Wie alle die ich heute treffe.

Alberto Fluttero und das Restaurant AL

Docks Dora Turin

Ich betrete das Restaurant AL. Eine große Fensterfront, viel Licht, offene Küche. An der Wand links die Projektion des Menüs. Ein großes Regal das bis zur Decke geht mit Büchern und persönlichen Gegenständen, ein bisschen wie zuhause. Minimalistisch, aber warm. In der Innenstadt hätte Alberto diesen Raum nie gefunden.

Alberto Fluttero ist 38 Jahre alt. Er sieht jünger aus. Aufgewachsen ist er in einem Dorf 15 Kilometer von Turin entfernt. Er hat bei Davide Oldani im Sternerestaurant in Mailand gelernt, zehn Jahre in der gehobenen Gastronomie Londons gearbeitet und dann entschieden zurückzukommen. Seine Frau kommt aus Newcastle. London war zu teuer für Familie und eigenes Restaurant. Turin war die Antwort.

„Docks Dora ist der einzige Ort in Turin an dem du dich wie in Berlin, London, Paris fühlen kannst”, sagt er. „Das Flair ist sehr international. Nur hier konnte ich das Lokal so bauen wie ich es wollte.”

Er nimmt sich spontan Zeit für ein Gespräch, kein PR-Termin, kein Pressebüro, einfach weil er Lust hat. Wer so mit seinen Gästen umgeht, der will kein exklusives Restaurant betreiben sondern einen Ort schaffen an dem sich jeder willkommen fühlt. Das spürt man.

Bei der Einrichtung wurde auf die Kosten geachtet ohne am Stil zu sparen. Vier Gänge für 48 Euro, acht Gänge für 68 Euro. Das Menü steht an der Wand, projiziert, schlicht wie der Raum selbst. Gedruckte Karten gibt es nicht, Änderungen lassen sich so schnell und einfach machen wenn ein Gericht aus ist. Not macht erfinderisch.

Ich nehme die vier Gänge.

Es beginnt mit selbst gebackenem Brot, warm, knusprig, dazu Haselnussbutter und Sardellen. Wenn das Brot schon so ist, was kommt dann noch.

Dann die Gnocchi. Eine intensiv grüne Sauce aus Brennnesseln, Crescenza-Käse, Zitrone. Das Grün ist wirklich außergewöhnlich. Fein, aromatisch, mit einer Frische die mich überrascht. Dann das Perlhuhn mit Borretsch, Kartoffeln und Roggenmiso. Zum Abschluss eine Pavlova mit Erdbeeren und Mädesüß.

Der Preis für vier Gänge ist nicht mehr als man in der Turiner Innenstadt für ein normales Menü zahlt, wo jeder Gang zwischen 10 und 20 Euro kostet. Alberto wirtschaftet kreativ, er konserviert mit Miso und Essig, setzt auf Fermentation, nutzt Wildkräuter und vergessene Früchte aus dem Piemont. „Früher haben alle in der Region diese Lebensmittel gesammelt”, sagt er. „Wenn sie ins Restaurant kommen erinnern sich die Leute plötzlich an Geschichten ihrer Großeltern.”

Casa Arpège – ein Friseur der kein Friseur ist

Vor dem Restaurant treffe ich Daniela Re, sie ist Guide im Barriera di Milano. Mein Anruf kam etwas kurzfristig, sie hat nicht viel Zeit, möchte mir aber trotzdem etwas zeigen. Auf dem Rückweg entdecke ich am Anfang des Geländes auf der linken Seite das Plakat an der Mauer. Ohne Daniela wäre ich die dunkle Treppe zur Casa Arpège nicht hochgegangen. Oben dann ein warmes Hallo.

Der Salon vom Hairstylisten Marco Todaro liegt im ersten Stock. 300 Quadratmeter, industrielles Ambiente, warme Materialien.

Ich treffe Loren, die Partnerin von Marco Todaro. Markante Brille, Piercings am Ohr, lange blonde Haare. Sehr nett. Wir kommen sofort ins Gespräch.

Marco Todaro ist kein gewöhnlicher Friseur. Er ist seit 30 Jahren bekannt in der Welt der Mode, des Showbusiness und des Kinos in Turin. Er hat ein eigenes Farb-System entwickelt, Arpège Opera. Die Farbtöne orientieren sich an natürlichen, unbehandelten Haaren. Das Ziel: keine aufgezwungenen Trends, sondern Farben die zur Person passen, die zeigen wer sie wirklich ist. Obwohl er so bekannt ist, kann man einfach einen Termin machen wie bei einem normalen Friseur.

Drei Wörter beschreiben seine Philosophie: Condivisione, Serenità, Crescita. Teilen, Gelassenheit, Wachstum.

Alessandro und die bemalten Türen

Wir verlassen das Docks Dora. Draußen auf der Straße treffen wir Alessandro, ein Bekannter von Daniela mit seinem Hund. Alessandro ist Streetart-Künstler und hat hier ein Atelier. Er führt uns zu einer kulturellen Einrichtung auf dem Gelände und erzählt über das Türen-Projekt: eine Frau hatte die Idee, Künstler einzuladen die Rolläden des Gebäudes zu bemalen. Ein Wochenende, ein DJ, Menschen die zuschauen, und am Ende waren die grauen Industrierolläden verschwunden unter Farbe und Geschichte.

Alessandro war der erste. Sein Konzept: Angora, griechisch für Platz, für den Raum der Menschen gehört. Bücher, Schriften, Worte in unterschiedlichen Sprachen des Viertels. Ein populäres Viertel das sich selbst ausdrückt.

Er war schon in Berlin und anderen Städten. Künstler sind international vernetzt und inspirieren sich gegenseitig. Das merkt man auch hier. Bevor wi runs verabschieden, emphiehlt er noch die Pizzeria Il Cavaliere gleich um die Ecke. Ich merke sie mir für den nächsten Besuch im Norden.

Wer Zeit hat sollte durch Barriera di Milano schlendern. Der Streetart-Künstler Millo hat hier 13 riesige Murals auf fensterlosen Hausfassaden hinterlassen. Das Projekt heißt „Habitat” und zeigt freundliche Riesen die mit ihrer Umgebung interagieren, immer ein bisschen zu groß für die Stadt um sie herum. In Schwarz-Weiß mit einzelnen Farbakzenten. Das bekannteste ist an der Piazza Bottesini 6. Ich habe auf meinem Weg den kopfstehenden Riesen am Corso Vigrevano 2 entdeckt.

Parco Dora – Fabrikruinen als Freiraum

Daniela muss gehen, wir verabschieden uns und ich mache mich auf den Weg zum Parco Dora. Der deutsche Landschaftsarchitekt Peter Latz hat die 1989 stillgelegten Schwerindustriehallen von Fiat und Michelin in einen Park umgewandelt, nach internationalem Wettbewerb 2004, fertiggestellt 2012. 37 Hektar.

Die Idee dahinter ist radikal: keine Tabula Rasa, keine Verschönerung. Latz hat die Industrierelikte stehen lassen und Natur dazwischen wachsen lassen. Stahlträger die irgendwann von Pflanzen überwuchert werden. Ein Fluss der aus dem Beton befreit wurde. Wiesen auf denen Betreten erlaubt ist.

Es ist kein lieblicher Park. Es ist ein Freiraum mit Kontrast. Zwischen Bäumen und Sträuchern ragen die Relikte der Fabrikruinen spektakulär in den Himmel. Das Ruhrgebiet von Turin. Und es ist auf seine eigene Art wild und wunderschön.

Von hier laufe ich zurück in die Innenstadt. Es ist nicht so weit, und man versteht dabei wie nah diese zwei Welten beieinander liegen.

Was Docks Dora mit mir macht

Jeder den ich heute getroffen habe versprüht dieselbe Energie. Alberto der sein Londoner Leben gegen eine Lagerhalle in Turin eintauscht. Chiara und Paolo die skandinavische Möbel nach Barriera di Milano bringen. Alessandro der graue Türen in Kunstwerke verwandelt. Eine Druckerei die T-Shirts für ein Plattenlabel bedruckt. Tonstudios. Ateliers.

Das glatte, restaurierte Turin der Barockpaläste ist wunderschön. Aber es ist nicht die einzige Geschichte dieser Stadt. Für mich liegt im Unfertigen der Reiz. Hier ist der Raum für Kreativität. Mach dein Ding.

Das ist Docks Dora. Das Turin das die meisten Touristen nie sehen. Und genau deshalb lohnt sich der Weg.

Wer noch mehr Turin entdecken will: das Filmmuseum in der Mole Antonelliana ist ein Muss.

Docks Dora Turin. Praktische Infos

Wer eine Führung durch das Viertel und Docks Dora machen möchte, der kann diese bei Daniela Re buchen.

Docks Dora: Via Valprato 68, Turin. Öffentlich zugänglich. Mit dem Taxi aus der Innenstadt ca. 10 Minuten. Unter der Woche mehr los als am Wochenende.

Restaurant AL: Gut ausgeschildert auf dem Gelände. Reservierung empfohlen. 4 Gänge 48 Euro, 8 Gänge 68 Euro.

Casa Arpège: Erstes Stockwerk, linke Seite am Eingang des Geländes. casarpege.it. Terminbuchung online.

Støv Vintage Furniture Design: Støv ist die Fundgrube für alle Fans skandinavischer vintage Möbel.

Parco Dora: Kostenlos zugänglich, täglich geöffnet. Zu Fuß zurück ins Zentrum problemlos möglich.

Millo Murals Habitat: 13 Murals in Barriera di Milano. Karte und geführte Touren zu Fuß, per Fahrrad oder Bus. Buchung über info@arteinbarriera.com

Porta Palazzo Markt: Piazza della Repubblica. Täglich außer sonntags, vormittags. Der angeblich größte Freiluftmarkt Europas – einfach reinspazieren.

Unterkunft Combo Turin: Piazza della Repubblica 6, direkt am Markt. Das Combo ist ein Hostel, hat aber auch moderne Zimmer in einer ehemaligen Feuerwehrkaserne. Ich fand den Ort sehr inspirierend.

Dieser Artikel entstand im Rahmen einer Pressereise nach Turin, unterstützt von Turismo Torino e Provincia und ENIT.

Text und Fotos: Britta Smyrak

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