Ruhrgebiet, Tag 1: Eine der coolsten Locations Deutschlands

Das Ruhrgebiet, eine der coolsten Locations Deutschlands

Manchmal muss man gar nicht so weit fahren, um etwas zu erleben, dass man nie wieder vergessen wird. Sagte schon Konfuzius? Nee, sage ich. Mir ging es so mit dem Ruhrgebiet und unerwarteterweise mit dem Gasometer in Oberhausen, dem höchsten Veranstaltungs- und Ausstellungsort Europas. Zur Erklärung vorab: Dieser Ausflug ist Teil eins meines kleinen Experiments: Dinge kennenlernen, die du zwar vom Hörensagen kennst, aber nicht wirklich und außerdem nur einen Katzensprung entfernt sind.

Wann immer du die Gelegenheit dazu haben solltest: do it!

Diesmal ist das Ruhrgebiet dran. Ich will jetzt endlich wissen, warum mein Kollege Christian immer so einen verklärten Blick bekommt, wenn er von ESSEN redet. Warum die Leute sagen, die Leute DORT wären so EHRLICH. Warum mich ein Besuch im Gasometer und der Ausstellung Wunder der Natur sogar mit dem Regenwetter versöhnt, über das ich normalerweise schimpfe wie ein Rohrspatz? Was hat es mit alledem auf sich?

Dieses Industriedenkmal ist ja von außen als Gebäude optisch … na sagen wir mal mit eher weniger Sexappeal ausgestattet als andere seiner Museums-Kollegen. Doch von innen passiert genau das Gegenteil: Mit der einmalig  wuchtig-mächtigen Ausstrahlung seiner genial gemachten Innenarchitektur hat das Gasometer die Kraft, mit einer puren, klaren und deswegen überwältigenden Erscheinung zu berauschen. Bei mir war es im wahrsten Sinne des Wortes so: durch das lautstarke Prasseln des rauschenden Regens auf dem 117 m hohen ehemaligen Dach des Zylinders. Starkregen wird in dieser Location zu einem gänsehautmachenden, unvergesslichen Erlebnis. Wenn also nach Xaver, Herwart, Kyrill und Co der nächste Herbststurm anrollt – such mich dort.

In welchem anderen Museum wird so großflächig herumgelegen?

Das habe ich vorher auch noch in keiner Ausstellung erlebt. Über dir, in 100 m Luftraum, befindet sich eine Skulptur der Erde. Du sitzt, stehst, liegst darunter so, als wärst du in einer Raumstation, denn dir wird eine Aussicht auf die Weltkugel geboten, wie sie ein Astronaut in seinen erhebendsten Momenten wohl schöner nicht sehen könnte. Der blaue Planet, faszinierend und unnachahmlich schön. So sieht das Ganze aus, wenn du mit dem Aufzug ganz hoch in die 10. Etage fährst:

Ein Naturspektakel für alle Sinne, denn gerade der Regen draußen, der so laut auf die Außenhaut vom Gasometer prasselt, macht es so richtig richtig perfekt. Die Leute liegen mit Fatboys auf Treppen oder mittenmang auf einer riesengroßen runden Fläche, um die sich drehende Erdball-Skulptur mit 20 Meter Durchmesser zu bestaunen. Es wird gekuschelt, gechillt, philosophiert – eine ganz besondere Stimmung, der sich niemand zu entziehen vermag.

Gefühlt zum Greifen nah werden verschiedenste Szenen präsentiert: Animationen vom Earth Observation Center, mit einer Auflösung von 58 Mio. Pixeln, erstellt mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt als Projektpartner.

Den Wechsel von Tag und Nacht beobachten, endlose Ozeane, Kontinente, Wolken … aufbereitet aus Daten, die für wissenschaftliche Zwecke von Erdbeobachtungssatelliten aufgezeichnet worden sind. Hier zu liegen und das auf sich wirken zu lassen, ist überaus spektakulär. Regt zum Staunen an, macht aber auch nachdenklich. Gut so, wie ich finde: Ausstellungszweck erfüllt, check!

Was war das Gasometer eigentlich früher?

Das frage natürlich nur ICH Blödspaten mich; ihr wisst es ja alle, dass der Gasometer ein Zwischenspeicher für Gichtgas war, einem Abfallprodukt der umliegenden Hochöfen; später für Kokereigas aus der Zeche Osterfeld. Im zweiten Weltkrieg zerstört, wiederaufgebaut und bis 1988 in Betrieb. Was manche eventuell nun nicht wissen, was aber meiner Meinung nach ganz lustig ist, ist Folgendes: Nach der Stilllegung dachte man eigentlich an einen Abriss. Da dieser damals allerdings 1,5 Mio. DM kosten sollen, zog man lieber auch einige andere Ideen als den direkten Abriss in Erwägung. Und jetzt kommt’s: Eine Zeit lang bestand eine hohe Chance, dass du ganz oben in diesem Blogpost kein Foto von einem grauen Zylinder, sondern einer rot-weißen Coca-Cola-Dose in Überlebensgröße gesehen hättest.

Gut gebrüllt, Löwe.

Das Allerschönste ist aber der Fakt, dass ein gewisser Herr namens Karl Ganser, damals Leiter der Internationalen Bau-Ausstellung Emscher Park, für den Fall des Abrisses mit seinem Rücktritt drohte. 1992 wurde entschieden, dass der Gasometer für Ausstellungszwecke genutzt wird. Herr Ganser, Sie sind ein Held. Und die Cola-Dose ist der totale Alptraum. (Apropos hässliche Verpackung: Habe ich schon erzählt, dass ich 1996 unbedingt im Fernsehturm in Berlin heiraten wollte?  Ich hatte es mir so schön vorgestellt. Doch am Tag der Hochzeit war die sonst so wunderschön magisch glitzernde Kugel hoch über dem Berliner Alexanderplatz verwandelt – in einen magentafarbenen Fußball, sponsored by Telekom! Schock für’s Leben. Diese Ehe damals auch. Aber das ist ein ganz anderes Kapitel.)

Mächtig gewaltig.

Dann lieber zurück zu den Wundern der Natur und hin zu dem Mann mit der schönsten Stimme der Welt. Die Stimme der Audio Guides ist die von Christian Brückner, der deutschen Synchronstimme von Robert De Niro. Roooarrrr! Insgesamt 150 großformatige Fotografien von hochkarätigen Fotografen entlocken mir dieses Geräusch allerdings ebenfalls. Gleich zu Anfang wird einem nochmal recht eindringlich und ebenfalls großformatig plakativ vor Augen gehalten, dass es hier nicht nur um bunte Tierbildchen gehen wird: Auch wir sind ein Teil der Natur, zeigt ein Film-Exponat.

So wird eine fotografische Arbeit von Lennart Nilsson, erstmals bereits 1965 in der Life erschienen, als Bewegtbild und Teil einer Computeranimation präsentiert. By the way: Kennst du den extrem empfehlenswerten Bildband „Ein Kind entsteht“?  Von der Befruchtung bis zur Geburt ist in sehr fesselnden Bildern das Wachsen eines Kindes im Mutterleib nachvollziehbar.

Ein Guinessbuch der Rekorde aus der Tier- und Pflanzenwelt wäre prall gefüllt mit den wahnsinnigsten Rekorden; diese eindrucksvollen Arbeiten halten es mir auf berührende Weise vor Augen.

Auf Halde.

Das Ruhrgebiet ist definitiv ein Hidden Champion im Markt der genialen Sehenswürdigkeiten, wie man hier ja wirklich sehen kann. Die Installationen, die den ehemaligen Bergehalden Freizeitwert verschaffen sollten – und es definitiv tun! – empfinde ich als sensationell. Vielleicht nochmal kurz ein paar Worte zum Background. Die Motivation, die damals dahinter stand, war Folgende: Mit neuen Ideen und Projekten im städtebaulichen, sozialen, kulturellen und ökologischen Bereich wollte man Impulse für den wirtschaftlichen Wandel einer alten Industrieregion im nördlichen Ruhrgebiet (= der Emscher Region) schaffen. 17 Kommunen des Ruhrgebiets waren beteiligt. Nochmal check!

Applaus für das Haldenereignis Emscherblick

Zum Beispiel wirkt dieser Tetraeder auf dem kargen Haldengipfel doch nicht wie von dieser Welt, oder? Ich habe das Gefühl, hier ist ein Ufo gelandet. Einfach. Nur. Genial. Der Aussichtspunkt wurde als kulturelle sogenannte Landmarke der IBA, der Internationalen Bauaustellung Emscher Park, vom Architekten Wolfgang Christ und dem Tragwerksplaner Klaus Bollinger entworfen und 1995 eröffnet.

Sehr bemerkenswert finde ich auch, wie extrem viel grüner das Ruhrgebiet doch ist, wo doch die landläufigen Vorurteile „grau“ schreien. Alle mal hier hoch steigen, Leute! Es gibt ’ne Menge zu lernen. Ich habe es auch getan und bin schlicht begeistert. Das geht vielen Menschen so, die ich hier kurz befrage. Oft sind es, wie hier, Familien. Gibt halt ne Menge zu erzählen aus alten Zechenzeiten … Gefällt mir.

Tiger and Turtle – Magic Mountain. Das LOOPING Wahrzeichen!

Einmal einpacken und mitnehmen, bitte! Diese Großskulptur auf der Heinrich-Hildebrand-Höhe im Angerpark in Duisburg-Angerhausen, die mich aus 48 m Höhe das Panorama genießen lässt, ist wie ein herrlicher Roller Coaster ohne nervigen Freizeitpark drumherum – natürlich musste ich mich fürs Foto direkt in den Looping stellen, klar.

Das  Kunstwerk von Heike Mutter und Ulrich Genth wurde zum Anlass der Kulturhauptstadt Ruhr 2010 umgesetzt. Setzen, 1 plus. Ich muss mich jetzt auch erstmal setzen, denn das Ruhrgebiet hält ja einen Knaller nach dem nächsten bereit. Freut euch auf meine nächsten zwei Tage. In diesem Sinne: Bis dahin!

Text: Sabine Neddermeyer
Fotos: Anja Menzel

Danke an Heike Drewes von Ruhr Tourismus GmbH sowie an Larissa Lammering und Katalina Mracsek, die so hilfreiche Unterstützung bei meinem Experiment und der Recherche boten. Meine Meinung bleibt davon unbeeinflusst und ich resümiere schon nach Tagebucheintrag 1: eine der coolsten Locations Deutschlands. 

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