Danzig Tipps: Was die Hansestadt an der Mottlau so unvergesslich macht

Wer Danzig Tipps sucht, findet schnell die üblichen Verdächtigen: Marienkirche, Krantor, Neptunbrunnen. Aber die Stadt bietet weit mehr als ihre bekanntesten Sehenswürdigkeiten. Danzig ist längst keine Entdeckung mehr für Eingeweihte. Kreuzfahrtschiffe legen regelmäßig an, die Stadt erlebt seit Jahren einen Tourismusboom, und wer die Altstadt an einem Sommerwochenende besucht, merkt schnell: Europa hat diese Stadt entdeckt. Zu Recht.

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Wer die Region erkunden möchte, sollte auch einen Abstecher nach Gdynia einplanen — eine Stadt die auf ganz andere Art überrascht.

Ich übernachte im Radisson Blu Hotel direkt am Langen Markt. Besser geht die Lage nicht. Man tritt aus dem Hotel und steht sofort mitten in der Geschichte.

Die Hansestadt und ihre wechselvolle Geschichte

Danzig ist eine tausendjährige Stadt. Im Mittelalter war sie eine der mächtigsten Hansestädte Europas, ein Zentrum des Handels mit Getreide, Bernstein und Holz. Für mehrere Jahrhunderte gehörte sie zu Polen, eine Zeit die die Stadt als ihre Blütezeit betrachtet. Dann kam Preußen, dann das Deutsche Reich, dann nach dem Ersten Weltkrieg der Sonderstatus als Freie Stadt unter Völkerbundmandat. Am 1. September 1939 fielen die ersten Schüsse des Zweiten Weltkriegs in Europa hier, wenige Minuten nach dem ersten Bombenangriff auf Wieluń, einer Kleinstadt in Südpolen, die als das polnische Guernica gilt.

Im Januar und Februar 1945 wurde Danzig zu etwa 90 Prozent zerstört, nicht durch die Deutschen sondern durch die Rote Armee bei der Eroberung der Stadt. Die deutsche Bevölkerung wurde vertrieben. Polnische Bevölkerung siedelte ein, oft Menschen die selbst aus Städten vertrieben worden waren die die Sowjetunion einnahm. Und dann begann der Wiederaufbau. Haus für Haus, Gasse für Gasse, so detailgetreu dass man heute kaum glaubt was hier einmal war.

Der Königliche Weg: Langgasse und Langer Markt

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530 Meter Stadtgeschichte zwischen dem Goldenen Tor und dem Grünen Tor. Das ist der Königliche Weg, auf dem einst Polens Könige feierlich in die Stadt einzogen. Entlang der Langgasse reihen sich prachtvoll verzierte Bürgerhäuser aneinander, jedes eine Demonstration des Reichtums seines Besitzers. Pilaster, Skulpturen, bemalte Giebel. Ein Wettbewerb in Stein und Farbe.

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Am Ende der Langgasse öffnet sich der Blick auf den Langen Markt mit dem Rechtstädtischen Rathaus, dem Artushof und dem Neptunbrunnen. Das Rathaus mit seinem 82 Meter hohen Turm, gekrönt von einer vergoldeten Statue König Sigismunds II. August, war jahrhundertelang das Zentrum der Stadtmacht. Im Inneren der Rote Saal mit 25 Deckengemälden, Holzschnitzereien und einem Kamin von 1593.

Der Artushof war einst der exklusivste Treffpunkt der Hansekaufleute. Sein Name geht auf König Artus und die Ritter der Tafelrunde zurück. Im Großen Saal steht ein 12 Meter hoher Renaissanceofen von 1546 mit 520 farbigen Kacheln.

Die Marienkirche: Gotik, Reformation und eine außergewöhnliche Orgel

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Die Marienkirche ist eine der größten Backsteinkirchen der Welt. 5.000 Quadratmeter Fläche, Platz für 25.000 Menschen, 80 Meter hoher Turm, Bauzeit von 1343 bis 1502. Wer verstehen will warum sie so groß ist, muss die Geschichte des Ablasshandels kennen. Die reichen Danziger Kaufleute kauften päpstliche Gnadenbriefe und finanzierten damit dieses monumentale Gotteshaus. Als Martin Luther 1517 den Ablasshandel zur Sünde erklärte, wurden die Danziger begeistert protestantisch. Alle mittelalterlichen Wandmalereien wurden mit weißer Farbe überstrichen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Kirche wieder katholisch geweiht, die Malereien sind an einigen Stellen wieder freigelegt.

Die astronomische Uhr von 1470, zwölf Meter hoch mit Figurenspiel täglich um 12 Uhr, ist ein Meisterwerk der mittelalterlichen Mechanik. Die Orgel verdankt ihre Existenz einem ehemaligen Danziger namens Otto Kulke, der nach dem Krieg nicht mehr in seine Heimatstadt zurückkehren konnte, jahrzehntelang in Deutschland Geld sammelte und eine neue Orgel stiftete. Als er starb, wurde seine Urne nach Danzig gebracht. Er ist in der Marienkirche beigesetzt.

Das Krantor, der Bernstein und die Mariacka

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Das Krantor, erbaut zwischen 1442 und 1444, war gleichzeitig Stadttor und der größte Hafenkran des mittelalterlichen Europa. Im Inneren riesige Holzräder mit 6,5 Metern Durchmesser, angetrieben von Menschen, meist Gefangenen der Stadt, die im Inneren der Räder liefen. Mit dieser Kraft konnten Lasten bis zu vier Tonnen auf 27 Meter Höhe gehoben werden.

Danzig ist die Hauptstadt des Bernsteins. Kein Besuch der Stadt ohne das Bernsteinmuseum in der Großen Mühle, einem mittelalterlichen Industriebau auf der Radaune-Insel. Das fossile Baumharz entstand vor etwa 40 Millionen Jahren, zu einer Zeit als an dieser Stelle ein subtropischer Urwald stand. Was heute als Schmuck getragen wird, war einmal Harz eines Nadelbaums.

Die Farbe des Bernsteins verrät seine Geschichte. Je mehr Einschlüsse er enthält, desto wertvoller. Eine 40 Millionen Jahre alte Mücke, eine Pflanzenfaser, manchmal sogar ein ganzes kleines Tier, eingeschlossen für die Ewigkeit. Die wertvollsten Stücke werden individuell geschätzt, ein Kilopreis gibt es nicht. Je größer das Stück, desto exponentiell wertvoller.

Auch die Farben überraschen. Neben dem klassischen Honiggelb gibt es weißen Bernstein, so leicht dass er fast schwerelos wirkt, und sogar blauen Bernstein aus der Karibik, der durch andere chemische Strukturen des Harzes entsteht. Im Museum begleitet ein Urwaldpanorama die Ausstellungsstücke und erinnert daran wo alles begann.

Fälschungen sind inzwischen perfekt. Wer kaufen möchte sollte wissen: Echten Bernstein erkennt man mit Salzwasser, er schwimmt, Plastik sinkt sofort. Er brennt mit einer sauberen Flamme und duftet angenehm, fast wie Weihrauch. Kein Wunder, denn aus Bernsteinstaub wird tatsächlich Kirchenweihrauch hergestellt. Plastik schmilzt und stinkt.

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Die beste Adresse für Bernsteinkauf ist die Mariacka, die Mariengasse die direkt zur Marienkirche führt. Auf den steinernen Freitreppen der Bürgerhäuser reihen sich Stände mit Schmuck und Kunsthandwerk aneinander. Wer ein außergewöhnliches Stück sucht, findet es hier.

Bernstein hatte im Mittelalter auch eine medizinische Bedeutung. Man glaubte er schütze vor Epidemien und schlechter Luft. Wohlhabende Bürger trugen sogenannte Duftäpfel bei sich, ein Amulett aus verschiedenen Duftstoffen, mit Bernstein als wichtigstem Bestandteil.

Die Brigittenkirche und der Bernsteinaltar

Die Brigittenkirche war während der Solidarność-Bewegung eine der wichtigsten Kirchen Polens. Priester Henryk Jankowski predigte hier zu den streikenden Werftarbeitern. Die Kirche wurde zum Schutzraum für Oppositionelle.

Im Inneren befindet sich der Bernsteinaltar, ein außergewöhnliches Kunstwerk. Über fünf Meter hoch, elf Meter breit, komplett aus Bernstein gefertigt, entstanden über zwanzig Jahre durch die Arbeit des Danziger Juweliers Mariusz Drapikowski. In der Mitte das Bild der Schwarzen Madonna, daneben der polnische Adler mit gebrochenem Flügel, Symbol eines Volkes das gelitten hat und trotzdem nicht gebrochen wurde.

Das Europäische Solidarność-Zentrum

Auf dem Gelände der ehemaligen Lenin-Werft, direkt neben dem berühmten Tor 2 und dem Denkmal für die gefallenen Werftarbeiter, steht seit 2014 das Europäische Solidarność-Zentrum. Das Gebäude aus rostfarbenen Stahlplatten ähnelt einem Schiffsrumpf, eine bewusste Hommage an den Werftbetrieb der einst hier bis zu 20.000 Menschen beschäftigte.

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Die Dauerausstellung auf 3.000 Quadratmetern führt chronologisch durch die Geschichte der Solidarność-Bewegung, von den Streiks im August 1980 bis zum Fall des Kommunismus 1989. Zu sehen sind über 1.800 historische Objekte, Fotografien, Filme und Multimedia-Installationen. Die Originaltafeln der 21 Forderungen der Werftarbeiter, aufgenommen in die UNESCO-Liste Memory of the World. Ein Original-Kran aus der Werft. Ein begehbarer Mannschaftswagen der Miliz.

Das Museum ist die Nummer eins aller Sehenswürdigkeiten in Danzig auf Tripadvisor. Tickets im Voraus buchen.

Die Docks: Wo Werftgeschichte zur Kulturszene wird

Das ehemalige Werftgelände rund um das Solidarność-Zentrum entwickelt sich seit Jahren zu einem der interessantesten Stadtteile Danzigs. Die Junge Stadt verbindet historische Industriebauten mit neuen Restaurants, Bars, Galerien und Kulturräumen. Alte Kräne ragen zwischen modernen Wohngebäuden auf. Wer Danzig abseits der Altstadt erleben möchte, sollte hier einen Abend verbringen. Die Atmosphäre ist anders als im Zentrum: offener, junger, experimenteller.

Die Westerplatte

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Stündlich fährt ein Schiff vom Kai am Grünen Tor zur Westerplatte. Auf der Hinfahrt Kommentar auf Deutsch, auf der Rückfahrt Seemannslieder. Wer möchte, fährt auf dem nachgebauten Piratenschiff Galeon Lew.

Die Westerplatte ist eine Halbinsel am Hafeneingang, heute ein nationaler Gedenkort. Hier hielten 180 polnische Soldaten am 1. September 1939 sieben Tage lang stand, gegen Schiffsgeschütze, Infanterie und Luftwaffe, bevor sie kapitulierten. Die Ruinen der Kaserne sind noch zu sehen.

Wer tiefer in die polnische Geschichte eintauchen möchte, findet in Ermland-Masuren ein weiteres faszinierendes Kapitel.

Danzig Tipps für Genießer: Von rustikal bis raffiniert

Das Gdański Bowke liegt direkt an der Długie Pobrzeże, der Uferpromenade an der Mottlau. Mitten auf der Touristenmeile, aber trotzdem überzeugend. Gemischte Vorspeisen mit Pastete, Bigos, Pierogi. Klassisch polnisch, ehrlich zubereitet.

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Das Piwna47 gehört zu den besten Restaurants der Stadt. Die Küche verbindet polnische Tradition mit moderner Präzision. Kaschuber Hering mit Kirschen, Senfkörnern und Schalotten. Forelle aus Zielenica mit Passionsfrucht, Sellerie und Buttermilch. Steinbutt mit Zucchini und Fischvelouté. Eine Küche die zeigt wohin sich die polnische Gastronomie entwickelt hat. Polen arbeitet inzwischen mit dem Michelin Guide zusammen.

Danzig und das Werftgelände zusammen sind ein zweitägiges Programm mindestens. Wer die Museen ernst nimmt, braucht drei Tage.

Wer polnische Stadtkultur und Gastronomie weiter erkunden möchte, dem empfehle ich auch Warschau — eine Stadt die sich rasant verändert.

Text und Fotos ©Britta Smyrak

Auf diese Pressereise wurde ich von der Polnischen Zentrale für Tourismus eingeladen.

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