Gdynia: Polens moderne Hafenstadt feiert 100 Jahre

Gdynia kannte ich nicht. Dabei reise ich seit Jahren nach Polen und schätze das Land sehr. Warschau, Ermland-Masuren und jetzt Gdynia. Jede dieser Reise bringt neue Entdeckungen und auch diese hat mich wieder beeindruckt und überrascht.

Die Anreise ab Berlin ist unkompliziert. Der ICE fährt morgens früh direkt, wer etwas später losmöchte, steigt in Frankfurt (Oder) und Poznań um. Sechs Stunden Fahrzeit durch flaches Land. Zur Einstimmung auf Polen empfehle ich die Pierogi im Zugrestaurant.

Kurz nach der Grenze, bei Świebodzin, taucht vom Zugfenster aus eine riesige Christusstatue auf. 36 Meter hoch, lange die größte der Welt. Polen überrascht von der ersten Minute an.

Ich übernachte im Courtyard by Marriott Gdynia Waterfront, direkt am Hafen. Vom Zimmer aus blicke ich auf das Wasser. Ein ruhiger Ausgangspunkt für die nächsten Tage.

100 Jahre Gdynia: Eine Stadt entsteht aus dem Nichts

2026 feiert Gdynia seinen 100. Geburtstag als Stadt. Was heute vielleicht als selbstverständlich wirkt, war damals eine außergewöhnliche Leistung. 1922 lebten hier 1.300 Menschen in einem Fischerdorf. Die junge polnische Republik brauchte einen eigenen Hafen, unabhängig vom deutschen Danzig, das damals als Freie Stadt unter Völkerbundmandat stand.

Der Ingenieur Tadeusz Wenda erkannte 1920 das Potenzial dieses kleinen Ortes, entwarf den Hafen und leitete den Bau 17 Jahre lang. Das Fischerdorf musste weichen. Binnen weniger Jahre entstand eine der modernsten Hafenstädte Europas. Vor dem Zweiten Weltkrieg zählte Gdynia bereits 127.000 Einwohner und war die wichtigste Hafenstadt an der Ostsee. Das Jubiläumsjahr wird mit Ausstellungen, Konzerten und kulturellen Events begangen. Alle Informationen hier.

Gdynia bietet Modernismus auf Weltniveau

Was Gdynia architektonisch einzigartig macht, ist sein konsequent durchgezogener Baustil. Die gesamte Innenstadt entsteht in den 1920er und 1930er Jahren, entworfen von überwiegend jüdischen Architekten, vom Bauhaus beeinflusst. Runde Ecken, Bullaugen, Balkone wie Schiffskommandobrücken, helle Fassaden, flache Dächer, breite Straßen mit Lichteinfall. Eine ganze Stadt als Gesamtkunstwerk.

Weltweit gibt es nur vier Städte, deren Zentrum so konsequent im Modernismus-Stil errichtet wird: Tel Aviv, Brasilia, Asmara und Gdynia. Seit 2007 steht das Stadtzentrum unter Denkmalschutz. Im Juli 2026 entscheidet die UNESCO, ob Gdynias Modernismus-Innenstadt in die Welterbeliste aufgenommen wird. Ich drücke die Daumen.

Gdynia

Die Stadtführung mit Ewa Jaroszyńska, startet am Forschungsinstitut am Hafen, 1937 erbaut, mit seinem 41 Meter hohen Turm. Von hier aus erkunden wir die einige der wichtigsten Gebäude der Stadt.

Gdynia

Das Baumwollhaus mit seiner markanten Fensterfront. Das Hauptpostgebäude in der ulica Świętojańska zeigt die typischen Merkmale des Gdynia-Modernismus: breite Fensterbänder, glatte Fassaden, strenge Symmetrie.

Gdynia

Der Bankowiec mit originalem Treppenhaus und Minimuseum im Keller, wo das Leben der Vorkriegsbewohner dokumentiert ist.

Der Bahnhof Gdynia Główna ist einen eigenen Abstecher wert: Die Deckenmalerei im Inneren gehört zu den bemerkenswertesten Details der Stadt. Gleich gegenüber steht das symmetrische Justizgebäude.

Was wie ein einheitliches Stadtbild wirkt, erzählt bei genauerem Hinsehen viele kleine Geschichten. Jedes Gebäude hat seine eigene Entstehungszeit, seinen eigenen Architekten, seine eigene Funktion. Eine vollständige Liste der Modernismus-Gebäude findet sich auf der offiziellen Gdynia-Tourismusseite.

Das Schulschiff Dar Pomorza

Am Hafen liegt eines der bekanntesten Wahrzeichen Gdynias: der Dreimaster Dar Pomorza. Seine Geschichte beginnt 1909 in Hamburg, wo es bei Blohm & Voss als “Prinzess Eitel Friedrich” für die deutsche Handelsmarine gebaut wurde. Nach dem Ersten Weltkrieg ging es als Reparationsleistung an Frankreich. 1929 kaufte die polnische Seefahrtschule das Schiff, finanziert durch Spenden aus der Bevölkerung.

Gdynia

Von 1930 bis 1939 war die Dar Pomorza jährlich sechs Monate auf hoher See, darunter eine Weltumsegelung 1934/35. Während des Zweiten Weltkriegs lag das Schiff sicher in Stockholm. Nach dem Krieg kehrte es nach Polen zurück und wurde zum schwimmenden Botschafter des Landes weltweit.

Die Matrosen waren gebildet, oft mehrsprachig und stolz darauf, auf diesem Schiff ausgebildet zu werden. An Bord herrschten dennoch strenge Bedingungen: Hängematten statt Betten, kaum persönliche Gegenstände, Wasser rationiert auf einen Liter pro Tag.

Geschichte die unter die Haut geht: Das Denkmal der Vertriebenen

Nahe dem Bahnhof, an einer unscheinbaren Straßenecke, steht eines der eindrücklichsten Denkmäler, die ich je gesehen habe. Vier Bronzefiguren. Eine Mutter mit zwei Kindern auf einem Betonblock. Auf einem zweiten Betonblock sitzt der Hund. Er darf nicht mit.

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Oktober 1939. Die Deutschen übernahmen Gdynia sofort nach Kriegsbeginn, nannten es Gotenhafen und trieben die polnische Bevölkerung aus ihren Häusern. Fünfzehn Minuten zum Packen. Dann raus. Etwa 55.000 Menschen, fast die Hälfte der Stadtbevölkerung, verloren bis Ende 1939 ihr Zuhause . Gdynia war eine der ersten Städte, die vom Generalplan Ost betroffen waren, der die vollständige Entfernung der polnischen Bevölkerung aus den eingegliederten Gebieten vorsah.

Das Denkmal Gdynianom Wysiedlonym steht genau an dem Ort, wo die Menschen auf ihre Deportation warten mussten. Enthüllt 2014, zum 75. Jahrestag der ersten Vertreibungen.

Das Emigrationsmuseum: Geschichte der großen Hoffnung

Weiter geht es mit bewegender Geschichte. Das Emigrationsmuseum befindet sich im ehemaligen Seebahnhof von 1933, dem Gebäude, durch das Hunderttausende Polen gingen, bevor sie das Schiff in eine ungewisse Zukunft bestiegen. Die Ausstellung dokumentiert die polnische Emigration vom 19. Jahrhundert bis heute. Faktenreich, emotional, erschütternd.

Um die Emigration der Polen zu verstehen, muss man ihre Geschichte kennen. 1772, 1793 und 1795 wird Polen dreimal zwischen Preußen, Russland und Österreich aufgeteilt. Nach der dritten Teilung verschwindet Polen als souveräner Staat vollständig von der Landkarte Europas. 123 Jahre lang existiert kein polnischer Staat. Erst 1918 entsteht Polen als unabhängige Republik neu.

In dieser Zeit ohne Staat werden die Polen regiert, kontrolliert und systematisch unterdrückt. Russland russifiziert, Preußen germanisiert. Die polnische Sprache wird in Teilen des Landes verboten, die Kultur unterdrückt. Zwei Aufstände, 1830 und 1863, werden niedergeschlagen. Tausende gehen ins Exil.

Zwischen 1815 und 1914 verlassen über 3,5 Millionen Polen ihre Heimat. Manche fliehen vor Unterdrückung und Zwangsrekrutierung. Andere treibt Armut und Hunger fort. Wieder andere hoffen schlicht auf ein besseres Leben. Die Industrialisierung macht Emigration erst möglich. Ein gut organisiertes Netz von Emigrationsagenturen sorgt dafür, dass selbst arme Bauern die Überfahrt finanzieren können.

Was die wenigsten wissen: Die erste Selektion findet nicht in Amerika statt, sondern bereits in Polen, vor dem Einsteigen. Wer krank ist oder körperliche Mängel aufweist, wird aussortiert. Die Schifffahrtsgesellschaften wollen vermeiden, Passagiere auf eigene Kosten zurückbringen zu müssen, denn wer auf Ellis Island abgewiesen wird, muss auf Kosten der Reederei nach Europa zurück.

Für die betroffenen Familien ist das eine Katastrophe. Alles ist bereits verkauft worden, um die Überfahrt zu finanzieren. Haus, Hof, Vieh. Es gibt kein Zurück mehr. Wenn ein Familienmitglied beim Einsteigen abgewiesen wird, steht die Familie vor dem Nichts. Manche werden getrennt. Manche fahren trotzdem. Manche bleiben zurück, alleine.

Rund zwei Prozent der Ankömmlinge auf Ellis Island werden schließlich endgültig abgewiesen. Für sie beginnt die Rückreise in ein Leben, das es so nicht mehr gibt.

Die Ausstellung ist zweisprachig beschildert, Polnisch und Englisch. Audioguides gibt es auch auf Deutsch.

Die Museen in Polen sind didaktisch auf Weltklasse-Niveau. Sie informieren für alle Sinne, mit Licht, Ton, Originalexponaten und persönlichen Geschichten. Wer das erleben möchte, dem empfehle ich auch das Museum des Warschauer Aufstands, das ich hier beschreibe.

Kulinarik auf Spitzenniveau

Polnische Küche wird international zu Unrecht unterschätzt. Was ich in Gdynia gegessen habe, zeigt wie weit sich die Gastronomie des Landes entwickelt hat.

Im Oberża86 serviert die Küche traditionelle polnische Gerichte auf hohem handwerklichem Niveau. Hering als Vorspeise, hervorragende Pierogi, perfekt zubereitete Entenkeule. Zum Abschluss ein Dessert das die Saison auf den Teller bringt: karamellisierte Erdbeeren mit Rhabarber, Zitronenmelisse und Vanilleeis. Klassisch in der Basis, präzise in der Ausführung.

Den Abend verbrachte ich im Biały Królik, dem Restaurant des Hotel Quadrille in Orłowo. Küchenchef Marcin Popielarz, Finalist beim San Pellegrino Young Chef Award 2018, kocht auf internationalem Spitzenniveau. Das Tasting Menu mit elf Gängen reicht von geröstetem Brot mit eingelegtem Safranmilchling über Heilbutt, gegrillte Rotbarbe und weiße Trüffelcremesuppe bis zur Wildschwein-Porchetta. Den Abschluss bildete ein Cheesecake, im Teller versteckt, gekrönt von einer goldenen Biene. Zwei Michelin-Schlüssel, Gault&Millau ausgezeichnet. Mehr als verdient!

Dass Polen inzwischen mit dem Michelin Guide zusammenarbeitet, ist kein Zufall. Die polnische Gastronomie hat sich in kurzer Zeit auf internationales Niveau entwickelt.

Hotel Quadrille: Relais & Châteaux in Orłowo

Das Hotel Quadrille in Orłowo ist das beste Haus in der Region. Der Palast geht auf das 14. Jahrhundert zurück, wurde mehrfach umgebaut und 2013 aufwendig restauriert. Das durchgehende Konzept, Alice im Wunderland, geht auf die Lieblingslektüre der drei Schwestern zurück, die das Hotel gemeinsam betreiben: Iwona, Anna und Martyna Górska. Schachbrettboden im Eingang, Themenzimmer, der Pub heißt 10/6 nach dem Hutmacher. Der Name des Restaurants Biały Królik bedeutet übersetzt weißer Hase.

Orłowo selbst lohnt einen eigenen Besuch. Der Stadtteil von Gdynia liegt direkt an der Steilküste, mit einem langen Pier und einer ruhigen Strandpromenade an der Danziger Bucht.

Von hier aus lässt sich die Küste bis Sopot per Fahrrad erkunden oder man wandert entlang der Klippen zurück nach Gdynia.

Warum Gdynia in Polen jetzt

Gdynia ist in Polen sehr beliebt, kein reiner Touristenort, sondern eine lebendige Stadt die weiterwächst. Überall wird gebaut. Die Energie ist spürbar.

Im Jubiläumsjahr 2026 lohnt sich ein Besuch besonders. Mit der möglichen UNESCO-Auszeichnung im Juli, einem dichten Veranstaltungskalender und einer Gastronomie auf internationalem Niveau hat die Stadt viel zu bieten. Wer Polen bereits aus Warschau oder Ermland-Masuren kennt, sollte Gdynia als nächstes auf die Liste setzen..

Text und fotos ©Britta Smyrak

Auf diese Pressereise wurde ich von der Polnischen Zentrale für Tourismus eingeladen.

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