Beisl-Revolution auf Wienerisch: Ein Abend im Rosi zeigt, wie Gemüse das Wirtshaus verändert

Das Wiener Beisl gehört zur Stadt wie das Kaffeehaus und der Heurige. Dunkle Holzvertäfelung, einfache Tische, eine große Schank, an der Bier gezapft und Wein gekühlt wird – und eine Küche, die traditionell von Fleischgerichten geprägt ist. Wiener Schnitzel, Backhendel, Zwiebelrostbraten oder Innereien gehören zum klassischen Repertoire. Ein Beisl ist bodenständig, unkompliziert und vor allem eines: ein Treffpunkt fürs Grätzl.

Doch in Wien verändert sich gerade etwas.

Alte Gaststätten werden von jungen Betreiberinnen und Betreibern übernommen, behutsam renoviert und mit neuen Ideen neu gedacht. Das Ambiente bleibt vertraut, doch auf den Tellern passiert Unerwartetes. Was früher undenkbar gewesen wäre – etwa eine fast vegetarische Küche im Beisl – gehört heute zu den spannendsten Entwicklungen der Wiener Gastronomie.

Wie vielfältig sich Wiens Beisl-Kultur gerade verändert, habe ich auch in meinem Überblick über die Wirtshauskultur im Wandel in Wien beschrieben.

Ein besonders gutes Beispiel für diesen Wandel liegt im 15. Bezirk: das Rosi.

Ein Wirtshaus mit Geschichte seit 1906

Das Haus in der Sechshauser Straße blickt auf eine lange Vergangenheit zurück. Seit 1906 existiert hier ein Wirtshaus. Im Laufe der Jahrzehnte wechselten Namen und Betreiber. Aus der ursprünglichen Gastwirtschaft wurde später „Herzog’s Wirtshaus“, danach „Zur Elektrischen“, benannt nach der historischen Straßenbahnlinie 57.

Doch irgendwann stand das Lokal leer.

Für viele im Viertel ein Verlust. Denn ein Beisl ist mehr als ein Ort zum Essen – es ist Treffpunkt, Wohnzimmer, ein Stück Alltag.

Erst als Till Wörner und Emanuella Ndue das Lokal übernahmen, begann ein neues Kapitel. Wörner hatte zuvor unter anderem im Steirereck und in der Meierei gearbeitet, zwei der bekanntesten Küchen Wiens. Ndue kam als Quereinsteigerin in die Gastronomie und bringt vor allem eines mit: ein Gespür für Atmosphäre und Gäste.

Der Name „Rosi“ ist eine Hommage an Wörners Großmutter. Für ihn steht sie für das, was ein gutes Wirtshaus ausmacht: Wärme, gutes Essen und das Gefühl, dass man satt und zufrieden nach Hause geht.

Renovieren mit Respekt vor der Vergangenheit

Rosi Wien Beisl Schankraum

Wer das Rosi betritt, merkt sofort: Hier wurde nicht einfach modernisiert.

Die historische Wandvertäfelung wurde freigelegt, die klassische Bretschneider-Schank erhalten und die Möbel aufgearbeitet. Statt eines radikalen Umbaus entschied man sich für eine behutsame Renovierung.

Rosi Wien Beisl Gastraum

Die Holzpaneele wurden weiß gestrichen, wodurch der Raum heller wirkt, ohne seine Geschichte zu verlieren. Die alten Tische stehen dicht beieinander, genau so, wie man es aus traditionellen Beisln kennt.

Als wir ankommen, sind zunächst noch einige Plätze frei. Doch nach und nach füllen sich die Tische. Innerhalb kurzer Zeit ist das Lokal gut besucht und bleibt dennoch angenehm ruhig. Gespräche mischen sich mit dem Klirren von Gläsern, aber die Lautstärke steigt nie so weit, dass sie stört.

Eine unkomplizierte Atmosphäre, die zum Bleiben einlädt.

Die größte Überraschung: ein vegetarisches Beisl

Rosi Wien Beisl Speisekarte

Die eigentliche Veränderung zeigt sich auf der Speisekarte.

Denn das Rosi ist kein klassisches Wirtshaus im kulinarischen Sinn. Statt Fleischgerichten dominiert Gemüse. Eine Entscheidung, die zunächst überrascht – und genau deshalb neugierig macht.

Wie es dazu kam, erzählt Küchenchef Till Wörner selbst: Zur Zeit der Konzeptentwicklung lebte seine Partnerin vegan. Gleichzeitig war ihm bewusst, wie vielfältig Gemüse in Österreich sein kann. Die Idee entstand, genau diese Vielfalt sichtbar zu machen.

Ein weiterer wichtiger Bestandteil der Küche ist das Konservieren. Viele Zutaten stammen aus dem eigenen Vorrat: eingelegt, fermentiert oder haltbar gemacht. Ein Ansatz, der früher selbstverständlich war und heute wieder neu entdeckt wird.

Fleisch verschwindet dabei nicht komplett – aber es tritt deutlich in den Hintergrund.

Ein Abend zum Teilen

Im Rahmen einer Pressereise sitze ich mit fünf weiteren Gästen am Tisch. Die Gerichte kommen nacheinander, in kleinen Portionen, zum Teilen gedacht.

Dieses Konzept sorgt dafür, dass der Abend fast wie eine Reise durch die Küche wirkt. Man probiert vieles, diskutiert über Geschmack und Kombinationen, reicht Teller weiter.

Und plötzlich merkt man, dass zwei Stunden wie im Flug vergehen.

Brot, Butter und ein überraschender Auftakt

Rosi Wien Beisl Sauerteigbrot

Der Abend beginnt mit einem scheinbar einfachen Detail: Sauerteigbrot mit aufgeschlagener Höflmaier Butter.

Das Brot hat eine kräftige Kruste, die Butter ist luftig aufgeschlagen. Ein Auftakt, der zeigt, dass selbst einfache Zutaten hier ernst genommen werden.

Danach folgt das erste Gericht: „Austern vom Feld“.

Rosi Wien Beisl Austern vom Feld

Ein junger Salat, gefüllt mit eingelegtem Rettich, Pistazien und Waldstauden-Shoyu. Der Name spielt mit Erwartungen – statt Meeresfrüchten kommt Gemüse auf den Tisch.

Ein augenzwinkernder Einstieg.

Farben und Aromen auf dem Teller

Mit jedem weiteren Gericht wird deutlicher, wie vielseitig diese Küche ist.

Eine violette Karotte liegt auf buntem Mangold, begleitet von geräucherter Bohnencreme und Meyer-Zitronen-Marinade. Die Farben wirken intensiv, fast leuchtend.

Dann folgt Schwarzwurzel mit Spargelschaum, verfeinert mit Makrutlimette aus Schönbrunn und Mandelbröseln. Eine Kombination, die vertraute Zutaten neu interpretiert.

Weiter geht es mit Tatsoi in Safran-Velouté, dazu eingelegter Ingwer und Salzpflaumen. Süße, Säure und Gewürze greifen ineinander.

Auch ein Gericht mit Germknödel, geräuchertem Topinambur, confiertem Lachs und Grapefruit zeigt, wie mutig hier kombiniert wird.

Rosi Wien Beisl Germknoedel

Besonders in Erinnerung bleiben die confierten Erdäpfel mit Pilz-X.O., eingelegten Eierschwammerln und Krenschaum – ein Teller, der zeigt, wie viel Potenzial in einfachen Zutaten steckt.

Die Ausnahme auf der Karte: Maultaschen

Nach vielen vegetarischen Gerichten folgt schließlich die einzige feste Fleischkomponente des Abends.

Maultaschen mit Erdäpfelsalat und grünem Salat.

Rosi Wien Beisl Maultaschen

Ein Gericht, das für Küchenchef Till Wörner eine persönliche Bedeutung hat. Es erinnert an seine Herkunft und an seine Großmutter.

Eine Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Dessert zwischen Tradition und Experiment

Auch beim Dessert bleibt das Rosi seiner Linie treu.

Die Nachspeise „Milch und Honig“ besteht aus Honigkuchen, Bienenwachseis und in Lavendel eingelegter Zitrone. Eine Kombination, die vertraut wirkt und dennoch überrascht.

Zum Abschluss folgt eine Käseauswahl mit vier Rohmilchkäsen von Jumi, serviert mit Kumquat-Chutney, Walnüssen und Sauerteigbrot.

Ein ruhiger Ausklang nach einem langen Abend und vegetarischen Gerichten, die immer wieder überraschen und alles andere als langweiliges Gemüse sind. Die Kombination der Aromen sorgt für viele außergewöhnliche Geschmackserlebnisse.

Getränke mit eigener Handschrift

Auch bei den Getränken zeigt sich der Anspruch des Hauses.

Die Karte umfasst eine große Auswahl an Naturweinen sowie alkoholfreien Alternativen und selbstgemachten Getränken. Besonders auffällig sind drei hauseigene Weine – ein Detail, das zeigt, wie viel Aufmerksamkeit hier auch der Begleitung zum Essen gewidmet wird.

Es passt zur Philosophie des Hauses: bewusst auswählen, nicht beliebig ergänzen.

Wenn du Wien nicht nur kulinarisch entdecken möchtest, sondern auch zu Fuß durch die Stadt streifen willst, findest du auf meinem Reiseblog viele weitere Tipps für Sehenswürdigkeiten, Cafés und Viertel: Wien zu Fuß entdecken.

Ein Beisl bleibt ein Treffpunkt

Rosi Wien Beisl Eingang

So modern die Küche im Rosi ist – das Wesen eines Beisls bleibt erhalten.

Das Lokal versteht sich bewusst als Treffpunkt fürs Grätzl. Die Tische füllen sich schnell, doch die Atmosphäre bleibt entspannt. Niemand wirkt in Eile, viele Gäste bleiben lange sitzen.

Ein Zeichen dafür, dass das Konzept funktioniert.

Man kommt nicht nur zum Essen, sondern zum Zusammensitzen.

Warum das Rosi für den Wandel steht

Das Rosi zeigt, wie sich Wiener Beisl-Kultur gerade verändert.

Alte Wirtshäuser verschwinden nicht – sie entwickeln sich weiter. Junge Betreiber übernehmen historische Lokale, renovieren sie mit Respekt vor der Vergangenheit und bringen neue Ideen in die Küche.

Das Ergebnis sind Orte, die vertraut wirken und gleichzeitig überraschen.

Ein Beisl, das Gemüse zur Hauptrolle macht, ohne seine Wurzeln zu vergessen.

Und genau deshalb lohnt sich der Weg in den 15. Bezirk.

Das Rosi steht beispielhaft für eine Entwicklung, die sich gerade in vielen Wiener Lokalen beobachten lässt. Wenn du mehr über diese neue Generation von Beisl erfahren möchtest, findest du hier meinen Überblick über Wiens Wirtshauskultur im Wandel.

Weitere Reisetipps für Wien findest du in meinem großen Überblick über Sehenswürdigkeiten und Erlebnisse in Wien.

Text und Fotos Britta Smyrak

Auf diese Pressereise wurde ich von Wien Tourismus eingeladen.

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