Nach den ersten Tagen in Landskrona führt mich meine Reise durch Westschweden weiter, raus aus der Stadt. Mit dem Fahrrad geht es auf die Insel Ven und anschließend zu Fuß an der Küste entlang. Wer noch nicht dabei war, findet den Auftakt zu meiner Reise nach Landskrona in diesem Artikel.
Mit der Fähre auf die Insel Ven

Früh am Morgen fährt die Fähre nach Ven los, Olga, mein Guide, holt mich pünktlich am Hotel ab. Die Überfahrt dauert eine halbe Stunde, mit Blick über den Sund. Mit Hund setzen wir uns innen in einen separaten Bereich. Auf der Insel Ven gibt es kaum Autos, dafür über tausend Leihräder direkt oberhalb vom Fähranleger. Im Sommer kommt es tatsächlich vor, dass alle Räder ausgeliehen sind.

Das Wetter meint es heute nicht so gut mit uns. Dicke Wolken hängen am Himmel, es ist windig. Aber ich bin in Schweden, und da ist Regen im Sommer nichts Ungewöhnliches. Genauso schnell wie er kommt, kann er auch wieder gehen. Ich bin mit Regenjacke und Regenhose auf jeden Fall gut ausgerüstet.
Für Nona ist ein elektrisches Lastenrad mit vorderer Transportbox gebucht, soweit die Theorie. In der Praxis springt sie panisch immer wieder raus. Also tausche ich mein Rad gegen ein normales um. Unglücklich bin ich darüber nicht, denn ein Lastenrad lenkt sich schwerer als ich dachte. Nona läuft jetzt nebenher, wir haben Zeit, wir fahren langsam.
Julia und das Rapsöl

Das kleine, offene Häuschen von Julia Lundahl Persson direkt am Weg ist unser erster Halt. Julia ist eine ehemalige Stadtbewohnerin, die auf Ven Landwirtin wurde. Zu sehen und zu kaufen sind vor allem ihre Rapsprodukte, dazu eine Flüssigseife und Honig. Bezahlt wird auf Vertrauensbasis. Dafür steht eine kleine Metallkasse bereit, das Geld wirft man selbst hinein. Mehr zu Julia und den anderen Menschen, die ich auf dieser Reise treffe, erzähle ich in einem gesonderten Artikel.
Praxistipp zum Bezahlen: In Schweden wird überwiegend mit Karte oder Handy bezahlt, Bargeld spielt im Alltag kaum eine Rolle. Auf der Insel Ven lohnt es sich trotzdem, etwas Bargeld dabeizuhaben. Ob die Bäckerei Hven Durum Karten akzeptiert, weiß ich nicht sicher, an Julias Kasse zahlt man bar.
Tycho Brahe, die verlorene Nase und Uraniborg
Historisch geprägt wird die Insel vor allem durch Tycho Brahe, den dänischen Adligen und Astronomen des 16. Jahrhunderts. Ihm und seiner Geschichte widmet sich das Tycho Brahe Museum, untergebracht in einer ehemaligen Kirche.




Wissenschaftlich ist Brahe seiner Zeit weit voraus. 1572 entdeckt er im Sternbild Cassiopeia eine Supernova, einen neuen Stern. Seine Messungen auf der Insel Ven zeigen, dass dieser Stern viel weiter entfernt liegt als der Mond. Das stellt das damalige Weltbild vom Mond und dem vollkommenen Himmel, der sich nie verändert auf den Kopf. Seine Messinstrumente sind Quadranten und Sextanten und stehen heute im Museum. Ein Fernrohr gibt es zu seiner Zeit noch nicht. Er beobachtet alles mit bloßem Auge.
König Frederik II. möchte den berühmten Tycho gerne in Dänemark halten und schenkt ihm die Insel Ven. Ab 1576 baut er dort sein Observatorium Uraniborg.
Bekannt ist Tycho aber nicht nur für seine Forschung, sondern auch für sein auffälligstes Merkmal, die Nasenprothese. Seine echte Nase hat er bei einem Rapier-Duell 1566 mit seinem Verwandten Manderup Parsbjerg verloren. Den Rest seines Lebens trägt er eine Nasenprothese aus Messing.
Ein unbeliebter Lehnsherr
Bei den Bewohnern von Ven ist Tycho Brahe alles andere als beliebt. Die rund 50 Familien der Insel sind eigentlich freie Bauern, doch als Tycho zum Lehnsherrn ernannt wird, ändert sich ihr Leben von Grund auf. Zwei Tage pro Woche müssen sie unentgeltlich am Bau von Uraniborg mitarbeiten. Ihre Abgaben verdoppeln sich. Es gibt Beschwerden, die Bauern ziehen sogar vor Gericht, ohne Erfolg. Selbst die neue Windmühle und die Papierfabrik werden größtenteils von den Inselbewohnern gebaut und betrieben. Tycho Brahe benötigt Papier für seine eigene Druckerpresse. Er traut den Druckereien auf dem Festland die exakte Wiedergabe seiner komplizierten lateinischen Texte und Formeln nicht zu.
Am Ende ist es aber nicht der Unmut der Bauern, der Tycho zu Fall bringt, sondern die Politik. 1596 besteigt Christian IV. den dänischen Thron und streicht ihm nach und nach alle Einkünfte und die Finanzierung. Schon ein Jahr später verlässt er die Insel für immer. 1599 findet er am Hof von Kaiser Rudolf II. in Prag einen neuen Gönner und arbeitet dort bis zu seinem Tod 1601. Kaum ist Tycho Brahe weg von Ven, entlädt sich der jahrelange Groll der Inselbewohner. Sie reißen Uraniborg und die Gärten eigenhändig ab und machen daraus wieder Weideland.
Führung bei Spirit of Hven und ein exzellentes Mittagessen




Die Radtour führt weiter zur Destillerie Spirit of Hven, gegründet 2008 vom Ehepaar Henric und Anja Molin. Es ist die drittälteste und zugleich kleinste Pot-Still-Brennerei Schwedens. Produziert werden Whisky, Gin, Aquavit und Wodka, die Namen der Abfüllungen wie Tycho’s Star spielen bewusst auf den berühmten Vorbewohner der Insel an. Zum Gelände gehören einige Ferienhäuser und ein Restaurant, wo wir zu Mittag essen, Lachs, wunderbar frisch, dazu Dillkartoffeln und Zuckerschoten. Während der Führung durch die Destillerie warten Olga und Nona draußen.
Sankt Ibb Kirche, die kleine Kirche auf der Klippe

Unsere letzte Station auf Ven ist die kleine Sankt Ibb Kirche auf der Klippe oberhalb der Insel. Wie eine Trutzburg steht sie da mit ihren dicken weißen Mauern. Geöffnet von 12 bis 16 Uhr, ist sie die einzige der beiden Inselkirchen, die noch regelmäßig genutzt wird. Ihr ältester Teil stammt aus dem 13. Jahrhundert.

Britta und ein Ort an dem ich bleiben möchte
Am Nachmittag wartet die Bäckerei Hven Durum mit einer schwedischen Fika auf uns. Mit der Besitzerin Britta Ossler komme ich sofort ins Gespräch.

Vor über 30 Jahren überredet sie gemeinsam mit ihrem Mann die Bauern der Insel, Hartweizen anzubauen, eine Zutat für ihre damalige Pastaproduktion und in diesem Klima ungewöhnlich. Das Experiment gelingt, das Mehl von der Insel gilt heute als eines der besten seiner Art in Schweden. Daraus bäckt Britta bis heute Brot und Zimtschnecken. Wir setzen uns mit den Kaffeepötten in der Hand unter das Vordach ihres alten Hauses. Ich könnte ewig bleiben.
Praxistipp für Reisende mit Hund auf die Insel Ven
- Auf der Fähre ist ein Bereich für Hunde und ihre Besitzer abgeteilt. Ein Maulkorb ist nicht nötig.
- Beim Fahrradverleih gibt es Lastenräder und auch Fahrräder mit Anhänger. Vielleicht mag dein Hund das.
- Statt mit dem Fahrrad kann man auf Ven auch schön an der Küste entlang wandern.
- Die meisten Orte auf der Insel sind hundefreundlich, wo es nicht geht, etwa im Museum und in der Destillerie, wartet der Hund draußen oder bei Olga.
Schick Abendessen bei Thimans
Nach der schönen Radtour über die Insel nehmen wir die Fähre zurück nach Landskrona. Am Abend wartet ein Zwei-Gänge-Dinner bei Thimans Weinbar im historischen Rathaus. Nona ist hier nicht erlaubt, aber nach der Radtour ist sie müde und bleibt problemlos im Hotel. Ich wähle als Vorspeise das pochierte Ei in Rotweinsoße und den Heilbutt als Hauptgang.




Umzug zum Campingplatz Borstahusen
Am nächsten Tag geht es mit dem Linienbus Richtung Borstahusen. Check-in ist am Nachmittag auf dem Campingplatz Borstahusen nördlich von Landskrona. Seit 2018 ist das der erste und bis heute einzige 5-Sterne-Campingplatz Skånes, geführt als Familienbetrieb bereits in dritter Generation. Wer nicht im Zelt oder Wohnwagen übernachten will, kann eine der 63 Hütten mieten, mit 4 bis 7 Betten, eigener Küche, direkt am Strand zwischen hohen Kiefern oder mit Blick auf den Golfplatz. Ich beziehe eine schöne Hütte mit Blick ins Grüne. Mein idealer Ausgangspunkt für die kommenden Tage.

Golf schnuppern am Campingplatz
Direkt am Campingplatz liegt der Landskrona Golfklubb, Skånes älteste 18-Loch-Anlage, gegründet 1929. Wer reinschnuppern möchte, muss nicht Mitglied sein. Der Anfängerkurs für die Platzreife läuft über 5 Termine à 110 Minuten, inklusive 2 Begleitrunden über 9 Loch und 300 Bällen auf der Driving Range. Der Kostenpunkt liegt bei 2.495 Kronen für Erwachsene, rund 225 Euro, und 1.995 Kronen für Junioren, rund 180 Euro.
Abendessen mit Hund im Kvarteret Erikstorp
Seit Tagen hängen die Wolken über mir. Auf dem Weg zum Abendessen reißt der Himmel kurz auf, ich laufe schnell zum Strand und sehe die Sonne untergehen. Ich habe sie vermisst.
Das Kvarteret Erikstorp, das Restaurant direkt am Golfplatz, ist nicht nur hundefreundlich, sondern überrascht mich mit einem frisch zubereiteten Hundemenu. Nona freut sich und wartet auf mehr. Ich bestelle eine sehr feine Hummersuppe.




Wandern auf dem Skåneleden nach Norden
Ich treffe Olga an der Rezeption. Gemeinsam wandern wir heute den nördlichen Abschnitt des Skåneleden, des Küstenwanderwegs. Insgesamt misst der Weg entlang der Landskrona-Küste 23 Kilometer. Wir starten direkt am Campingplatz in Borstahusen und wandern über die Glumslövs Backar bis zum Fischerdorf Ålabodarna, vorbei an den Spuren der einstigen Ziegelindustrie. Auch wenn das Wetter trüb ist, es macht Spaß an der frischen Luft zu sein.




Mittagessen bei Ålabodarnas Hamnkrog
Belohnt werden wir mit einem hervorragenden Mittagessen im Ålabodarnas Hamnkrog. Dieses hübsche Restaurant liegt direkt am kleinen Hafen des Fischerdorfs und serviert frischen Fisch mit Blick aufs Wasser. Am besten vorher reservieren und unbedingt testen, es lohnt sich.




Während wir essen geht ein Platzregen los. Die Wellen tosen bei starkem Wind gegen den Steg. Ein Pärchen lässt sich davon nicht beeindrucken. Im Gegenteil, die beiden nutzen die Gelegenheit und springen fröhlich ins eiskalte Wasser. Das ist Schweden, denke ich, und muss lächeln. Das Ålabodarnas Hamnkrog gehört zum Maryhill Estate, einem großen Wellnesshotel oben auf der Anhöhe nur wenige Gehminuten entfernt.
“Hej hej” wie die Schweden sagen
Meine Zeit in Schweden neigt sich dem Ende zu. Am nächsten Tag fahre ich zurück nach Malmö. Der Snälltåget-Nachtzug nach Berlin geht erst gegen 21:55 Uhr, also bleibt mir ein halber Tag Zeit für Altstadt, Turning Torso und Stadtstrand, mehr dazu findest du hier.
Text und Fotos Britta Smyrak
Danke an die Stadt Landskrona und an Thorsten und Olga für die Unterstützung meiner Recherchereise mit Hund.
