Wer an Schweden denkt, denkt an Stockholm, an die Schären, an die Natur, vielleicht noch an Göteborg. An Westschweden, den Landstrich zwischen Malmö und Helsingborg, direkt gegenüber von Kopenhagen, habe ich jedenfalls nicht gedacht. Dabei verdient es diese Region, entdeckt zu werden.
Hier liegt die Küstenstadt Landskrona, klein genug, um sie bequem zu Fuß zu erkunden, und mit mehr Geschichte, als man auf den ersten Blick vermutet.
Mit dem Hund zehn Stunden im Nachtzug durch die Nacht
Der Ausgangspunkt meiner Reise mit dem Nachtzug nach Schweden ist Berlin. Am Abend fährt der Zug von Snälltåget ein. Der Abstand zwischen Zug und Bahnsteigkante ist groß. Ich benötige Hilfe, um mit Koffer und Hund in den Zug zu steigen.
Außen am Waggon bunte Typo, im Abteil USB-Stecker und die Toilette hübsch tapeziert, der Zug möchte freundlich sein. All das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Nachtzug von Snälltåget alt ist. Es riecht nach altem DDR-Putzmittel. Ich klappe das mittlere Bett hoch, damit ich im unteren mein Bett beziehen kann. Auf der Fahrt quietscht und rumpelt es ganz ordentlich.

Mein Hund schreckt immer wieder auf, so ganz geheuer ist ihr das alles nicht. Am Ende verkriecht sie sich unter das Bett. An Schlafen ist kaum zu denken, trotzdem hat die Fahrt etwas von einem kleinen Abenteuer. Man spürt jede Bahnschwelle. Es ist nicht nur eine Reise durch die Nacht, sondern auch eine Reise zurück in der Zeit.
Am Ende kommen mir die zehn Stunden gar nicht so lang vor, ein bisschen geschlafen habe ich wohl doch. Das Frühstück an Bord verpasse ich auf Hin- und Rückfahrt. Mal bin ich zu spät aufgewacht, mal ist das Bordrestaurant zu weit weg.
Mit dem Zug nach Schweden. Umstieg in Mamö.

Die Ankunft in Malmö C holt mich aus meiner Nostalgie direkt in die Gegenwart. Ein moderner Bahnhof, digitale Anzeigetafeln, alles eng getaktet. Die App von Skånetrafiken, dem regionalen Verkehrsverbund, ist beim Umsteigen hilfreich. Von Malmö nach Landskrona sind es nur rund 25 Minuten.
Beim Reisen mit Hund gibt es klare Vorgaben. In den Zügen befinden sich ausgewiesene Bereiche, gekennzeichnet mit einem Hundelogo, wo man sich mit Hund aufhalten darf. Ein Maulkorb ist nicht notwendig.
Westschweden zwischen zwei Metropolen
Geografisch liegt Westschweden im Schatten zweier größerer Nachbarn, Malmö im Süden, Helsingborg im Norden, über die Öresundbrücke ist auch Kopenhagen in weniger als einer Stunde erreichbar. Diese Nähe zur dänischen Hauptstadt sorgt für einen interessanten Doppelcharakter, urbaner Puls in Reichweite, aber die Region selbst bleibt ruhig, fast dörflich, geprägt von Feldern, Alleen und der Küstenlinie am Öresund.
Landskrona, kleine Stadt mit großer Geschichte




Ich verbringe zwei Tage in Landskrona, eine kleine Küstenstadt, die sich gut zu Fuß und mit Hund erkunden lässt. Früher ist das hier dänischer Boden, über zwei Jahrhunderte lang. Aus dieser Zeit stammt auch die Zitadelle. Der dänische König Christian III lässt sie ab 1549 bauen, um den Handel im Öresund zu kontrollieren. Erst nach dem Frieden von Roskilde 1658 wird die Stadt schwedisch und zur modernsten Festung des Nordens ausgebaut.

Dabei bleiben viele Pläne aus politischen und finanziellen Gründen unvollendet. So auch die breite Königstraße durch die Innenstadt, gebaut für einen königlichen Besuch, der nie stattfindet.
Der große Platz erzählt dieselbe Geschichte im Kleinen. Er dient für Aufmärsche, und zur Adolf Fredriks Kaserne, in der das Landskrona Museum heute sitzt, gehören einst auch Stallungen und ein Waffenlager, mehr Platz, als am Ende gebraucht wird.
Das Militär bestimmt lange das Stadtleben. Doch auch Kommandanten haben ein Herz. Davon zeugt das heimliche Grab für einen Hund. Sein Grabstein liegt versteckt an der Kasernenmauer. „MISS 1879–92 TACK!” Name, Alter und das Wort Danke!

Selma Lagerlöf am Meer
Auf meinem Spaziergang komme ich am Wohnhaus von Selma Lagerlöf vorbei. Ende August 1885 kommt die spätere Nobelpreisträgerin nach Landskrona, um ihre erste Stelle als Lehrerin an der Mädchenschule anzutreten. Zwölf Jahre bleibt sie in der Stadt und wohnt eine Zeit hier im Dachgeschoss der Schule. Sie beginnt dort die ersten Kapitel von „Gösta Berlings Saga”, ihrem Debütroman von 1891. Eine Geschichte, stimmungsvoll erzählt und tief verwurzelt in Lagerlöfs Heimat Värmland.

In Deutschland kennt man die Schriftstellerin eher für ein anderes Buch: „Nils Holgerssons wunderbare Reise”. Ursprünglich wird es als Schulgeografiebuch in Auftrag gegeben, damit schwedische Kinder mehr über ihr eigenes Land lernen. Heute ist es weltberühmt als Geschichte des Jungen, der auf dem Rücken einer Wildgans über Schweden fliegt.

Vor dem Gebäude steht ein Stromkasten mit einem Schwarz-Weiß-Foto, eine Gruppe von Frauen, mittendrin Lagerlöf, als Einzige mit kurzem Haarschnitt, selbstbewusst. Von hier aus läuft sie oft zum Meer, genau dorthin, wo heute ihre Statue steht. 1909 wird sie als erste Frau mit dem Nobelpreis für Literatur für ihr Gesamtwerk ausgezeichnet. Zum hundertsten Jubiläum enthüllt die Stadt 2009 an der Strandpromenade die Bronzestatue der jungen Lehrerin, den Blick aufs Meer gerichtet, Richtung Ven und Dänemark.

Die Zitadelle und ihre Geschichte
Zentraler Anlaufpunkt in Landskrona ist die Zitadelle aus dem 16. Jahrhundert, eine der besterhaltenen Festungsanlagen Skandinaviens, direkt am Wasser. Die Geschichte des Bauwerks hat mehrere teils dunkle Kapitel: Es dient als Gefängnis, ab 1827 auch für lebenslängliche Haftstrafen. Zwischen 1900 und 1940 als Zwangsarbeitsanstalt für Frauen und nach dem Zweiten Weltkrieg als Auffanglager für Geflüchtete. Mehr dazu erfahre ich im Museum, im Kommandantenhaus auf dem Zitadellengelände.
Die Flucht der dänischen Juden 1943
Die ständige Ausstellung „Flykten 1943” zeigt die Geschichte der mehr als 7.000 nach Schweden geflüchteten dänischen Juden. Im Herbst 1943 kommen sie mit Booten über den Öresund nach Schweden, um der Deportation zu entgehen. Möglich wird die Flucht durch den deutschen Schifffahrtsattaché Georg Ferdinand Duckwitz, der die dänische Widerstandsbewegung rechtzeitig warnt. Ein Großteil kehrt nach Kriegsende wieder nach Dänemark zurück.
Dieselbe Ausstellung erzählt auch die Geschichte der Weißen Busse. Zwischen 1945 und 1953 dient die Zitadelle wie bereits erwähnt als Auffanglager für über 22.000 Geflüchtete, darunter Überlebende aus nationalsozialistischen Konzentrationslagern. Sie kommen mit den Weißen Bussen des Schwedischen Roten Kreuzes an. Eine Rettungsaktion, die bis heute in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem gewürdigt wird.
Eröffnet wird die Ausstellung erst am 29. Mai 2026, eingeweiht von Kronprinzessin Victoria persönlich. Ein Stück Geschichte, von dem ich nichts wusste. Umso wichtiger, dass sie hier erzählt wird.
Kolonialgärten und Landskrona Museum

Gleich neben der Zitadelle liegen die Kolonialgärten, Schwedens ältestes noch bestehendes Koloniegebiet. Angelegt werden sie um 1904 auf den alten Festungswällen, ihre Wurzeln reichen bis zu den Offiziersgärten des 18. Jahrhunderts zurück. Die Rothoffska Kolonie, eine 1903 erbaute Hütte, ist heute als kleines Museum eingerichtet, sie zeigt das Kolonieleben von damals. Der Eintritt ist frei, und man kann sich einfach in den Garten setzen, als ob es der eigene wär.

Das Landskrona Museum in der ehemaligen Militärkaserne zeigt drei feste Ausstellungen zur Stadtgeschichte. Dazu kommen wechselnde Sonderausstellungen. Eine davon zeigt die Skulptur Non-Violence von Carl Fredrik Reuterswärd, dem Schöpfer des bekannten Revolver mit verknotetem Lauf. Entstanden ist die Skulptur als Friedenssymbol nach der Ermordung John Lennons. Eine andere Ausstellung widmet sich dem schwedischen Archiv für Werbung und Grafikdesign, das hier beheimatet ist.



Die Werftkrise und ihre Folgen
Die jüngere Vergangenheit hat noch keinen Platz im Museum gefunden. Landskrona wirkt auf mich wie ein Stückchen heile Welt, dabei hat die Stadt eine harte Zeit hinter sich. Die Werft Öresundsvarvet, gegründet 1915, beschäftigt auf ihrem Höhepunkt 1974 rund 3.000 Menschen. Sie ist das industrielle Herz der Stadt. 1981 kommt es zur Schließung, Schiffe werden in Asien billiger gebaut. 15.000 Landskrona-Bewohner protestieren, und selbst die Werftleitung steht auf der Seite der Belegschaft, vergebens. Ende 1982 läuft das letzte Schiff vom Stapel, zwischen 1980 und 1984 verschwinden rund 3.000 Arbeitsplätze. Es folgen Jahrzehnte des Ringens um eine neue Identität. Bis heute wird Landskrona von einer parteiübergreifenden Koalition regiert, ein später Nachhall jener Krisenjahre.
Mittagessen bei Matscenen




Zum Mittagessen geht es ins Matscenen, ein Theaterrestaurant im Herzen der Stadt mit klassisch französischer Küche und nordischen Zutaten. Ich bestelle Matscenen husman, ein gut gewürzter Klops aus gehacktem Schweinebauch mit Zwiebelsoße, Kartoffelpüree und roh gerührten Preiselbeeren. Deftige schwedische Hausmannskost für 149 Kronen (umgerechnet etwa 13,50 Euro). Nona ist ausdrücklich willkommen.
Baden im neuen Kallbadhus

Am Nachmittag lasse ich den Hund im Hotel und besuche das neue Kallbadhus. Das alte Badehaus wird 2013 vom Sturm Sven weggerissen. Lange ist unklar, ob überhaupt wieder draußen auf dem offenen Meer gebaut werden soll oder lieber an Land. Am Ende setzt sich der Wunsch nach einem Neubau auf dem Wasser durch. Eine 300 Meter lange Seebrücke führt hinaus in den Öresund, an deren Ende eine Sauna direkt über dem Meer liegt. Es gibt getrennte Bereiche für Männer und Frauen. Gebadet wird im Meer. Meine zwei Stunden dort sind mit das Beste, was ich in Landskrona erlebt habe.

Den Abend lasse ich im Hotel ausklingen, beim Dinner im Sofia by the Sea, dem Restaurant des Quality Hotel Landskrona. Nona darf mit an den Tisch.
Den nächsten Tag verbringe ich auf der Insel Ven. Mehr dazu in diesem Artikel.
Kimberly und die Farbe auf der Tasse




An meinem letzten Tag in Landskrona steht am Vormittag ein zweistündiger Workshop im Little Clay Café auf meiner To-do-Liste. Kimberly, die Besitzerin, kommt aus Südafrika. Ich wähle eine Tasse und entscheide mich für eine Keramik-Technik, bei der man mit einem Strohhalm in die Farbe bläst, bis sich jede Menge Blasen bilden. Die hebe ich vorsichtig ab und platziere sie auf der Tasse. Der Vormittag hat etwas Meditatives, Friedliches, und macht mich sehr zufrieden. Dazu trägt sicher auch Kimberlys Begeisterung für mein kleines Tassenkunstwerk bei. Nona liegt derweil auf ihrer Decke und schläft. In ein paar Tagen wird meine Tasse gebrannt und nach Berlin geschickt.
Mittagessen bei Cardells


Um 12:15 Uhr gibt es Mittagessen bei Cardells, einem kleinen Restaurant gegenüber vom Rathaus, das von drei Brüdern geführt wird. Ich wähle als Vorspeise das Pfifferlingtoast. Klingt simpel, ist aber sehr raffiniert mit Zwiebeln, Creme, geröstetem Brot und hervorragend gewürzt. Als Hauptgang nehme ich den in Butter gebratener Wolfsbarsch mit limettengebratenem Blumenkohl, Spitzkohl und Mangold mit gerösteten Sesamkörnern.
Gestärkt mache ich mich mit dem Bus auf den Weg nach Borstahusen, auf den Campingplatz. Mehr dazu in diesem Artikel.
Meine letzten Stunden in Malmö
Vier Tage mit Hund und mit dem Zug nach Westschweden, eine Reise, die mich überrascht hat. Von Malmö aus geht es wieder mit dem Nachtzug zurück Richtung Deutschland. Nach den ruhigen Tagen in Landskrona wirkt Malmö urbaner, internationaler, mit moderner Architektur. Ich schaue am berühmten Turning Torso hinauf, bis mir schwindelig wird, und besuche den schönen, breiten Ribersborgsstranden, der sich bis zum kleinen Hafen von Limhamn zieht.
Auch Malmö kennt die Geschichte einer Werftkrise, in noch größerem Ausmaß. Die Werft Kockums, einst die größte Arbeitgeberin der Stadt, stellt 1986 die Schiffsproduktion ein, in der Finanzkrise der frühen 1990er gehen insgesamt 27.000 Arbeitsplätze verloren, die Bevölkerung schrumpft. Die Wende kommt mit einem politischen Führungswechsel 1995 und der Entscheidung, 1998 auf einem Teil des alten Werftgeländes eine neue Universität zu gründen, genau die, an der ich vorhin vorbeigekommen bin. Die Öresundbrücke im Jahr 2000 und der Turning Torso, 2005 auf ehemaligem Werftgelände errichtet, machen daraus sichtbar, was Malmö heute ist, eine Hafenstadt, die sich neu erfunden hat, nicht unähnlich Landskrona, nur eine Nummer größer.
Um 21:55 Uhr geht es dann mit dem Snälltåget-Nachtzug von Malmö C zurück nach Berlin, Ankunft am nächsten Morgen um 8:30 Uhr.
Was man bei Reisen mit Hund nach Westschweden beachten muss
- Im Nachtzug ist ein Hund nur im eigenen Abteil erlaubt, nicht im Liegeplatz im Gemeinschaftsabteil, bei der Buchung muss man das angeben. Ein eigenes Abteil kostet auf der Strecke Berlin–Malmö in aktuellen Sonderpreisen ab 1.499 Kronen für 2 Personen, umgerechnet rund 135 Euro, auch als Einzelreisender mit Hund zahlt man diesen Preis.
- Auf Fähre und in Regionalzügen gibt es ausgewiesene Bereiche mit Hundelogo, eine Maulkorbpflicht gibt es nicht.
- Vom 1. März bis 20. August gilt landesweit verschärfte Aufsichtspflicht in der Natur, praktisch läuft das auf Leinenpflicht hinaus, zum Schutz von Wildtieren und ihrem Nachwuchs.
- Außerhalb dieser Zeit dürfen Hunde frei laufen, solange sie zuverlässig abrufbar sind.
- In Landskrona gilt an den städtischen Badestellen vom 1. Mai bis 30. September kein Strandzugang für Hunde. Etwas abseits gibt es einen Hundestrand.
- Hundekot muss überall im Stadtgebiet aufgesammelt werden.
- Es gibt eingezäunte Hundeauslaufflächen in der Stadt und einigen Dörfern der Umgebung.
- In Kirchen und Museen haben Hunde grundsätzlich keinen Zutritt.
- Bei Restaurants ist es sehr unterschiedlich gehandhabt, am besten vorher anrufen und fragen.
- Übernachten mit Hund im Hotel auf Anfrage ist kein Problem. Ich wohne im Quality Hotel Landskrona in zentraler Lage. Das Hotel bietet ein sehr gutes Frühstück, Reebok Gym und ein schönes Spa auf dem Dach mit Sauna, Whirlpool und Außenpool mit Blick.
Alternative: Westschweden mit dem Fahrrad
Man kann Westschweden auch komplett mit dem Fahrrad statt mit Bus und Bahn erkunden. Es gibt ausgeschilderte Radwege. Direkt im Malmöer Hauptbahnhof, in der unterirdischen Fahrradgarage, befindet sich der Verleih von Travelshop. Dort gibt es Tages-, Drei-Tages- und Wochenmieten, die Räder eignen sich auch für Landpartien. Wenn du deinen Hund mitnehmen willst, sei dir sicher, dass er im Korb sitzen bleibt.
Text und Fotos Britta Smyrak
Danke an die Stadt Landskrona und an Thorsten und Olga für die Unterstützung meiner Recherchereise mit Hund „Mit dem Zug nach Westschweden”.
