Ich will Vinyl: Zu Besuch bei Platten Pedro

Hype um Vinyl

Manchmal bin ich neidisch. Und zwar immer dann, wenn ich auf einem Konzert bin, wo am Merchandising-Stand Schallplatten meiner Lieblingsband verkauft werden – und jemand dort ein 12 Inch großes, schwarzes, wunderschön designtes Stück Style für seinen Plattenspieler kauft. Nimmst du es dir auch vor, dich wieder öfter über diese wunderbare Bewegung der Nadel freuen zu können, die sich mordselegant und in exakt der richtigen Leichtigkeit auf das schwarze Gold legen lässt, nur um gleich darauf Ohren und Augen glücklich zu machen? Gehörst du auch nicht mehr zu denen, die sagen: Vinyl ist tot?

Stimmt ja auch nicht. Stattdessen gibt es einen Run auf die  schönen schwarzen Scheiben. Egal ob 7 Inch, 10 Inch oder 12 Inch, 33 oder 45 RPM, die Anfrage steigt. Doch warum stehen die Leute heute wieder so sehr auf den analogen oldschool Tonträger?

Hype um Vinyl – was ist dran an der Faszination um die Schallplatte?

Wenige Firmen stellen überhaupt noch Schallplatten her. Jeder, der eine gut aufgebaute Sammlung hat, kann sich glücklich schätzen. Ich gehöre nicht dazu. Auf meine überbordende CD-Sammlung in ultrahässlichen CD-Regalen bin ich weder stolz, noch nutze ich sie im digitalen Zeitalter von itunes und Co entsprechend. Um der drohenden Audiodemenz vorzubeugen, habe ich neulich gerade meine LPs mit nach Berlin geschleppt – ich habe die große Ehre, den hochheiligen Plattenspieler meines verstorbenen Vaters von Mutti vererbt bekommen zu haben. Selbstredend bin ich ganz beseelt.

Diese David Bowie Platte ist übrigens NICHT aus meiner Sammlung, sondern aus dem über 100.000 Platten umfassenden Bestand des Ladens von Platten Pedro in Berlin. Kennst du den Besitzer, diesen unglaublich herrlich, verrückten, unangepassten Typen? Wenn nicht, solltest du es ändern. Denn egal, ob du einen Plattenspieler besitzt oder nicht, ein Besuch in diesem Laden ist hunderprozentig unvergesslich. Ich schwöre!

Er ist exakt so alt, wie mein Vater heute wäre. Und er ist ein absolutes Original. 1969 hatte die damalige Gattin des allwissenden Pedro, der auf den bürgerlichen Namen Peter Patzek getauft wurde, die Idee, einen Plattenladen  mit seiner Vinyl-Sammlung aufzumachen.

Meine Schallplatten verkaufen? Geht ja gar nicht!

Für den Mann, der damals als DJ arbeitete (und übrigens auch selber sang!), war diese Idee zunächst undenkbar.

Doch seine Frau wusste, wie sie ihn nehmen musste: Schließlich ließ er sich drauf ein. Verkauf ja, aber nur unter der Bedingung, dass sie auch Ankauf machen. Und genau so ging’s los: Der Anfang wurde mit 200 LPs, 5.000 Singles und 150 alten Grammophon-Platten gemacht. Heute findest du das Sortiment geordnet in 84 Abteilungen. Nicht alle Platten, die es hier gibt, sind gebraucht. Es gibt auch original Verpackte.

Im Laden im Tegeler Weg empfängt dich Wahnsinns-Sound. Die Anlage in Pedros Laden ist ein Paradies für die Ohren. Ich cancele alle anderen  Termine und bleibe. Viel länger. Du hörst in fantastischem Klang, was die Kunden auflegen, die hier herumstöbern. Jeder, der will, hat hier freie Hand. Als ich gerade hier bin, ist auch ein DJ aus Schweden hier und hört, was für eine Perle Pedro gerade ausgegraben hat. Den Breschnew-Rap von den Notorischen Reflexen. Leider unverkäuflich. Ha! Das gibt’s eben auch hier. Wundervoll, oder? Ich sage ja, der Typ ist herrlich.

Die Story von David Bowie: typisch!

Wo ich eben über dessen Konterfei stolperte: Herr Bowie war übrigens auch hier bei Platten Pedro im Laden. Ende der 70er. Die Geschichte hierzu hat Pedro der Journalistin Sabine Demmer erzählt, die kürzlich mit mir dort war und Pedro interviewt hat. Hört die original Bowie-Geschichte selbst in der Sendung im Wochenendjournal vom Deutschlandfunk „Gut aufgelegt – das Comeback der Schallplatten“.

Sabine war für ihre Sendung auch in einer Plattenmanufaktur – Flight13 – bei Björn Bieber in Karlsruhe und hat alles über Überspielen, Schneiden und Pressen des Schwarzen Goldes gelernt, was man als Fan wissen muss. Irre interessant!

Die schlechteste Schallplatte der Welt – wir haben sie eben gehört!

Der Name ist Programm. In der Tat ein total atonaler Song. Pedro erklärt seinen Gästen, Besuchern, Sachensuchern, was es damit auf sich hat. Schon nach wenigen Gesprächen wird deutlich: Der Mann ist ein Phänomen mit einem beträchtlichen Musikwissen, das er für alle Interessierten in einem Buch festgehalten hat.

Dies ist nur eins von tausenden an Covern, die mich hier neugierig auf ihren hörbaren Inhalt machen. Ich finde, ich muss Platten Pedro überzeugen, dass er mal den DJ für eine LOOPING Party macht. Denn als wir in seinem Laden stehen, bekommen wir verdammt cooles Zeug aufgelegt …

Im Kreise von Kennern.

Auch dieser Ramazzotti-Mann neben mir besitzt geschlagene 12.000 Platten – sind hier eigentlich alle völlig verrückt? Herrlich!

Wie du siehst, bin ich im Hype um Vinyl: Ich swinge nach einem langen Besuch glücklich mit ein, zwei Ohrwürmern aus dem Laden raus.
Und was ist mit dir – was hörst du gerade?

 

Adresse:

Platten Pedro, Tegeler Weg 102, 10589 Berlin, Telefon: 030 3441875
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