Rothenburg ob der Tauber mit seinen Türmen und der Stadtmauer sieht aus, wie aus der Zeit gefallen. Und tatsächlich triffst du an jeder Ecke auf alte Geschichten, auf Türme, die Weiberturm und Strafturm heißen. Du gehst durch ein Tor, das Galgentor genannt wird, und gleich daneben liegt das Kummereck.
Wer wissen will, woher diese Namen kommen, warum viele Häuser gar nicht so alt sind, wie sie wirken, und seit wann der Weihnachtsmann rot trägt, findet die Antworten in den Rothenburg ob der Tauber Museen, jedes auf seine eigene Art.
Das Mittelalterliche Kriminalmuseum, Europas größtes Rechtskundemuseum
Das Mittelalterliche Kriminalmuseum ist das bedeutendste Rechtskundemuseum Deutschlands und das größte seiner Art in Europa. Verteilt über mehrere Etagen und zwei Gebäude, zeigt es über 2.000 Exponate zu 1.000 Jahren Rechtsgeschichte. Seit 1977 ist es in der ehemaligen Johanniterkomturei in der Burggasse untergebracht.

Vor dem Eingang wartet ein Pranger, dahinter hängt der Käfig der sogenannten Bäckertaufe. Schummelte ein Bäcker früher bei den Zutaten, wurde er darin unter Wasser getaucht. Sein Ruf war ruiniert.
Ich bekomme eine Ahnung von dem, was mich erwartet, und stelle mir automatisch eine Frage. Warum bestrafte man früher so hart und in der Öffentlichkeit?
Schandmasken, der Hexenstuhl und andere skurrile Funde
Im Keller wartet der sogenannte Hexenstuhl, ein Sitz mit Nägeln und Spitzen. Ein Nachbau, kein Original. Daneben steht die Streckbank, in den Vitrinen liegen alte, aufgeschlagene Bücher mit Abbildungen und präzisen Folteranleitungen.

Mit einer Mischung aus Abscheu und Faszination lese ich die Texte und schaue mir die Zeichnungen an. Forscher nennen das Phänomen Dark Tourism, die Anziehungskraft von Orten, die mit Leid und Gewalt verbunden sind. Eine Erklärung der Neugier könnte sein, dass uns in unserem Alltag kaum noch echte Gewalt begegnet. Solche Museen bieten die Möglichkeit, sich dem Grauen aus sicherer Distanz zu nähern, ohne selbst in Gefahr zu sein.

Im ersten Stock wartet eine Reihe von Schandmasken in Tierform, ein Schweinekopf, Eselsohren. Da die meisten Menschen im Mittelalter weder lesen noch schreiben konnten, musste das Vergehen an der Maske selbst ablesbar sein. Große Ohren standen für Neugier, eine heraushängende Zunge für Geschwätzigkeit.
Folter war die Ausnahme, nicht die Regel
Die Ursprünge der Folter liegen im 13. Jahrhundert in Oberitalien, von dort verbreitete sie sich über Europa. Davor vertrauten Gesellschaften vor allem auf das Gottesurteil, etwa den Zweikampf. Wer das Duell gewann, hatte laut damaligem Verständnis Gott auf seiner Seite und damit den Rechtsstreit für sich entschieden.
Folter kam vor allem bei Kapitalverbrechen wie Mord, Vergewaltigung, Brandstiftung oder Hochverrat zum Einsatz, die damals nur eine Minderheit aller Straftaten ausmachten.
Mit der Carolina im Jahr 1532 regelte erstmals ein bedeutendes Strafgesetz im Heiligen Römischen Reich die Folter. Sie band diese an Indizien, etwa einen glaubhaften Augenzeugen oder beim Diebstahl das Auffinden des Diebesguts beim Verdächtigen.
Als schwerste Form der Folter stand dem Scharfrichter der Trockene Zug zur Verfügung, auch Aufziehen genannt. Er zog den Verdächtigen mit gefesselten Händen an einer Seilwinde in die Höhe. Um die Schmerzen zu steigern, konnte er Steingewichte an dessen Füßen befestigen. Die Arme wurden dabei nach hinten ausgehebelt, was zu einem Muskelabriss führte, schmerzhafter als ein Knochenbruch.
Trotz der Qualen gestanden erstaunlich viele Gefolterte nicht und kamen wieder frei. Eine Ausnahme bildeten die großen Hexenprozesse, vor allem im 17. Jahrhundert. Dort wurde Folter gezielt und massenhaft eingesetzt, um Verurteilungen zu erzwingen.
Abgeschafft wurde die Folter in deutschen Landen erst ab Ende des 18. Jahrhunderts. Ein neues Beweisrecht setzte sich durch. Richter konnten fortan auch auf Verdacht hin urteilen, ganz ohne erzwungenes Geständnis.
Folter und Foltermethoden sind nur ein Teil des Museums. Es zeigt die gesamte Rechtsentwicklung durch die Jahrhunderte. Ich erfahre, wie sich das Verständnis von Recht und Strafe und die Suche nach der Wahrheit im Laufe der Zeit geändert hat. Das macht dieses Museum zu etwas Besonderem, nicht nur zum Gruselkabinett.
Von der Anklage zum Rechtsstaat
Früher begann ein Prozess durch die Klage des Opfers, im sogenannten Akkusationsprozess, von lateinisch “accusatio” für Anklage. Daraus folgte auch, ohne Ankläger gab es keinen Prozess.
Im Inquisitionsverfahren, von lateinisch “inquisitio” für Untersuchung, übernahm der Staat die Funktion des Anklägers und des Richters in einer Instanz. Jetzt reichte schon Gerede, um ein Verfahren auszulösen, ganz ohne konkreten Geschädigten. Damit verschob sich die Macht spürbar in Richtung Obrigkeit, weg von den Betroffenen selbst.

Bei begründetem Verdacht wurde dann gezielt nach der Täterschaft gesucht, notfalls mit Folter. Am Ende stand der Rechtstag, eine öffentliche Zeremonie mit Geständnis und Urteilsverkündung vor versammeltem Volk.
Die Öffentlichkeit war kein Zufall, genau wie beim Pranger oder der Bäckertaufe am Museumseingang diente sie der Abschreckung und der Machtdemonstration.
Der Fall Catharina Ranzebach
Sehr eindrücklich finde ich das Protokoll eines echten Falls. Catharina Ranzebach wurde 1656 der Hexerei angeklagt. Unter Folter gestand sie. Später widerrief sie ihr Geständnis. Ein Rechtsgutachten der Juristenfakultät der Universität Helmstedt ordnete daraufhin eine erneute Folterung an. Sie legte ein neues Geständnis ab und wurde zum Tode durch Verbrennen verurteilt.
Auch bei einer Hexenverbrennung musste alles seine Ordnung haben.
Gleiches Recht gilt nicht für alle
Lange Zeit entschied der eigene Stand über die eigenen Rechte und über die drohenden Strafen. Die härtesten Strafen trafen vor allem Randgruppen und niedere Stände, selten die Mächtigen.
Auch das Durchsetzen von Recht war nicht einfach. Eine Tafel zeigt eine Deutschlandkarte mit berüchtigten Räuberbanden des 17. und 18. Jahrhunderts, von Nickel List bis zum Bayerischen Hiasl. Das Alte Reich glich einem Flickenteppich aus unzähligen Klein- und Kleinstaaten. Es gab weder eine einheitliche Polizei noch Grenzkontrollen. Wer über eine der vielen Grenzen floh, war für die Verfolger meist schon verloren.
Der Besuch in diesem Museum ist nichts für Zartbesaitete, trotzdem finde ich es wichtig, die Geschichte zu kennen. Ich habe noch viel darüber nachgedacht, wie sich die Gesellschaften entwickelt haben, und festgestellt, es ging nicht nur voran. Heute gibt es beides. Todesurteile werden hinter verschlossenen Türen vollstreckt, oder wieder demonstrativ vor versammeltem Volk.
Das RothenburgMuseum
Das RothenburgMuseum ist untergebracht im ehemaligen Dominikanerkloster am Klosterhof. Die Dauerausstellung “Der Rothenburger Weg” erzählt, wie die Stadt 1945 zerstört und danach originalgetreu wieder aufgebaut wurde. Genau dieser Wiederaufbau ist der Grund, warum Rothenburg heute wie ein intaktes Mittelalterstädtchen wirkt.



Der Münchner Architekt Fritz Florin leitete ab 1947 die Rekonstruktion nach Vorgaben des Denkmalschutzes. Ein moderner Wiederaufbau mit begradigten Straßen wurde wegen des erhofften Tourismus ausdrücklich verworfen.
Schon vor dem Krieg war Rothenburg wegen seines Mittelaltercharakters eine Touristenstadt. Maler entdeckten den Ort im 19. Jahrhundert für sich. Der Begriff “malerisch” wurde regelrecht an Rothenburg festgemacht.
Andere deutsche Städte gingen nach dem Krieg den umgekehrten Weg, moderner statt historischer Wiederaufbau. Rothenburgs Entscheidung gilt als einmalig in Deutschland.
Die Stadtmauer verdankt ihren Erhalt einem Erlass von König Ludwig I. von Bayern, nicht zu verwechseln mit seinem berühmteren Enkel Ludwig II. Bereits 1826 hatte er ein Gesetz verabschiedet, das den Abriss mittelalterlicher Stadtmauern in ganz Bayern verhinderte. Ohne diesen Erlass gäbe es die Stadtmauer, auf der ich mit meinem Hund gleich am ersten Tag spazieren gehe, vermutlich gar nicht mehr.
Im Museum steht außerdem der sogenannte Kurfürstenhumpen von 1616, vermutlich aus Böhmen. Bis 1802 diente er offiziell als “Willkomm” für Ehrengäste der Stadt. Genau aus diesem Humpen soll Altbürgermeister Georg Nusch der Legende nach 1631, mitten im Dreißigjährigen Krieg, einen Humpen Wein in einem Zug geleert und damit die Stadt vor der Zerstörung durch den kaiserlichen Feldherrn Tilly gerettet haben, der sogenannte Meistertrunk. Belegt ist die Geschichte nicht, aber sie machte Rothenburg berühmt und wird bis heute jährlich zu Pfingsten als Festspiel aufgeführt, seit 2016 sogar als immaterielles Kulturerbe der UNESCO anerkannt.
Die dunkle Geschichte der Stadt
Im 13. Jahrhundert war Rothenburg Heimat einer bedeutenden jüdischen Gemeinde. Zu ihren bekanntesten Persönlichkeiten gehörte Rabbi Meir ben Baruch, einer der bedeutendsten deutschen Rabbiner und Talmudgelehrten seiner Zeit. Schüler aus ganz Europa kamen zu ihm. Doch auf diese Blüte folgten Verfolgung und Vertreibung.
1298 wurde nahezu die gesamte jüdische Gemeinde der Stadt während des sogenannten Rintfleisch-Pogroms ermordet. Auslöser war der erfundene Vorwurf einer Hostienschändung.
1520 wurden die verbliebenen jüdischen Bewohner vollständig vertrieben. Erst ab 1870 durften wieder Juden in der Stadt leben. Und dann kam Hitler an die Macht.

1932 erreichte Hitler im Bezirk Rothenburg 87,5 Prozent der Wählerstimmen. Die Nationalsozialisten machten den Ort zu einem Prestigeobjekt, die mittelalterliche Kulisse passte gut zu ihren Mythen von “Blut und Boden” und “Volksgemeinschaft”. Am 16. April 1935 besuchte Hitler Rothenburg persönlich. Die Rothenburger hissten Hakenkreuzfahnen und jubelten ihm zu. Die Organisation “Kraft durch Freude” brachte täglich bis zu 1.000 Reisende hierher, begleitet von NS-Propaganda.
1938 wurden die jüdischen Bewohner erneut vertrieben. Rothenburg galt fortan als “judenfrei”. Es war nicht die erste Verfolgung jüdischen Lebens in der Stadtgeschichte, aber es sollte die letzte Vertreibung jüdischer Menschen aus Rothenburg sein.
Fast jede Rothenburger Familie hat einen Nationalsozialisten in ihrer Geschichte. Vermutlich ist das in vielen anderen Teilen Deutschlands ähnlich. Bedrückend finde ich es trotzdem.
Deutsches Weihnachtsmuseum
Über dem bekannten Weihnachtsdorf von Käthe Wohlfahrt in der Herrngasse 1 liegt das Deutsche Weihnachtsmuseum. Hier herrscht das ganze Jahr über Weihnachten. Gleich am Eingang könnte ich Stunden damit verbringen, den beweglichen Figuren zuzuschauen. Ich gebe es zu, mir wird warm ums Herz, und Kindheitserinnerungen werden wach.
Wer Weihnachten liebt und wissen will, warum wir überhaupt einen Christbaum aufstellen oder warum der Weihnachtsmann rot trägt, der findet hier bestimmt die Antworten auf alle Fragen.
Schon vorchristliche Kulturen holten sich zur Wintersonnenwende immergrüne Zweige ins Haus, als Zeichen dafür, dass das Leben auch im dunklen Winter weitergeht. Der erste dokumentierte geschmückte Baum stand 1419 in Freiburg, Bäckerlehrlinge hängten Äpfel, Nüsse und Lebkuchen hinein. Zum protestantischen Weihnachtssymbol wurde er im 16. Jahrhundert, unter anderem durch Martin Luther, während katholische Familien lange lieber die Krippe aufstellten. Erst im 19. Jahrhundert setzte sich der Baum in breiten Teilen der Bevölkerung durch, auch weil das britische Königshaus ihn bekannt machte.
Zu sehen ist außerdem Weihnachtsschmuck aus rund anderthalb Jahrhunderten, von aufwendigen Einzelstücken bis zu einfacher Alltagsdekoration, die kaum jemand aufgehoben hätte, wäre sie nicht heute so selten. Glaskugeln stehen neben Figuren aus Watte oder Zinn, dazwischen filigrane Drahtgeflechte, Räuchermännchen und die typischen erzgebirgischen Lichterbögen. Auch Nussknacker und kunstvoll gearbeitete Weihnachtspyramiden gehören zur Sammlung.
Auch den Unterschied zwischen Nikolaus, Christkind und Weihnachtsmann verstehe ich jetzt besser. Der Nikolaus war ein echter Bischof aus Myra, er lebte im 4. Jahrhundert, sein Gedenktag am 6. Dezember blieb bis heute der Anlass fürs Schenken. Das Christkind erfand Martin Luther im 16. Jahrhundert, er wollte die Heiligenverehrung durch eine Christus-nahe Figur ersetzen und verlegte die Bescherung auf den 25. Dezember.
Der Weihnachtsmann ist die jüngste der drei Figuren und übernahm die Elemente von Nikolaus und seinem Begleiter Knecht Ruprecht.
Am Anfang trug er oft eine Rute statt eines Geschenkesacks, im 18. Jahrhundert hatte er in bürgerlichen Häusern sogar einen erzieherischen Auftrag. Sein heutiges Bild, rundlich, weißbärtig, im roten Mantel, setzte sich in den 1920er-Jahren durch, endgültig geprägt von der amerikanischen Werbekampagne von Coca-Cola in den 1930er-Jahren.
Private Führungen sind möglich, rund eine Stunde lang, für Gruppen bis maximal 25 Personen, die Führungsgebühr liegt bei 40 Euro pro Gruppe zusätzlich zum Eintritt. Öffnungszeiten sollte man vorab auf der Museums-Website prüfen, sie schwanken je nach Saison.
Rothenburg gilt für viele als Inbegriff der Weihnacht. Dazu trägt neben dem Museum auch der Reiterlesmarkt bei, ein Weihnachtsmarkt mit europaweitem Ruf.
Praktische Infos zu den Rothenburg ob der Tauber Museen
- Mittelalterliches Kriminalmuseum: Burggasse 3-5,
- RothenburgMuseum: Klosterhof
- Deutsches Weihnachtsmuseum: Herrngasse 1, über dem Käthe-Wohlfahrt-Weihnachtsdorf
Aktuelle Öffnungszeiten und Eintrittspreise ändern sich je nach Saison, am besten schaut ihr vorher auf den jeweiligen Museums-Websites nach.
Ich war übrigens mit Hund unterwegs. An der Leine durfte ich ins Kriminalmuseum und ins RothenburgMuseum, und warum Rothenburg ob der Tauber eine sehr hundefreundliche Stadt ist, erfährst du in meinem Artikel Rothenburg ob der Tauber mit Hund erkunden? Auf jeden Fall!.
Text und Fotos Britta Smyrak
Diese Reise fand im Rahmen einer Pressereise statt. Danke an Rothenburg Tourismus für die Einladung.
