Hall in Tirol. Altstadt im Dornröschenschlaf

Der Herbst hält Einzug in Hall in Tirol. Während der Stadtführung nieselt es, ein kalter Wind pfeift durch die Gassen, und die Altstadt ist fast ausgestorben. Über Treppen geht es hinauf, durch enge Torbögen, und je länger wir gehen, desto mehr erinnert mich Hall in Tirol an Dornröschen. Die Stadt hat eine große Vergangenheit, wie ich erfahre. Schon 1303 bekommt Hall das Stadtrecht und ist im Mittelalter die größte und bedeutendste Stadt Nordtirols. Salz, Silber, Schifffahrt, diese drei S machen Hall einst reich und berühmt. Als sie wegfallen, wird es still.

Silber im Überschuss

Meine Tour beginnt beim Silber. Ich treffe die Stadtführerin am Wasserrad vor der Burg Hasegg. Mit dem 45 Meter hohen Münzerturm ist die Burg bis heute ein Wahrzeichen der Stadt.

Hall in Tirol Altstadt

Im 15. Jahrhundert blüht der Silberbergbau in Schwaz, der nahe gelegenen Bergbaustadt im Inntal. Dort gibt es Silber im Überfluss. Erzherzog Sigmund, den man den Münzreichen nennt, verlegt die Münzstätte, den Ort der Münzprägung, von Meran nach Hall, näher an das Silber aus Schwaz. Zuerst zieht die Münze in den Ansitz Sparberegg, ab 1567 dann auf die Burg Hasegg, vor der ich jetzt stehe. 1486 wird in Hall die erste große Silbermünze geprägt, der Guldiner. Er hat den Wert eines Goldguldens, besteht aber aus Silber, und macht dem knappen Gold als Zahlungsmittel Konkurrenz.

Im Laufe der Zeit wird aus dem Guldiner der Taler, aus dem Taler später der Dollar.

Das Silber aus Schwaz lässt die Nachfrage nach dem Guldiner sprunghaft steigen. Mit dem Hammer, Stück für Stück Münzen zu prägen, ist das nicht mehr zu schaffen. Also baut man in Hall im 16. Jahrhundert eine Maschine, die Wasserkraft nutzt. Zwei Walzen mit eingravierten Stempeln prägen ein Silberband, und heraus kommen Münzen, nach Angaben des Museums rund 4.000 am Tag. Hall ist damit die erste Münzstätte der Welt, die vom Handwerksbetrieb zum Industriebetrieb wird.

Die Erfindung bleibt nicht in der Stadt. Eine weitere Maschine wird samt Fachleuten nach Segovia in Spanien exportiert. Fast zwei Jahrhunderte lang gilt die Walzenprägung in ganz Europa als Stand der Technik. Im Museum auf Burg Hasegg steht ein Nachbau aus Holz, acht mal fünf Meter groß und zweieinhalb Meter hoch.

Zwischen 1748 und 1768 werden mehr als 17 Millionen der berühmten Maria-Theresien-Taler in Hall geprägt.

Wie kommt das Salz aus dem Berg?

Schon der Stadtname verrät es. Hall bedeutet Saline, ein Ort, an dem Salz gewonnen wird. Dasselbe Wort steckt in Hallein, Bad Reichenhall und in Schwäbisch Hall, alles alte Salzorte. Woher das Wort ursprünglich stammt, ist unter Sprachforschern umstritten. Auch das Stadtwappen erzählt vom Salz, zwei Löwen halten eine Salzkufe, ein Gefäß mit drei goldenen Reifen.

In Hall kommt das Salz aus dem Berg im Halltal. Über meine Wanderung dorthin erzähle ich in einem eigenen Artikel. Wasser wird in den Berg geleitet und löst das Salz aus dem Gestein. Als gesättigtes Salzwasser, die sogenannte Sole, fließt es durch eine hölzerne Rohrleitung über neun Kilometer hinunter ins Pfannhaus am Inn.

Das Pfannhaus ist eine große Halle, in der die Sudpfannen stehen. Eine Sudpfanne ist im Prinzip ein flaches Becken aus Eisen. Schon 1367 stehen dort vier davon, jede fünfzehn Meter lang, fünf Meter breit und einen halben Meter tief. Die Pfanne ruht auf einem gemauerten Ofen und wird zusätzlich von Haken am Gebälk des Dachstuhls gehalten. Unter ihr brennt das Feuer. Die Sole kocht, das Wasser verdampft, das Salz bleibt zurück.

Noch feucht wird das Salz aus der Pfanne in hölzerne, kegelförmige Bottiche gefüllt, die Küfel. Stülpt man einen Küfel um, bleibt ein Salzkegel stehen, rund achtzig Kilo schwer, der danach noch trocknen muss.

Im 17. Jahrhundert laufen stets drei der vier Pfannen. Was sie an Brennholz verschlingen, ist kaum vorstellbar. Für das Jahr 1760 ist überliefert, dass die Saline 3.864 Klafter Holz verbraucht. Nach einer Berechnung des Naturparks Karwendel entspricht das dem Bestand von mindestens 200 Hektar Wald, also zwei Quadratkilometern. In einem einzigen Jahr.

Schifffahrt endet in Hall

Das Holz wird bald ausschließlich über den Inn nach Hall gebracht. Die Stämme werden im oberen Inntal und in den Seitentälern des Karwendels ins Wasser gelassen und treiben lose flussabwärts. In Hall fängt sie ein Rechen auf, der quer über den Inn gespannt ist, wie ein riesiger Kamm im Fluss. Am Ufer wachsen die Stämme zu gewaltigen Holzstapeln.

Für Schiffe ist an diesem Rechen Schluss. So wird Hall zum Endpunkt der Schifffahrt und zum wichtigsten Umschlagplatz Nordtirols. Hier wird verladen, was flussabwärts soll, Salz, Silber, Kupfer, Wein

Die Zeiten ändern sich

Zuerst geht das Silber. 1809 wird die Münzstätte geschlossen. Dann kommt die Eisenbahn. Mit der Eisenbahnstrecke von 1858 endet die Schifffahrt auf dem Inn.

Das Salz hält sich noch über hundert Jahre. Bis 1967 wird im Halltal Salz gewonnen, zuletzt rund 10.000 Tonnen im Jahr, doch Österreich bündelt die Salzproduktion in Ebensee, wo mehr als eine Million Tonnen gewonnen werden, und schließt nach und nach alle alten Salinen. Das Bergwerk muss allerdings weiter betreut werden, damit Stollen nicht einstürzen und kein Wasser unkontrolliert austritt. In einem der alten Stollen wird bis heute Heilsole gewonnen.

Das Kloster der Weißen Tauben

Wir spazieren zum Stiftsplatz. 1567 wird hier der Grundstein für ein Damenstift gelegt, ein Haus für unverheiratete adelige Frauen. Erzherzogin Magdalena, eine Tochter Kaiser Ferdinands I., will mit ihren Schwestern zurückgezogen leben. 1569 zieht sie mit 40 Stiftsdamen ein. Gut 200 Jahre später hebt Kaiser Josef II. das Stift auf, danach zieht ein Stadtspital ein, später eine Sparkasse.

Hall in Tirol Altstadt

1912 übernehmen die Töchter des Herzens Jesu das Gebäude. Der Orden entsteht 1873 im belgischen Berchem bei Antwerpen. Die Kirche trägt seit 1914 den Titel Basilika. Die Schwestern leben in strenger Klausur und widmen sich der eucharistischen Anbetung. Laut der Stadtführerin ist es ihnen nicht erlaubt, miteinander zu sprechen. Wegen ihrer weißen Tracht nennt man sie in Hall die Weißen Tauben.

Hall in Tirol Altstadt

Fast übersehen hätte ich die kleine Magdalenenkapelle östlich der Pfarrkirche St. Nikolaus. Erstmals erwähnt wird sie 1330, die Fresken an ihren Wänden sind noch älter. An der Südwand hängt das Jüngste Gericht von 1466, detailreich zeigt es, wer in den Himmel kommt und wer in die Hölle. Ich könnte mir vorstellen, dass Hieronymus Bosch seine Freude daran gehabt hätte.

Die größte Altstadt Nordtirols

Die Altstadt von Hall in Tirol ist die größte erhaltene mittelalterliche Altstadt Nordtirols. Ihr Herz ist der Obere Stadtplatz mit dem Rathaus und der gotischen Pfarrkirche St. Nikolaus, deren Patron der Heilige der Bergleute und Schiffer ist. Im Zweiten Weltkrieg bleibt die Altstadt von größeren Schäden verschont. Inzwischen steht Hall im Bewerbungsprozess um die Aufnahme ins UNESCO-Weltkulturerbe.

An manchen Häusern lehnen steinerne Stützen an der Fassade, als müssten sie das Haus festhalten. Genau das tun sie. In Tirol bebt die Erde immer wieder. Am 17. Juli 1670 zerstört ein großes Beben die meisten Türme der Stadt, auch der Turm der Pfarrkirche St. Nikolaus verliert seine Spitze und bekommt einen barocken Zwiebelturm. Die Erdbebenpfeiler, mit denen man ältere Häuser verstärkt, erzählen in der Altstadt bis heute von diesem Tag. Die Stärke wird auf etwa 5,2 geschätzt, damit gehört das Beben zu den stärksten in Österreich.

Restaurant Bretze & und es geht weiter

Nach der Stadtführung haben wir Hunger, und das Restaurant Bretze ist ein absoluter Glücksgriff. Bodenständige Klassiker, neu gedacht, mit Zutaten aus der Region, Wiener Schnitzel, Zwiebelrostbraten, Tagliatelle mit Salsiccia. Jedes Gericht übertrifft die Erwartung.

Auch die Einrichtung gefällt uns, vor allem ein Raum, eher eine Galerie als ein Wirtshaus. Am zweiten Tag essen wir wieder dort, und am dritten Tag wären wir besser noch einmal dort hingegangen. Nach so viel Vergangenheit in den Gassen ist das der Ort, an dem Hall nach vorne schaut.

Der Geheimtipp im Schatten von Innsbruck

Natürlich ist Hall nicht komplett eingeschlafen. Adventmarkt, Radieschenfest, das Osterfestival Tirol und die Literaturtage Sprachsalz zeigen es. Aber an einem Regentag in der Nebensaison gehört die Altstadt fast allein dem, der Treppen und enge Torbögen mag. Für mich ein lohnenswerter Geheimtipp. Hall erinnert mich an Dornröschen, und jeder, der es besucht, küsst es wach.

Text und Fotos Britta Smyrak

Danke an Hall-Wattens Tourismus für die Einladung zu dieser Pressereise

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