Ich wollte eigentlich nur wandern, aber an König Ludwig II. kam ich nicht vorbei. Sein Schloss thront auf einem steilen Felsen über dem Dorf Hohenschwangau in der Nähe von Füssen, ein Postkartenmotiv, das jeder kennt, bevor er es gesehen hat.
Auch die Wanderungen und Berghütten in der Umgebung tragen seine Spuren, aber die erzählen eine ganz andere Geschichte als die Postkarte: von einem König, der mit 18 an die Macht gedrängt wurde, der nachts durch die Berge wanderte, und der am Ende von den eigenen Leuten für verrückt erklärt wurde. War König Ludwig wirklich ein Märchenkönig?
Plötzlich König
König Maximilian II. stach sich bei der Verleihung eines Ordens mit der Nadel in den Finger. Er bekam eine Blutvergiftung. Innerhalb von drei Tagen war er tot. Ludwig wurde 1864 König. Mit gerade einmal 18 Jahren stand er plötzlich völlig unvorbereitet an der Spitze eines Königreichs.
Zwei Jahre später, 1866, brach der Deutsche Krieg aus: Preußen und Österreich rangen um die Vorherrschaft in Deutschland. Bayern stellte sich auf die Seite Österreichs und verlor. Schon vier Jahre später folgte der zweite Krieg, diesmal an der Seite Preußens gegen Frankreich. Auch wenn dieser Krieg gewonnen wurde, bedeutete er den endgültigen Machtverlust für den bayerischen König Ludwig II., denn nun wurde das Deutsche Reich gegründet und im Spiegelsaal von Versailles der deutsche Kaiser gekrönt.
Im Gegensatz zu seinem Bruder Otto hat Ludwig in keinem der Kriege selbst gekämpft, bei der Kaiserproklamation ließ er sich von ihm vertreten. Für Otto sollte das Konsequenzen haben, dazu später mehr.
Ein Leben voller Scham

König Ludwig II. war ein schöner Mann, leider nur für kurze Zeit, 1,93 Meter groß, mit schwarzen Locken und blauen Augen, Berichten zufolge fielen die Frauen in seiner Gegenwart reihenweise in Ohnmacht. Mit Mitte 20 fielen ihm die Zähne aus, zuerst die Schneidezähne, die anderen faulten in seinem Mund weiter. Beim Essen ließ er sich von immer größeren Blumenarrangements umgeben, trug einen Schnurrbart. Er hielt oft ein parfümiertes Taschentuch vor den Mund: Seine faulen Zähne dürften stark gerochen haben. Marie Valerie, die jüngste Tochter der Kaiserin Elisabeth, notierte nach einem Besuch Ludwigs süffisant in ihr Tagebuch, man habe danach erleichtert das Fenster öffnen können.
Die schlechten Zähne waren nicht sein einziges Problem. Ludwig war schwul. Bis 1871 war Homosexualität in Bayern nicht strafbar, aber mit der Reichsgründung wurde das Strafgesetzbuch des Norddeutschen Bundes übernommen, und Paragraph 175 machte homosexuelle Handlungen reichsweit strafbar. Für den tief katholisch erzogenen Ludwig kam noch hinzu, dass er als Oberhaupt des Hauses Wittelsbach automatisch Großmeister des Georgs-Ritterordens war, dessen Aufgabe die Verteidigung des katholischen Glaubens war. Homosexualität war in der katholischen Kirche verboten. Dadurch empfand er sein Leben als ständige Sünde, ein Kampf gegen sich selbst, den er nicht gewinnen konnte.
Rückzug in die Nacht
Nachdem ihm nach 1866 die reale Macht genommen worden war, blieb als öffentliche Funktion nur noch übrig, gesehen und bewertet zu werden. Ein König unter permanenter Beobachtung. Lächelte er im Theater, stand es am nächsten Tag in der Zeitung. Wirkte er gelangweilt, wurde auch das kommentiert. Jede Regung, jeder Auftritt wurden bewertet, weitererzählt. Vielleicht waren Scham und dieser gesellschaftliche Druck zusammen ein Grund, warum er ab 1875 anfing, tagsüber zu schlafen und nachts wach zu sein. Dann zog er los, oft nur mit einem einzigen Diener und einer Fackel, stundenlang durch stockdunkle Bergwälder, über schmale Grate. In den Bergen, nachts, gab es niemanden, der zusah, kein Publikum, keine Zeitung, kein Urteil am nächsten Morgen.
Diese Umkehr von Tag und Nacht wurde ihm später zum Verhängnis. Im amtlichen Gutachten, das 1886 seine Entmündigung begründete, taucht sie explizit als eines der aufgeführten Krankheitssymptome auf, neben Halluzinationen, Misshandlung der Dienerschaft und Medikamentenmissbrauch. Was aus heutiger Sicht wie ein nachvollziehbares Bedürfnis nach Privatsphäre wirkt, wurde ihm damals offiziell als Beweis für Wahnsinn ausgelegt.
Leben in der Illusion
Neben einem fast schon bescheidenen Rückzug in die Nacht erschuf sich Ludwig II. eine eigene glanzvolle Parallelwelt, in der er prunkvoll König sein durfte. Vorbild dafür waren Wagners Opern. Ludwig kannte den Komponisten persönlich und verehrte ihn. Er war fasziniert und identifizierte sich zunehmend mit den mittelalterlichen Sagenfiguren, die darin auftraten. In Briefen ließ er sich von seiner Verlobten Sophie sogar als “Parsifal” anreden. Neuschwanstein wurde zu seiner Ritterburg aus dieser Sagenwelt, äußerlich mittelalterlich, obwohl es tatsächlich erst im 19. Jahrhundert entstand. Linderhof und Herrenchiemsee ließ er sich dagegen als absolutistische Schlösser nach dem Vorbild von Versailles bauen.

Die Ritterburg mit Telefon
Obwohl Ludwig sich in mittelalterliche Sagenwelten flüchtete, so war er in manchen Dingen seiner Zeit sogar voraus. Er ließ eine der ersten Telefonleitungen Bayerns nach Neuschwanstein legen. Er plante einen Flugapparat, mit dem er über den Alpsee fliegen wollte. In Linderhof ließ er sich einen Tisch bauen, der sich mechanisch in die Küche hinunterkurbeln ließ, und gedeckt wieder heraufkam. Technik die ihm half, die Menschen zu meiden.

Auf der Münchner Residenz baute er sich außerdem einen Wintergarten, eine Glas- und Stahlkonstruktion, so groß, dass ein Fußballfeld darin Platz gehabt hätte, mit einem See zum Baden und Bootfahren, einem Bach, Palmen und freilaufenden Tieren. Eine Prinzessin, die dort zum Essen eingeladen war, wurde Berichten zufolge von einem Papagei mit “Guten Abend” begrüßt.
Wertvoller als alle Schlösser
So schön die Schlösser waren, sie standen die meiste Zeit leer. Der König war nicht da. Ludwig bevorzugte einfache Berghütten und verbrachte lieber dort seine Zeit. In ganz Bayern nutzte er 21 solcher Orte, holzverkleidete Häuser ohne Prunk, mit kaum mehr als Schlafzimmer, Esszimmer und etwas Platz für Bedienstete, oft blieb er dort wochenlang. Für den Hof und den Adel in München war er in dieser Zeit praktisch unerreichbar. Das bedeutete aber nicht, dass er nicht jeden Tag arbeitete, obwohl ihm das später vorgeworfen wurde.
“Warum diese stille einfache Hütte mir werth und theuer ist und zwar werther als alle königlichen Schlösser mit ihrem Glanz und hohlen Prunk, brauche ich dem Theuren wohl kaum zu sagen.” Diese Zeilen schrieb Ludwig 1867 an Wagner. Der König, der später die prunkvollsten Schlösser seiner Zeit bauen ließ, nannte diesen Prunk in seinen eigenen Worten hohl, schon bevor er ihn errichtete.
Die Kenzenhütte war einer dieser Rückzugsorte, hier ließ er sich einen nahen Wasserfall mit bengalischem Feuer illuminieren, so ganz ohne Inszenierung ging es dann eben doch nicht. Ein weiterer war die Bleckenau, die sein Vater Maximilian II. für seine Frau Marie errichten ließ.
Sissi, eine Seelenverwandte
Ludwig und Kaiserin Elisabeth von Österreich, Sissi, waren verwandt. Insgesamt sahen sie sich nur ein paar Mal im Leben, aber auf der Roseninsel im Starnberger See gab es einen kleinen Pavillon mit einem Schreibtisch, zu dem beide einen eigenen Schlüssel besaßen, dort hinterließen sie sich gegenseitig Briefe, auch wenn sie sich nicht persönlich trafen.
Beide fühlten sich in ihrer höfischen Rolle gefangen, beide suchten Rückzug und Privatsphäre, beschrieben ihre Situation ähnlich, als Gefangene in einem goldenen Käfig. Die historische Elisabeth war zu Lebzeiten in Österreich wenig beliebt, erst ihr Tod und später die verklärenden Sissi-Filme der 1950er Jahre machten sie zur Legende, nicht unähnlich dem, was mit Ludwig geschah.
Geliebt vom Volk, gehasst vom Hof
Der bayerische Hof war ein riesiger Apparat, etwa 2.000 Personen, deren Ämter und Funktionen nur existierten, um den König zu begleiten. War der König nicht da, wie bei Ludwig fast immer, brach das System zusammen. Der Adel, der von Geburt an ein Recht auf seine höfische Rolle hatte, war seiner Funktion beraubt. Ludwigs Abwesenheit war eine Bedrohung.
Dagegen war der König auf dem Land sehr beliebt. Sein Bauboom hatte Arbeit und Lohn gebracht. Für die Arbeiter an seinen Schlössern war sogar eine frühe Form der Unfallversicherung eingeführt worden.
Ludwig häufte immer mehr Schulden an und wurde in München zunehmend zur Belastung. Man suchte nach einem Ersatz für ihn.
Sein jüngerer Bruder Otto stand als Alternative nicht zur Verfügung. Er war psychisch krank. Nachdem er 1871 anstelle Ludwigs bei der Kaiserproklamation in Versailles hatte auftreten müssen, verschlechterte sich sein Zustand weiter. Er lebte dauerhaft in Schloss Fürstenried, eigens für ihn umgebaut, mit hohen Mauern. “Es ist hier kaum mehr zum aushalten”, schrieb er einmal an Ludwig, “man hört und sieht nichts und vereinzelt.” Ludwig hatte mehrfach erwogen, zugunsten von Otto abzudanken, aber das war angesichts von dessen Zustand keine Option.
Verrat und Verhaftung
Die treibende Kraft hinter Ludwigs Absetzung war Minister Johann von Lutz. Am 9. Juni 1886 wurde Ludwig entmündigt. Sein Onkel Luitpold übernahm als Prinzregent die Macht.
Grundlage der Entmündigung war ein Gutachten von Dr. Bernhard von Gudden, der Ludwig eine unheilbare Geisteskrankheit attestierte, ohne ihn jemals persönlich untersucht zu haben.
In der Nacht auf den 10. Juni fuhr eine elfköpfige Kommission nach Neuschwanstein, um Ludwig festzunehmen. Doch die Nachricht war ihnen zuvorgekommen. Als die Wagen am Schloss vorfuhren, standen dort bereits Füssens Gendarmerie und die örtliche Feuerwehr: Sie wollten ihren König nicht kampflos hergeben.
Statt Ludwig zu verhaften, wurde die Kommission selbst festgesetzt und ins Torhaus gesperrt. Erst am nächsten Tag durften die Männer unverrichteter Dinge abziehen, zurück nach München. Zwei Tage später gelang die Verhaftung. In einer verriegelten Kutsche wurde Ludwig nach Schloss Berg am Starnberger See gebracht.
Der ungeklärte Tod

Am 13. Juni 1886, Pfingstsonntag, brach Ludwig gegen 18:45 Uhr zu einem Spaziergang mit Dr. von Gudden auf, im Park von Schloss Berg, ohne weitere Begleitung, ein Zugeständnis an einen Mann, der gerade erst entmündigt worden war. Die Zeit verstrich. Das Abendessen wartete, dann stand es kalt auf dem Tisch. Als die beiden auch nach Stunden nicht zurückgekehrt waren, wurde eine Suche losgeschickt, in der Dunkelheit, am Ufer entlang. Gefunden wurden sie schließlich im flachen Wasser des Starnberger Sees, beide tot. Die Obduktion dokumentierte keine Einschussspuren, aber auch keine eindeutige Todesursache. Bis heute ist ungeklärt, ob es sich um Mord, Suizid oder einen Unfall handelte. Ludwig wurde Jahre alt.
Infos für den Schlossbesuch
Beide Schlösser sind ausschließlich im Rahmen einer Führung zu besichtigen, ein freier Rundgang ist nicht möglich. Die Tickets sind an ein festes Zeitfenster gebunden, wer zu spät kommt, verpasst die eigene Führung, ein verspäteter Eintritt ist nicht möglich.
Neuschwanstein: Tickets gibt es nur online (2,50 Euro Bearbeitungsgebühr pro Person und Schloss), Eintritt 21 Euro regulär, 20 Euro ermäßigt, Kinder bis 17 Jahre frei. Die Führung dauert etwa 30 Minuten. Der Besuch ist nicht barrierefrei, im Schloss sind rund 300 Stufen zu bewältigen.
Linderhof: Eintritt Schloss 11 Euro regulär, 10 Euro ermäßigt. Die Gesamtkarte mit der Venusgrotte kostet 18 Euro (nur in der Sommersaison erhältlich, da die Grotte im Winter geschlossen ist). Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre haben freien Eintritt. Tickets gibt es an der Schlosskasse, ein Teil auch online im Voraus, auch hier gilt ein festes Zeitfenster.
Ein Tipp aus eigener Erfahrung: Wer früh am Morgen oder bei Regen zur Marienbrücke kommt, hat sie fast für sich allein, tagsüber bei gutem Wetter ist dort sonst mit erheblichem Andrang zu rechnen.
Titelfoto: Schloss Neuschwanstein © Bayerische Schlösserverwaltung (Foto: www.kreativ-instinkt.de)
Danke an Vanessa Richter für die vielen Infos über König Ludwig und an Füssen Tourismus und Marketing für die Einladung zu dieser Pressereise.
