Von Hall aus ist man schnell in den Bergen, und zwar in zwei sehr verschiedenen. Im Süden liegen die grünen Tuxer Alpen mit dem Zirbenweg. Im Norden ragen die schroffen Kalkwände des Karwendels auf, in die das Halltal tief hineinschneidet. Am ersten Tag wandere ich im dichten Nebel über den Zirbenweg, am zweiten bei Sonne und fast sommerlicher Wärme ins Halltal. Wege und Wetter sind unterschiedlich und beide Tage haben ihren Reiz.
Im Nebel auf dem Zirbenweg
Der Zirbenweg liegt hoch über Innsbruck und Hall, und er ist bekannt für seine Aussicht. Daran muss ich denken, als ich mit der Patscherkofelbahn auf knapp 2.000 Meter hinauffahre. Das Tal verschwindet schon nach wenigen Minuten im Grau. Oben an der Bergstation stehe ich komplett im Nebel.




Umkehren kommt trotzdem nicht in Frage. Der Nebel hängt so dicht zwischen den Bäumen, dass jede Wegbiegung erst auftaucht, wenn ich fast davorstehe. Weil nichts in der Ferne ablenkt, schaue ich genauer hin, auf den Weg zu meinen Füßen, auf die Zapfen, die vereinzelt am Boden liegen, und auf die schemenhaften Zirben. Ab und zu kommen uns einzelne Wanderer entgegen. Wir grüßen uns wie Verschworene, die genau wissen, warum sie heute hier oben sind. Die Zirbe wächst dort, wo andere Bäume längst aufgegeben haben, an der Baumgrenze, und ihr Holz duftet so, dass man in Tirol gern darin schläft und wohnt. Der Zirbenwald hier oben gehört zu den größten in Europa. Heute wirkt er still und beinahe verwunschen.
Irgendwo im Ampasser Kessel steht eine Zirbe, die über 700 Jahre alt sein soll und als ältester Baum Tirols gilt. Ich schaue durch das Fernglas und sehe nichts. Ein bisschen schade ist das, aber sie wird wohl noch eine Weile dort stehen.
Kurz reißt der Himmel auf, ein bisschen Blau, ein bisschen Sonne, dann ist es auch schon wieder vorbei.

Der Weg ist breit und ohne steile Stellen, auch bei schlechter Sicht kann man sich nicht verlaufen. Zum Andenken nehme ich einen Zirbenzapfen mit.

Die besten Spinatknödel
Am Ende des Weges, an der Bergstation Glungezer, taucht die Tulfeinalm aus dem Grau auf. Mit einem herzlichen „Grüßt euch” werden wir empfangen. Drinnen ist es warm, im Ofen brennt Holz. Wir bestellen Spinatknödel, und es sind wirklich die besten, die ich bisher gegessen habe, saftig, locker und mit viel Butter.

Mit der Bergbahn geht es hinunter ins Tal, auf den Bus müssen wir nicht lange warten. Man muss in Hall nicht auf blauen Himmel warten, auch eine Wanderung im Nebel kann schön sein. Also raus und hinauf auf den Berg, und sei es für die Knödel.
Wetterwechsel im Halltal
Am nächsten Morgen ist der Himmel klar und blau. Schon früh ist es warm. Heute geht es hinein ins Halltal, ins Karwendel. Wir sind nicht allein unterwegs, eine Wanderführerin aus der Region begleitet uns.
Seit 2012 dürfen keine Autos mehr ins Tal, die alte Mautstraße ist gesperrt. Am Taleingang gibt es einen Parkplatz, von dem an Wochenenden ein kleiner Shuttlebus ins Tal hineinfährt. Viele Mountainbiker sind unterwegs. Wir lassen uns bis St. Magdalena hinaufbringen und gehen von dort zu Fuß weiter.
Hinauf zum Issanger
Ich mag schmale Pfade, auf denen man auf jeden Schritt achten muss, weil Wurzeln und Steine im Weg liegen. Dass sie nicht für jeden etwas sind, ist mir klar, für mich gehören sie aber zum Schönsten am Wandern, und meine Hündin scheint das ähnlich zu sehen. Sie läuft munter an der Leine voran.

Nach einer guten Stunde und knapp 400 Höhenmetern erreichen wir den Issanger, einen sanften Almboden auf gut 1.600 Metern. Er liegt zwischen den Felswänden, als hätte jemand im engen Tal eine Lichtung freigeräumt. Hier blüht es den ganzen Sommer lang, und auch jetzt zum Herbstanfang entdecken wir noch ein paar Blumen. Oben am Hang steht eine Gämse und beobachtet uns eine Weile, bevor sie weiterzieht. Nach Steinböcken halte ich den ganzen Tag vergeblich Ausschau.




Wie leben die Knappen hier oben?
Auf dem Rückweg kommen wir an den Herrenhäusern vorbei, die über Jahrhunderte das Zentrum des Salzbergbaus im Halltal bilden. Wie der Name sagt, sind die Häuser den Herren vorbehalten, den Beamten der Saline, die hier verwalten, wohnen und hohe Gäste empfangen. Die Knappen, wie die Bergleute heißen, schlafen nebenan im schlichten Knappenhäusl oder in Unterkünften direkt bei den Stollen, beim Mitterbergstollen etwa in einem Haus für rund 90 Männer. Heute stehen die Gebäude leer, eine Lawine hat große Teile davon zerstört.




Gleich daneben liegt der Eingang zum König-Max-Stollen. Die Bergleute beginnen ihn 1492, im selben Jahr, in dem Kolumbus Amerika erreicht, und es ist da bereits der fünfte Stollen dieses Salzbergbaus. In fast 700 Jahren treiben sie insgesamt acht Hauptstollen und ein rund 50 Kilometer langes Netz aus Querstollen und Schächten in den Berg. Zur Blütezeit arbeiten hier etwa 800 Männer und fördern jedes Jahr bis zu 10.000 Tonnen Salz, das bis in die Schweiz, nach Vorarlberg, Südtirol und ins Trentino verkauft wird und den Tiroler Landesfürsten über Jahrhunderte viel Geld einbringt. Am 5. August 1967 fahren die Bergleute zum letzten Mal ein.

Der Stollen ist gesperrt, nur ein paar Meter kann man hineingehen. Der Gang ist niedrig und eng. Den ganzen Tag hier drinnen zu arbeiten, im Dunkeln und beim Licht einer flackernden Lampe, kann ich mir kaum ausmalen. Auf einer der Infotafeln am Weg lese ich, dass auch Kinder im Berg arbeiten, und bleibe eine Weile davor stehen, weil das für uns heute kaum vorstellbar ist.

Auch das, was ich sonst unterwegs erfahre, zeichnet kein leichtes Leben. Einen Teil ihres Lohns bekommen die Knappen in Naturalien, in Schmalz und Getreide, und viele bewirtschaften nebenher einen kleinen Hof. Gegen Lawinen und Steinschlag bleibt ihnen vor allem das Gottvertrauen, weshalb viele Messen gelesen und Bittgänge gehalten werden. Gleich bei den Herrenhäusern steht dafür eine kleine Kapelle, die man durch das Knappenhäusl betritt und in der die Bergleute vor ihrer Schicht im Berg beten.
Einkehr in St. Magdalena
Zurück in St. Magdalena setzen wir uns auf der Terrasse in die Sonne. Das Gasthaus ist ein ehemaliges Kloster, in dem im 15. Jahrhundert Ordensfrauen leben, um 1494 sind es 24 Schwestern, und ich frage mich, wie sie hier oben die Winter überstehen. Die kleine Kirche neben dem Gasthaus ist erhalten geblieben, ihr Gewölbe trägt die Jahreszahl 1486. Einmal im Jahr, Ende Juli, wird hier das Fest der heiligen Magdalena gefeiert, die als eine der Schutzheiligen der Bergleute gilt.



Auf der Karte stehen neben Knödeln und Schweinsbraten auch pakistanische und thailändische Gerichte, tibetische Gebetsfahnen flattern leicht im Wind. Wir essen mal wieder Knödel, und sie schmecken ausgezeichnet.
Zurück über den Fluchtsteig
Talauswärts nehmen wir nicht die Straße, sondern den Fluchtsteig, der parallel zu ihr durch den Wald führt, schmal, mit kleinen Holzbrücken und ein paar Stellen, an denen ein Drahtseil Halt gibt. Seinen Namen hat er von den Knappen, die ihn nehmen, wenn auf der Straße Lawinengefahr herrscht, um sicher zur Arbeit und wieder ins Tal zu kommen. Wir gehen ihn an einem warmen Herbsttag, satt vom Mittagessen, und ohne Gefahr.

Zirbenweg und Halltal, alle Infos auf einen Blick
Gästekarte
- Mit der Gästekarte Hall-Wattens Card, die man bei der Anreise von der Unterkunft bekommt, sind die Busse in der Region und nach Innsbruck kostenlos, ebenso der Halltal-Shuttle.
Zirbenweg
- Der Zirbenweg ist rund 7 Kilometer lang und führt auf etwa 2.000 Metern vom Patscherkofel zur Tulfeinalm. Man kann ihn auch in umgekehrter Richtung gehen.
- Bergauf geht es gut 200 Höhenmeter, bergab etwa 100, und man braucht ungefähr zweieinhalb Stunden.
- Von Hall fährt der Bus nach Tulfes zur Talstation der Glungezerbahn, mit Gästekarte kostenlos. Der Bus weiter nach Igls zur Patscherkofelbahn ist nicht enthalten.
- Das Zirbenweg-Rundwanderticket umfasst die Bergfahrt mit der Patscherkofelbahn, die Talfahrt mit der Glungezerbahn und den Bus zwischen Tulfes und Igls. Für Erwachsene kostet es 43 Euro, ohne Bus 39,50 Euro (Stand Sommer 2026).
- Günstiger wird es, wenn man nur mit der Glungezerbahn hinauf- und wieder hinunterfährt und den Zirbenweg ein Stück hin und zurück geht. Berg- und Talfahrt kosten 31 Euro, mit Gästekarte 30 Euro.
Halltal und Issanger
- Wir fahren mit dem Shuttle bis St. Magdalena, steigen von dort knapp 400 Höhenmeter zum Issanger auf und gehen über den Fluchtsteig zurück bis zum Parkplatz. So wird der Aufstieg kurz, der Abstieg mit fast 900 Höhenmetern aber lang, und der Fluchtsteig verlangt Trittsicherheit.
- Vom Zentrum in Hall fährt der Bus nach Absam Eichat, von dort sind es rund fünf Minuten zu Fuß zum Parkplatz Halltal am Taleingang.
- Der Halltal-Shuttle fährt von Mitte Mai bis Anfang Oktober an Wochenenden und nur bei gutem Wetter, bergauf von 8 bis 16 Uhr und talwärts von 9 bis 17 Uhr jeweils zur vollen Stunde. Eine Fahrt kostet 5 Euro, für Kinder 2,50 Euro, mit Gästekarte ist sie kostenlos.
- Die offizielle Wanderung zum Issanger misst ab dem Parkplatz Halltal 13,7 Kilometer und knapp 900 Höhenmeter, wofür man gut fünf Stunden einplanen sollte.
Wer nach den Wanderungen noch Zeit hat, sollte durch die Gassen von Hall streifen. Was die Stadt einst reich gemacht hat und warum sie heute ein wenig vergessen wirkt, erzähle ich in meinem Artikel Hall in Tirol. Altstadt im Dornröschenschlaf.
Diese Reise wurde unterstützt von Hall-Wattens Tourismus. Vielen Dank dafür.
