Füssens Altstadt steckt voller Geschichte und Geschichten

Nach zwei Wanderungen in der näheren Umgebung und einem Ausflug zu den Königsschlössern bleibt mir noch ein halber Tag, um mir die Altstadt von Füssen anzuschauen, und das hat sich gelohnt. Die Stadt am Fuß der Allgäuer Berge erzählt mehr als nur eine Geschichte, viele davon reichen weiter zurück als die der Königsschlösser.

Bevor es Füssen gab, stand hier ein Römerlager

Die Wurzeln der Stadt Füssen liegen schon in der Römerzeit im 4. Jahrhundert, als sich an dieser Stelle ein Militärlager befand, lange bevor an Neuschwanstein und Hohenschwangau überhaupt zu denken war. Damals verlief hier die Via Claudia Augusta, eine wichtige Handelsstraße von Norditalien nach Augsburg. Ein Metallband im Pflaster der Reichenstraße erinnert bis heute an ihren Verlauf.

Das Wunder von Füssen

Im Auftrag des Augsburger Bischofs Wikterp kam der Mönch Magnus im 8. Jahrhundert nach Füssen. Er gründete am Lech eine erste Klosterzelle und missionierte hier über 26 Jahre lang, bis zu seinem Tod. Um sein Wirken ranken sich zahlreiche Legenden. Er soll bei Roßhaupten einen Drachen besiegt, Schlangen und Bären mit seinem Stab vertrieben haben. Außerdem soll er ein irischer Prinz gewesen sein, tatsächlich war er wohl Rätoromane, vermutlich aus St. Gallen.

Nach seinem Tod verfiel sein Haus. Als dort um 830/840 das Kloster St. Mang entstehen sollte, öffnete man sein Grab und fand, so sagt es wieder eine Legende, den Leichnam unversehrt. Ein vermeintliches Wunder, das die Magnus-Verehrung und die Wallfahrt nach Füssen begründete.

Später galt seine Ruhestätte jahrhundertelang als verschollen, erst in den 1960er-Jahren bestätigten Ausgrabungen, dass die heutige Annakapelle der ursprüngliche Ort war.

Basilika St. Mang, ein Vorgeschmack auf den Himmel

Die heutige Gestalt des Benediktinerklosters St. Mang geht vor allem auf das frühe 18. Jahrhundert zurück. Der Architekt Johann Jakob Herkomer baute zwischen 1701 und 1717 auf mittelalterlichen Grundmauern eine barocke Klosteranlage, darunter auch einen prunkvollen Festsaal, den Kaisersaal. Der Name war Ausdruck einer Hoffnung: Füssen wollte “reichsunmittelbar” werden, direkt dem Kaiser unterstellt statt dem Augsburger Bischof. Das hätte mehr Selbstverwaltung, eigene Steuern und mehr Macht bedeutet. Die Stadt wollte vorbereitet sein für den kaiserlichen Besuch. Dazu kam es nie, der ersehnte Titel blieb der Stadt versagt.

Die Basilika St. Mang überwältigt beim Betreten: Stuck ohne Ende, dicke Engel, Gold, wohin man schaut. Das war Absicht. Der Barock war die bewusste Antwort der katholischen Kirche auf die nüchterne, schlichte Reformation: Überwältigung statt Zurückhaltung. Jedes Element trägt eine Bedeutung: die Putten stehen für himmlische Unschuld, das Gold für göttlichen Glanz, der bewegte Stuck für die Dynamik des Göttlichen. Der Effekt sollte kein intellektueller sein, sondern ein körperlicher: Ehrfurcht, die keinen Raum für Zweifel lässt.

Die Deckengemälde im Kircheninneren erzählen die erwähnte Magnus-Legende in Bildern, sie zeigen den Heiligen, wie er einen Drachen bei Roßhaupten mit einem brennenden Köder besiegt, daher der Ortsname.

Passend dazu stehen zwei Leuchter in der Kirche, geformt wie Drachen, die das Licht des Glaubens halten müssen, obwohl sie es eigentlich nicht wollen: Der Kopf der Drachen ist demonstrativ vom Licht abgewandt, das Böse, gezwungen, dem Guten zu dienen. Die Leuchter sind so besonders, dass sie schon für Ausstellungen an andere Museen ausgeliehen wurden.

Unter dem Altarraum liegt die Ostkrypta, der älteste erhaltene Teil des Klosters, mit Freskomalerei aus dem 8. Jahrhundert, der ältesten, die es heute noch in Bayern gibt.

In der benachbarten Annakapelle hängt der Füssener Totentanz, gemalt 1602 von Jakob Hiebeler, mitten in einer Pestzeit. 24 Bilder zeigen, wie der Tod nacheinander den Papst, den Kaiser, Adelige und Bettler gleichermaßen zum Tanz holt, niemand entkommt. Im letzten Bild hat sich Hiebeler sogar selbst hineingemalt, auch der Künstler muss mit dem Tod tanzen.

1802 wurde das Kloster im Zuge der Säkularisation aufgelöst, die wertvolle Klosterbibliothek größtenteils zerstreut oder vernichtet. 1909 kaufte die Stadt Füssen das Gebäude zurück, seit 1991 wird darin das heutige Museum der Stadt stetig ausgebaut.

Die Wiege des Lautenbaus

Ich komme an einem Brunnen vorbei, darauf steht die Bronzestatue des Lautenmachers Caspar Tieffenbrucker, und natürlich hat auch die ihre Geschichte. Kaum jemand weiß es, aber Füssen war einst das europäische Zentrum des Lautenbaus. 1562 gründete sich hier die erste Lautenmacherzunft Europas. In einer Stadt mit nur rund 2.000 Einwohnern arbeiteten zeitweise bis zu 20 Meister gleichzeitig. Die Zunft achtete sehr darauf, sich vor unliebsamer Konkurrenz zu schützen. Wer als junger Geselle keine Meistertochter heiraten und damit keine eigene Werkstatt übernehmen konnte, musste die Stadt verlassen und anderswo neu anfangen, in Wien, Rom oder Paris. Franz Geissenhof etwa wurde in Wien so erfolgreich, dass man ihn den “Wiener Stradivari” nannte.

Als sich der Musikgeschmack wandelte und die eher leise Laute nicht mehr genügte, wechselten die Füssener Handwerker zum Geigenbau. Bis heute gibt es in der Stadt noch aktive Werkstätten, die diese jahrhundertealte Tradition fortführen, eine erstaunliche Kontinuität für ein Handwerk, das anderswo längst verschwunden ist.

Alles nur Illusion

Über der Altstadt von Füssen thront das Hohe Schloss, einst Sommerresidenz der Augsburger Fürstbischöfe. Um 1499 gestaltete man die Fassaden im Innenhof komplett neu, vermutlich unter dem Hechinger Maler Fidelis Eichele: Erker in verschiedenen Größen, wappenverzierte Vorsprünge und kunstvoll umrahmte Fenster scheinen aus Stein gearbeitet, tatsächlich sind sie nur gemalt. Wer genau hinschaut, entdeckt auch Fehler in der Malerei, Erker, die übereinander gemalt werden oder in Fenster hineinragen.

Die spätmittelalterliche Illusionsmalerei war eine beliebte Kunstform: Mit Farbe und Perspektive ließ sich eine prächtige Architektur vortäuschen und die Fassade eindrucksvoll inszenieren. Das Ergebnis wirkt bis heute täuschend echt und dreidimensional, aus der Nähe betrachtet reine Farbe auf einer flachen Wand.

Wer einen Blick von oben auf Füssen werfen möchte, der muss nicht unbedingt dafür zahlen. Während der Torturm nur mit kostenpflichtigem Museumsticket zugänglich ist, lässt sich der gegenüberliegende Fallturm direkt vom Innenhof aus kostenlos besteigen, mit einem Blick auf den Lech und die Berge.

Ein See, der jeden Winter verschwindet

Am Stadtrand von Füssen liegt der Forggensee, Deutschlands größter Stausee mit gut 15 Quadratkilometern Fläche. Zwischen 1949 und 1954 wurde der Lech bei Roßhaupten aufgestaut, zwei kleine Weiler namens Forggen und Deutenhausen mussten den Fluten weichen, ihre Bewohner wurden umgesiedelt. Der See trägt bis heute den Namen des versunkenen Dorfs.

Was viele nicht wissen: Randvoll ist der See nur gut vier bis fünf Monate im Jahr. Jeden Herbst, meist ab Mitte Oktober, werden die Schleusen an der Staustufe Roßhaupten geöffnet und der Wasserspiegel um bis zu 16 Meter abgesenkt, das schafft Platz für die Schneeschmelze im Frühjahr.

Wer dann am Ufer steht, blickt auf eine fast mondlandschaftliche Szenerie, streckenweise kommen sogar die Grundmauern der einstigen Dörfer und Reste der antiken Römerstraße Via Claudia Augusta wieder zum Vorschein. Im Sommer dagegen ist der Forggensee ein beliebtes Ziel zum Segeln, Baden und für Bootsfahrten, mit einem der schönsten Blicke auf Schloss Neuschwanstein überhaupt.

Meine Tipps für den Altstadt-Besuch

Für eine Pause zwischendurch lohnt ein Abstecher ins Café FREIDAY in der Schrannengasse: Inhaberin Miriam Bayerl stellt fast alles selbst her, von Sirup über Marmelade bis zum Kuchen, mit vorwiegend regionalen Zutaten, ich kann es aus eigener Erfahrung nur empfehlen.

Zum Abendessen war ich im Gasthaus zum Schwanen, mitten im historischen Kern, mit bodenständiger, guter Küche. Ich empfehle die Spätzle.

Wer sich lieber führen lässt, statt selbst zu planen, findet in der kostenlosen Lauschtour-App einen guten Begleiter: ein audiogeführter Rundgang zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Altstadt, rund 1:15 Stunden lang, Start ist am Seilerturm.

Wer im Sommer da ist, sollte außerdem einen Blick in den Veranstaltungskalender werfen, im Kaisersaal des ehemaligen Klosters finden regelmäßig Konzerte statt.

Und nicht vergessen, das Festspielhaus Neuschwanstein am See mit seinen Aufführungen.

Wer nach der Altstadt doch noch zu den Schlössern hinauswill, findet Informationen zu den Eintrittspreisen und der Anfahrt in meinem Artikel über König Ludwig.

Text und Fotos: Britta Smyrak

Danke an Füssen Tourismus und Marketing für die Einladung zu dieser Pressereise.

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