Wandern im Allgäu – hoch, höher, Gipfelkreuz

Wandern im Allgäu

Raus aus der Komfortzone – rein ins kleine Abenteuer. Wir waren drei Tage stramm Wandern im Allgäu. Was ich dabei erlebte, berichte ich hier. Schon vor dem Trip habe ich mir ein paar Gedanken über das Wandern gemacht: Gewandert sind die Menschen schon immer. Es gab schließlich lange keine anderen Fortbewegungsmittel als die eigenen Füße (außer für Privilegierte der Tierrücken). Ansonsten ging’s zu Fuß von A nach B oder auf die Jagd, zum Sammeln, in den Krieg, auf Pilgerreise …

Seit dem Zeitalter der Industrialisierung, dem Bau der Eisenbahn, der Erfindungen von Autos hat sich die Einstellung zum Wandern grundlegend geändert: Es war plötzlich kein Muss mehr, sondern ein KANN oder ein WOLLEN.

Wandern im Allgäu, ich will meine Grenzen spüren

Raus aus der Stadt und Natur erleben, in ihr aufgehen! Das Wandern bekam eine andere Dimension, Wandern wurde zum Genuss, zum Erlebnis. Und als immer mehr in die Wanderstiefel trieb, wurde es auch zu einem Wirtschaftszweig: Der Wandertourismus war geboren.

Das Wandern hat bis heute ein gutes Image: Es ist gesund und wirkt positiv auf Körper und Seele. Wandern, so scheint es, brauchen wir Menschen und so zieht es sehr viele von uns regelmäßig in die Berge um das Grün und die Pflanzen auf sich sich wirken und die Kräfte walten zu lassen.

Aber auch, um die eigenen Grenzen zu spüren und zu überwinden, sich als Teil von etwas Großem zu empfinden. Die Schönheit und die Wunder der Natur hautnah zu erleben. Und natürlich ist auch die sportliche Leistung ein wesentliches Element. Das war auch mein Interesse. Daher ließ ich mich nicht nur auf einen schöne, leichte Wanderstrecke ein, sondern wollte auch meine Grenzen testen.

Die Wandertrilogie Allgäu – im Dreiklang mit der Natur

Das größte zusammenhängende Wandergebiet Deutschlands liegt im Allgäu. Dorthin lud die „Wandertrilogie Allgäu“ zum dreitägigen Wandertrip. In kleiner Gruppe hoch hinaus bis zum Gipfelkreuz – von morgens bis abends unter freiem Himmel. Muskelkater garantiert. Atemberaubende Blicke über die Gipfel ebenso. Genau das, was ich suchte …

Kurz zur Erklärung: Das mit Bayrischen Staats- und EU-Mitteln geförderte Angebot der „Wandertrilogie“ hat auf 876 Kilometern und auf drei Routen mit insgesamt 51 Etappen die schönsten Wanderwege der Region herausgearbeitet.

Grundlage des Konzeptes sind die drei thematisch zusammenhängenden Routen, mit sich steigerndem Wanderniveau und den klangvollen Namen: „Wiesengänger“ (397 km, 21 Etappen im Unterallgäu für Wandereinsteiger), „Wasserläufer“ (384 km, 25 Routen in der Voralpenlandschaft) und „Himmelstürmer“(341 km, 24 Etappen, für sportliche Wanderer im Oberallgäu) – auf deren Pfaden sich natürlich auch individuelle Tagestouren abwandern lassen.

Wandern im Allgäu

Schaff ich das? Was das Wandern im Allgäu mit mir macht

Bevor es losgeht, packt mich angenehme Vorfreude! Werde ich es schaffen oder auf halber Strecke schlapp machen? 14 Kilometer, rund 2000 Meter Höhe – für einen Stadtmenschen aus Berlin heißt das: Zwei Kilometer über dem Alexanderplatz in der Luft zu sein … Aber ich will da auf jeden Fall hoch. Mein Glück: Die Sonne strahlte vom Himmel.

Wir starten von Bad Hindelang am frühen Morgen, es hängt noch Nebel über den Tälern …

Neben dem frühen Aufstehen gehört zum Wandern im Allgäu auch die richtige Ausrüstung: Festes Schuhwerk, Zwiebellook, Regenjacke für den Fall der Fälle, Sonnenbrille, Sonnenmilch, Rucksack, Brotzeit, ausreichend zu Trinken (mind. zwei Liter für einen Tag), Wanderkarte, Kompass oder Handy, sind die Basics, die ihr auf alle Fälle dabei haben solltet.

Mit jedem Schritt zu einer neuen Erkenntnis

Von Oberstdorf geht es mit der Nebelhornbahn den gleichnamigen Berg hinauf. Die Steigung, die dann folgt hat es in sich: Über schmale, kurvenreiche Berghänge vorbei an grünen Wiesen und mampfenden Kühen mit schweren Almglocken um den Hals. Ich schwitze, ich schnaufe, ich konzentriere mich auf den steinigen, schmalen Pfad vor mir und die tiefen Abgründe neben mir und bin nur bei einer Sache: Meinem Gehen und meinem Atem …

Erkenntnis Nr. 1: Wieder ganz bei mir zu sein im simplen Dasein fühlt sich gut an! 

So langsam komme ich in den Flow. Die Muskeln sind jetzt warm, die Glieder eingelaufen. Holla, ich laufe wie von alleine, habe jetzt Zeit mich umzusehen. Und ich komme aus dem Staunen nicht mehr heraus: Was für ein Panorama! Was für ein blauer Himmel! Nichts, das über mir noch zu sein scheint …

Erkenntnis Nr. 2:  Ich fühle mich glücklich. Allein durch den Blick auf diese wunderschöne Landschaft. 

Wir passieren ein Gipfelkreuz. Da steht es mächtig vor mir. Irgendjemand hat den Platz einst ausgemessen, die Holzkonstruktion hier aufgestellt und seitdem weiß nun jeder, der hier vorbei kommt: Es ist der höchste Punkt.

Erkenntnis Nr. 3: Den Gipfel zu erreichen, macht nichts mit mir, Der Weg ist das Ziel. 

Unsere nächste Etappe ist der Engeratsgrundsee auf fast 2000 Metern Höhe. Ein wunderschöner Bergsee, klar, grün, umgeben von Stein, Wiese und zarten Alpenblümchen. Ich trau mich hinein in das kalte, klare Wasser und muss nach Luft schnappen, so sehr ziehen sich meine Lungen in der Wasserkälte zusammen. Doch dann schaltet der Körper auf Warmzufuhr – als ich rauskomme fühle ich mich wie nach zwei Stunden Mittagsschlaf.

Erkenntnis Nr. 4: Fühlt sich der Körper lebendig, dann erweckt das den Geist und die Seele. 

Der Abstieg kostet Überwindung

Wir sind nun schon ein paar Stunden unterwegs und so langsam bewegen wir uns wieder gen Tal. Die Steine werden weniger, die Vegetation nimmt zu. Es wird im Ganzen grüner, die Temperatur milder, die Luft dicker … Und irgendwie stimmt es mich melancholisch, auf den Boden der Tatsachen zurückzukehren. Von oben betrachtet, wirkt das Leben „da unten“ doch ziemlich profan. Irgendetwas in mir drängt danach, ein Leben hier oben in einer Almhütte zu beginnen …

Wandern im Allgäu

Erkenntnis Nr. 5: Die Größe der Natur zu spüren, macht die weltlichen Dinge ziemlich banal.

Am nächsten Tag wandern wir wieder. Dieses Mal ist es keine Strecke ganz hoch hinaus, sondern es geht zwar stetig bergauf, aber das Erlebnis sind hier die verschiedenen Vegetationen. Auf kleinen Pfaden wandern wir entlang bewachsener Felswände mit kleinen Wasserfällen. Dann wieder durch einen hohen Tannenwald, in dem es kühl und dunkel ist. Es folgt eine Strecke, auf der der Weg von Sträuchern und Blumen fast zugedeckt ist. Dann kommen weite Strecken entlang grüner Almwiesen auf einem steinigen Weg. Jeder geht hier immer mehr für sich alleine. Die Bewegung wird immer mehr automatisiert, die Gedanken fließen …

Erkenntnis Nr. 6.: Beim Wandern im Allgäu ist Alleinsein schön. Wir kommen zur Ruhe und können über Dinge nachdenken, zu denen uns sonst die Muße fehlt.  

Ich schwitze, es ist heißer, aber auch anstrengender als am Tag zuvor. Aber ich bin auch schon viel sicherer im Tritt, viel geübter, beweglicher, zielstrebiger. Ich fühle mich schon wie ein Profi. „Wandern“, denke ich, „liegt uns eben im Blut“. Meine Gedanken gehen ganz entspannt bestimmten Ideen nach. Mir kommen ein paar sehr gute Einfälle, ich sehe Dinge plötzlich klarer, bewusster. Teils sind das auch negative Erkenntnisse, die ich im Bezug auf bestimmte Umständen nun sehen kann, die ich vielleicht bislang verdrängt habe. Aber diese Übersicht bringt mich nach vorn. Ich nenne es „Den Pilgerreisen-Effekt“.

Looping Magazin Sporttrip Wandern

Erkenntnis Nr. 7: Wandern macht klar im Kopf. Und fördert die innere Stärke, so dass wir uns bestimmten Dingen stellen können. 

Aber am Ende ist doch das Ankommen das schönste Erlebnis. Nach dem langen Tag ausgestreckt, ermüdet und doch wohlig im Bett zu liegen und selig einzuschlafen. Wandern im Allgäu, was für eine Leistung. Was für ein Erlebnis. Bald wieder!

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Fotos und Text: Verena Schulemann

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