„Nothing is forever!“ Interview mit Jojo Corväiá in Berlin.

Töpfern ist total uncool. Denkt jeder, dachte ich auch, bis ich die Sachen von Jojo gesehen habe, aber stop, fangen wir doch ganz von vorne an. Vor knapp einem Jahr habe ich Jojo Corväiá in Berlin kennengelernt. Was ich damals nicht wusste, er war kurz vorher erst von Seattle nach Berlin gezogen. Ursprünglich kommt Jojo aus Venezuela, hat Fotografie in London studiert 7 Jahre in Miami gelebt und mehr als 20 Jahre als Fotograf gearbeitet. 2007 passiert die Katastrophe, Jojo verliert seine Familie, die zwei wichtigsten Menschen in seinem Leben sterben. Er ist wie gelähmt. Was macht man, wenn einem der Boden unter den Füßen weggezogen wird? Jojo versucht Abstand zu gewinnen und geht so weit wie möglich weg von Miami nach Seattle. Er braucht zwei Jahren um wieder Fuß zu fassen, eröffnet in Seattle die Arabica Lounge und wird mit seinem Culinary-Art-Concept stadtbekannt. Dann wird das Gebäude, in dem sich das Café befindet, verkauft, die Miete steigt und Jojo spürt, es ist Zeit für Veränderung. So landet er in Berlin. Kurz vor Weihnachten bekomme ich eine Einladung um seine neuesten Keramiken zu präsentieren. Zeit ihn endlich mal wieder zu besuchen und über die Vergangenheit, das Jetzt und die Zukunft zu sprechen. Und nun vergiss alles, was du über Töpfern weißt: Hier kommt Jojo!

Wie bist du zum Töpfern gekommen?

In einer Galerie in Seattle habe ich die polnische Künstlerin, Sylwia Tur getroffen. Sie arbeitet mit Keramik und Porzellan. Das gefiel mir und ich fragte sie, ob ich mit ihr, mit meinen Händen arbeiten könnte. Wir haben ein paar Wochen zusammengearbeitet und sie gab mir den Rat in einen Töpferkurs zu gehen. In meinem Kopf sprangen sofort alle Alarmlampen an: „Ich werde auf keinen Fall Vasen und Tassen töpfern“. Aber am Ende bin ich dann doch zu einem Volksschulkurs gegangen. Ich habe den Lehrer gefragt, ob ich meine eigenen Sachen machen kann. Scheiben! Er war etwas irritiert, aber lies mich machen. Ich produzierte eine Scheibe nach der anderen, es war wie eine Art Meditation. Ich fing an, viel über den ganzen Prozess zu lernen. Porzellan ändert zum Beispiel die Farbe, je nach dem wie du es brennst. Ich habe jetzt mein eigenes Studio hier zu Hause.

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Was reizt dich, was ist so besonders am Töpfern?

Es gibt viele technische Herausforderungen. Wenn eine Schale bricht oder zu schnell trocknet, es manchmal nicht funktioniert, dann muss ich dazu lernen. Wie bei jedem Material gibt es Limitierungen und du suchst nach Lösungen. Es hängt immer davon ab, was du erreichen möchtest. In meinem Fall denke ich keine Sekunde daran, ob etwas gut oder schlecht ist. Ich lerne aus Fehlern. Aus etwas Negativem wird etwas Positives. In meinem Leben habe ich gelernt: Alles, was schief geht, ist ein Geschenk. Diese Erkenntnis, dieses Prinzip wende ich bei meiner Arbeit an. Fehler inspirieren mich zu neuen Experimenten, führen zu neuen Texturen, neuen Farben, neuen Entdeckungen. Ich gelange zu einer höheren Stufe. Ich kann immer mehr Worte zu meiner Sprache hinzufügen. Und am Ende des Tages ist es einfach nur Töpfern!

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Wie entstehen deine Keramiken?

Ich habe viel über das Töpfern gelesen und bin dabei auf diese Vulkanasche gestoßen. Ich fing an damit zu experimentieren, habe Porzellan und Vulkanasche zusammengebracht. Ich probiere auch verschiedene Brenntemperaturen. Ich entwickele meine eigene Sprache mit meiner Arbeit. Du erkennst das es meine Arbeit ist.

Ich mache die Sachen nicht für andere. Ich habe am Anfang auch nicht daran gedacht, meine Keramiken zu verkaufen. Aber ich glaube, ich habe bei den Leuten einen Nerv getroffen. Mit diesem Material kann ich Gefühle ausdrücken. Es nimmt Formen an. Es bleibt so, wie ich es will. Für mich ist es ein guter Weg auszudrücken, was ich fühle. Es ist, als ob ein direkter Draht zwischen meinem Herz und meinen Händen besteht. Ich denke dabei nicht an irgendeinen Nutzen. Ich denke nicht an eine Vase und oben kommen die Blumen rein. Ich denke an einen Mund, an einen langen Hals.

Jedes Mal, wenn ich meine Arbeiten signiere und das Datum darunter setzte, staune ich, wie das Leben dich an Orte bringt, an die du nie gedacht hast.

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Bist du angekommen in Berlin?

Ich bin schon immer viel gereist und war vorher ein paar Mal in Berlin. Die Stadt hat mir sofort gut gefallen. Also habe ich 2014 mit einem Anwalt gesprochen und er hat mir geraten, es mit einem Visum für Künstler zu versuchen. Es hat geklappt. Im April 2015 bin ich nach Berlin gezogen, in eine Stadt, in der ich niemanden kannte. Ich wusste nur, ich habe ein Visum für zwei Jahre in der Tasche. Ich bin ein Risiko eingegangen, aber wir gehen jeden Tag Risiken ein, ohne uns das immer wieder bewusst zu machen. Durch Zufall habe ich schnell meine Wohnung gefunden und musste erstmal viel renovieren.

Am Anfang hatte ich nichts, aber ich hatte keine Angst. Ich habe mich gut gefühlt. Manchmal war es schwierig, genug Geld zu haben. An manchen Tagen hatte ich kein Geld, um mir etwas zu essen zu kaufen. Aber ich bereue nichts von dem, was ich getan habe, denn es hat mich zu dem gemacht, was ich bin. Ich habe jetzt für zwei Jahre ein Visum und nach Ablauf kann ich es verlängern lassen.

Als ich nach Berlin kam, hatte ich keinen wirklichen Plan, was ich hier machen wollte. Es ist unglaublich, wie schnell ich mit meinen Keramiken bekannt wurde, mir einen Namen gemacht habe. Ich wurde bereits eingeladen nach Hamburg, Frankfurt, Paris, wo ich meine Arbeiten mit anderen Künstlern in einer Ausstellung zeigen konnte. Die Geschwindigkeit meiner Entwicklung ist unglaublich, manchmal überwältigend. Ich glaube, im Moment erlebe ich die wertvollste Zeit meines Lebens. Es ist wirklich außergewöhnlich

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Wie sieht ein perfekter Tag für Jojo Corväiá in Berlin aus?

Ich mache einfach die Dinge, auf die ich Lust habe. Ich bin mehr der Café- als der Restauranttyp und besuche gerne Museen und Galerien. Mein Hund wurde gerade 15 und mit ihm spaziere ich viel durch mein Viertel. Einer meiner Lieblingsorte in Berlin ist der Türkenmarkt am Maybachufer in Kreuzberg und sonntags der Flohmarkt am Arkonaplatz. Und am liebsten lade ich Freunde zu mir ein.

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Danke Jojo Corväiá in Berlin für das intensive und offene Gespräch.

Text und Bilder: Britta Smyrak und Jojo Corväiá

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