„Vom Bergmann zum Seemann.“ Fahrradtour durch das Lausitzer Seenland

Fahrradtour durch das Lausitzer Seenland

Tock. Tock. Pause. Tock. Tock. Tock. Es klopft. Es ist noch verdammt früh am Morgen, ich versuche die Augen zu öffnen. Draußen hämmert ein Specht aus Leibeskräften gegen den Kieferstamm gleich neben unserem Baumhaus.

Baumhaus Nr. 4

Ganz schön hungrig das Kerlchen. Ich gehe hinaus auf die Terrasse und suche die Bäume nach dem Störenfried ab. Kind und Hund schlafen noch tief und fest. Wir sind im Hafencamp am Senftenberger See und machen heute eine Fahrradtour. Knapp 50 Kilometer liegen vor uns und ich bin ein bisschen nervös. Erst vor zwei Tagen haben wir in einer Nacht- und Nebelaktion einen Fahrradanhänger für den Hund gekauft, denn mir wurde schlagartig klar, dass die Strecke für einen untrainierten Hund eindeutig zu lang ist. Gestern haben wir den ganzen Nachmittag versucht den Hund mit viel Geduld und noch mehr Leckerchen davon zu überzeugen, dass der Hänger prima ist. Der Erfolg war mäßig.

Pünktlich um 8 Uhr steht der Korb mit dem Frühstück auf der Treppe. Es sieht ein bisschen aus wie bei Rotkäppchen. Bevor der böse Wolf sich aus den Federn pellt, gönne ich mir den ersten Kaffee. Gegen 9 Uhr sind alle wach, wir decken den Tisch: Brötchen, Wurst und Käse, Marmelade, Honig, zwei Eier, Joghurt, Obst und Orangensaft, uns fehlt nichts.

11 Uhr, Kilometer 0, Start der Fahrradtour durch das Lausitzer Seenland!

Die Räder haben wir uns im Familienpark Senftenberger See, dem Komfortcampingplatz gleich nebenan ausgeliehen. Der Hänger ist angekuppelt. Jetzt gibt es noch Vaseline unter die Pfoten, das schützt gegen den harten Asphalt, ein letztes Probesitzen im Hänger und einen Schluck Wasser.

Am Fahrrad laufen kann der Hund, das haben wir bereits im Frühjahr bei unserer Fahrradtour auf der Hallig Langeneß getestet. Wir starten am Senftenberger Seeufer auf einem gut ausgebauten Radweg und fahren Richtung Senftenberg.

Zwischendurch machen wir viele Pausen um den Hund immer wieder kurz in den Hänger zu setzen. Eins steht fest, dicke Freunde werden die beiden nicht.

12 Uhr, Kilometer 7,5, Besichtigung Museum Schloss und Festung Senftenberg

Wir fahren durch Senftenberg zum gleichnamigen Schloss Senftenberg. Diese Festungsanlage wurde im 16. Jahrhundert zur Sicherung der sächsischen Grenze errichtet und ist bis heute umgeben von einem intakten Festungswall. Im Inneren dieses Erdwalls befinden sich die Kasematten. Eine Kasematte ist ein Gewölbe aus dicken Mauern und einer ebensolchen Erdschicht oben drauf, dass sogar Artilleriebeschuss standhält. Man unterscheidet generell zwischen Wohn- und Aufbewahrungskasematten. Sie wurden aber auch oft als Kerker oder Folterkammern genutzt, denn aus ihnen drang kein Ton nach draußen.

Im Schloss gibt es verschiedene sehr interessante Ausstellungen, angefangen mit der Geschichte der Lausitz und der Stadt Senftenberg im Kellergeschoss. Natürlich bleiben wir bei den Foltergeschichten hängen. Kleiner Auszug aus der Geschichte: 1619 wurde ein Botengänger auf dem Markt zu Senftenberg hingerichtet, weil der Brief des Kurfürsten zu Sachsen nicht pünktlich ankam. 1639 wurde ein Soldat der 50 Pferde gestohlen hatte aufgehängt und blieb vier Jahre hängen. Bin ich froh, dass ich damals nicht gelebt habe.

„Gott schuf die Lausitz und der Teufel versteckte die Kohle darunter.“

Sorbisches Sprichwort.

Im Erdgeschoss wird das Thema Bergbau in der Lausitz thematisiert. Dafür wurde ein original Bergstollen in das Museum eingebaut, der begehbar ist. Schon ein paar Meter unter der Erde lassen mich erahnen, wie das Arbeiten unter Tag in totaler Finsternis sein muss.

Nach dem Stollen kommt der Tagebau. In der Lausitz befinden sich 360.000 Hektar große Lagerstätten von Braunkohle. Bisher wurden ca. 23% im Tief- und Tagebau abgebaut. Rund ein Drittel der Flächen liegt in Sachsen und zwei Drittel in Brandenburg. Auf Landkarten wird veranschaulicht, wie die Lausitz sich in den letzten 150 Jahren komplett verändert hat. Riesige Flächen inklusive ganzer Ortschaften wurden umgewühlt. Die stillgelegten Flächen werden seit einigen Jahren geflutet, mehr als 20 Seen sind bereits entstanden, das Lausitzer Seenland. Das Ausmaß ist gigantisch. Ich bin gespannt, was wir auf unserer Tour davon sehen werden.


15 Uhr, Kilometer 19, IBA-Terrassen.

Unter Protest kommt der Hund in den Hänger samt einer Handvoll Leckerchen. Wir geben die nächsten 10 Kilometer Gas, radeln durch Senftenberg durch, am Bahnhof vorbei und sind plötzlich ganz alleine auf weiter Flur. Nur selten kommt uns ein anderer Radfahrer entgegen. Hin und wieder können wir durch die Büsche einen Blick auf das weite Land und den Großräschensee werfen. Ein See, der im Entstehen ist. Vereinzelt ragen noch die Bäume aus dem Wasser. Näher ran ans Ufer dürfen wir nicht, Schilder warnen immer wieder vor dem Betreten des ehemaligen Tagebaugeländes.

In der Ferne sehen wir die IBA-Terrassen, die wir am frühen Nachmittag gegen 15 Uhr erreichen. Es ist sehr warm und wir kippen literweise Apfelschorle in uns hinein. Die Landschaft ist bizarr. Ein ehemaliger Abwurfsausleger zeugt von der Zeit des aktiven Tagebaus und dient jetzt als Aussichtssteg. Am Hang der IBA-Terrrassen wird Wein angebaut. Im Restaurant kann man die Flaschen kaufen. Mich würde interessieren, wie er schmeckt, aber der Transport wäre jetzt schwierig.

Am zukünftigen Ufer des Sees wird fleißig gebaut. Wer in naher Zukunft am Wasser wohnen möchte, der sollte jetzt eine Wohnung kaufen. Das Hafenbecken für die Marina ist bereits ausgehoben und ein schönes Hotel, das Seehotel mit Springbrunnen ist auch schon da.

17:30 Uhr, Kilometer 24, wir haben Hunger, Hunger, Hunger, …

Wir fahren weiter bis nach Dörrwalde und erreichen gegen 17.30 Uhr die Dörrwalder Mühle. Wir sind die einzigen Gäste im wunderschönen Innenhof und ich könnte jetzt ein Wildschwein verschlingen. Das Schnitzel wird in der Küche für uns weichgeklopft. Zusammen mit dem Wildkräutersalat ist das Essen sehr, sehr lecker. Die Mühle liegt idyllisch und bietet für die Übernachtung drei hübsche Gästezimmer und die Mühlensuite. Vielleicht meine Unterkunft beim nächsten Besuch?

Die Sonne steht schon recht tief, als wir weiterfahren. Der Fahrradweg ist gut ausgeschildert. Zur Sicherheit habe ich mir die Route vorher als Karte bei Google Maps angelegt und sehe so perfekt, wo genau wir sind und wo wir hin müssen. Wir haben jetzt gut die Hälfte der Strecke geschafft. Wenn wir in dem Tempo weiterradeln, sind wir nicht vor 23 Uhr zurück im Baumhaus. Schweren Herzens entscheiden wir abzukürzen und statt nach Welzow direkt zum letzten Highlight unserer Tour, zum Aussichtsturm Rostiger Nagel zu radeln. Der Hund ist k.o. und scheint zum ersten Mal froh, im Hänger zu liegen. Nach dem Bahnübergang in Bahnsdorf biegen wir ab auf die Somoer Straße und kommen so direkt zum Sedlitzer See.

Im warmen Licht der Abendsonne fühlt es sich an, als würden wir durch Südeuropa fahren. Der See schimmert durch die Bäume, die einsame Landschaft ist karg, trocken und sandig. Dieser Teil unserer Strecke gefällt uns besonders gut. Kraniche ziehen über uns hinweg, wir hören sie rufen.

20 Uhr, Kilometer 35, Aussichtsturm Rostiger Nagel

Plötzlich steht er vor uns in der Landschaft, ragt zwischen Sedlitzer- und Geierswaldersee wie ein Kunstwerk in den Himmel, der Aussichtsturm Rostiger Nagel.

Er ist 30 Meter hoch, komplett aus Stahl und verdankt seinen Namen er einer Schicht aus rostbrauner Patina. Wir erklimmen die 162 Stufen bis zur Aussichtsplattform und spenden unsere letzten Euros zum Erhalt dieses Bauwerks. Ganz oben gibt es einen Schlitz, wie bei einer Spardose und wir hören, wie unser Geld in die Tiefe rauscht. Fast 1 Million € hat der Bau gekostet und erhielt 2010 den Sonderpreis des Deutschen Stahlbaus. Für mich ist er jeden Cent Wert! Einfach nur gut!

21:30 Uhr, Kilometer 40, SeeLounge und Ende.

Es dämmert, es wird dunkel, wir rasen durch den Wald. Um 21:30 Uhr sind wir zurück am Senftenberger See, ergattern in der SeeLounge gerade noch das letzte Stück Kuchen, besser als nichts, und lassen uns erschöpft in die Liegestühle fallen. Wir starren den Mond an, trinken noch eine letzte Saftschorle, wir haben es geschafft. Unsere Fahrradtour durch das Lausitzer Seenland ist zu Ende. Ich bin stolz auf meine Tochter, die einfach mal 40 Kilometer geradelt ist. Ich bin stolz auf den Hund, der den Anhänger nicht komplett zerlegt hat und auf mich, einfach so.

Nachtrag: Fahrradtour durch das Lausitzer Seenland, der Tagebau Welzow

Dass wir unsere Fahrradtour durch das Lausitzer Seenland abkürzen mussten, lässt mir keine Ruhe, es fühlt sich unvollständig an. Auf dem Rückweg nach Berlin holen wir den ausgelassenen Stopp nach und fahren zum Aussichtspunkt Welzow-Stadt. Ich bin sprachlos! Aufgewühlte Erde bis zum Horizont. An den Rändern riesige Bagger, am Horizont das Kraftwerk Schwarze Pumpe. Um das Ausmaß des Braunkohle Tagebaus zu begreifen, muss man es gesehen haben. Es ist abschreckend und faszinierend zugleich, Fluch und Segen für die Bevölkerung der Region, denn ohne die Braunkohle gibt es kaum Arbeitsplätze. Ob der Tourismus ausreichend Ersatz schafft, wird die Zukunft zeigen. „Vom Bergmann zum Seemann“ jetzt ist unsere Tour komplett. Welzow war wichtig.

Unsere Fahrradtour durch das Lausitzer Seenland zum nachfahren:

In den letzten Jahren ist in der Lausitz fast unbemerkt Europas größte künstlich erschaffene Wasserlandschaft entstanden und die ist mehr als nur einen Besuch wert!

Text und Fotos Britta Smyrak

Danke an TMB Tourismus-Marketing Brandenburg GmbH für die Unterstützung meine Fahrradtour durch das Lausitzer Seenland. Ich muss unbedingt nochmal zurück!

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